Der Anzug des wohlhabenden Bewohners von Fes ist indess viel reichhaltiger. Auf dem Kopf trägt er einen hohen spitz zulaufenden rothen Fes, Saschia genannt, um den ein weisser Turban, Rasa, gewickelt wird. Ueber ein langes weissbaumwollenes Hemd, Camis, vervollständigen eine Tuchweste mit vielen Knöpfen, und bis oben eng anschliessend und zugeknöpft, Ssodria, dann ein Tuchkaftan aus schreienden Farben und eine weite Hose, Ssrual, den Anzug, gelbe Pantoffel bilden die Fussbekleidung. Die meisten Jünglinge und Männer tragen Fingerringe aus Silber mit werthlosen Steinen, einige haben Ringe mit Steinen, welche man im Wasser auflösen kann (nach der Aussage des Besitzers), und welche Auflösung alsdann ein Mittel gegen Vergiftung ist. Einen solchen Ring besass Ben Thaleb auch, dennoch entging er nicht seinem Tode.

Sehr unangenehm ist die entsetzliche Unreinlichkeit, welche überall herrscht; die Kleider werden nie gewechselt, sondern, wenn einmal angezogen, immer Tag und Nacht, so lange auf dem Körper getragen, bis man neue Kleidungsstücke anschafft. Allerdings spricht Leo von grossen öffentlichen Waschanstalten in Fes; ich konnte leider solche zu meiner Zeit nicht mehr constatiren. Der reiche Bewohner kauft sich einmal, wohl auch zweimal, im Jahr einen neuen Anzug, bei Gelegenheit eines grossen Festes. Das altgewordene bekommen sodann die Kinder, Verwandten, Diener, oder auch arme Freunde zum Weitertragen. Der Arme kauft sich, nachdem er lange darauf gespart hat, einen Anzug, legt ihn dann aber nie wieder ab, bis er absolut unbrauchbar geworden ist. Freilich findet einmal im Jahr eine grosse Kleiderreinigung, eine allgemeine Wäsche, statt: am Tage vor dem aid-el- kebir, dem grossen Bairain der Türken. Da an diesem Tag Jeder geputzt erscheint, wer es kann sich ein neues Kleid kauft, und wer nicht, doch darauf hält so rein als möglich zu erscheinen, so sehen wir denn am Tage vor dem aid-el-kebir alle Welt, Jung und Alt, Männer und Frauen den Wasserplätzen zueilen; man entledigt sich der Kleidungsstücke und wie besessen tanzt und springt Jeder auf seinem Zeuge herum, um mit den Füssen den jahrelangen Schmutz herauszustampfen: eine einfache Handwäsche würde dazu nicht genügen.

Die Nationalspeise der Fessi ist ebenfalls Kuskussu—ein Mehlgericht, welches aus geperltem Weizen- oder Gerstenmehl bereitet und mittelst Dampf gekocht wird. Der nahe Sebu liefert indess ausgezeichnete Fische, die man in einer gepfefferten und durch Tomaten rothgefärbten Oelsauce stets fertig auf dem Marktplatze bekommen kann. Hammel-, Ziegen- und Schaffleisch ist gleichfalls billig zu haben, und in Fes wird wohl mehr animalische Nahrung consumirt, als im ganzen übrigen Lande, die Städte ausgeschlossen, zusammen.

Wie alle Marokkaner, sind auch die Fessi grosse Liebhaber von Thee, der vor dem Essen gereicht wird; die Manier zu essen ist aber eben so unsauber bei den vornehmsten Fessi, wie im ganzen Lande. Mehrere Personen hocken um eine irdene Schüssel, die in einem niedrigen Tischchen, etwa zwei Zoll hoch, Maida genannt, aufgetragen wird. Alles kauert auf der Erde, in solcher Stellung, wie Jeder sie nehmen will; nachdem ein Sklave oder einer der Gesellschaft Wasser zum Abwaschen der Hände herumgereicht hat, spült man sodann diese ab, und ein gemeinsames Handtuch bei den Reichen dient zum Trocknen, bei Unbemittelten trocknet man sich einfach die Hände mit dem Zipfel seines Burnus. Dann, auf ein gegebenes Zeichen, greift mit dem Worte "Bi' Ssm' Allah" (Im Namen Gottes) ein Jeder mit der Rechten in die Schüssel, um den erhaschten Bissen zum Munde zu führen. Alle befleissigen sich einer ausserordentlichen Eile, um nicht zu kurz zu kommen, nur bei sehr Reichen wird langsam gegessen, weil da mehrere Schüsseln folgen. Es gehört übrigens zum guten Ton für die Frauen, Diener und Kinder, oder auch für die herumlungernden Armen, Anstandsbrocken in der Schüssel zu lassen. Eine grosse Auszeichnung aber ist es jedenfalls für einen Fremden, wenn der Wirth selbst mit seiner schmutzigen Hand in die Schüssel fahrt, einen Lockina, d.h. Bissen oder Mundvoll, hervorholt und ihn dem Gast in den Mund schiebt. Obschon ich nicht lange Zeit brauchte um mich an diese Art des Essens zu gewöhnen, denn Hunger überwindet Alles, so hatte ich doch längere Zeit nöthig zu lernen geschickt und anständig zu essen, denn es gehört Geschicklichkeit dazu die oft halb flüssigen Bissen mit Eleganz an den Mund zu befördern, namentlich, wenn man nicht zu kurz kommen will.

Ein Trunk Wasser, eine abermalige oberflächliche Handabspülung und ein nie unterlassenes "Hamd ul Lah" (Lob sei Gott) beschliesst jedes Mahl.

9. Mikenes und Heimreise nach Uesan.

Ben Thaleb hatte geglaubt, auf die Dankbarkeit des Sultans rechnen zu können, der seine Thronbesteigung gewissermassen ihm zum Theil verdankte. Verschiedene Male war Ben Thaleb um seinen Abschied eingekommen, er hatte nun seit mehr als 13 Jahren der reichsten Stadt des Landes vorgestanden. Vielleicht hoch in den Fünfzigen, hoffte er seine letzten Lebensjahre ruhig in seiner Heimath, inmitten seiner treuen Berbertribe beschliessen zu können. Da starb er eines Tags, plötzlich, ohne vorher auch nur ernstlich unwohl gewesen zu sein.

Dem Sultan musste der Tod des Bascha's äusserst erwünscht sein. Er hatte gerade jetzt Kriegsentschädigung zu zahlen. Spanien verlangte für Zurückziehung der Truppen aus Tetuan 23 Millionen spanische Thaler. Woher das Geld nehmen? Den grossen Schatz, der in Mikenes sein soll, wollte oder konnte er nicht anbrechen. Wie froh musste der Sultan sein, dass Ben Thaleb in diesem Augenblick ihm den Gefallen that, zu sterben; er war somit Erbe seines ganzen baaren Vermögens geworden.

Sobald der Tod Ben Thaleb's ruchbar geworden war, kamen seine Diener, Sklaven und Maghaseni vor meine Wohnung unter dem drohenden Geschrei, ich habe den Bascha vergiftet, und man müsse mich tödten. Glücklicher Weise für mich war der älteste Sohn des Bascha's da, um mich zu beschützen. Noch am Abend vorher waren wir bei seinem Vater, dem Bascha, gemeinsam zum Thee gewesen, derselbe hatte, genesen von einem leichten Unwohlsein, noch am Abend einen Ochsen, als Opfer und Geschenk an die Moschee Mulei Edris geschickt, und noch am selben Abend äusserte sich der Bascha in Gegenwart dieses Sohnes, dass Mustafa (mein angenommener Name) stets sein volles Vertrauen gehabt habe, und dass ich ihn bei seinem leichten Unwohlsein stets zur Zufriedenheit behandelt habe. "Und," fügte er hinzu, als ob er ein Vorgefühl seines nahen Todes habe, "wenn Gott mein Dasein verkürzen sollte, so beschütze Mustafa, der mein Gast gewesen ist."

Eingedenk der Worte seines Vaters, trieb Si-Hammadi (so hiess der Sohn) seine Leute auseinander, und schon nach zwei Tagen befahl er, mit ihm nach Mikenes zu reisen, zum Sultan. So sagte ich denn Fes Lebewohl, um es nie wieder zu betreten.