Auf unsere am anderen Morgen erfolgte Anzeige wurden von Ben Thaleb sämmtliche umwohnenden Bürger verhaftet, sie mussten die Sachen in Gemeinschaft ersetzen, ausserdem ein jeder 20 "Real" (so nennt man die französischen fünf Francs-Stücke) Caution erlegen, bis der Dieb von ihnen selbst ermittelt wäre. Mit Erlegung der 20 Reals erlangten sie zwar ihre Freiheit wieder, aber ich glaube kaum, dass sie je wieder zu ihrem Gelde gekommen sind, sollte es ihnen auch gelungen sein den Dieb zu ermitteln. Ich bemerke hiebei, dass ich einige Jahre später in Leptis magna von der türkischen Behörde eine ganz ähnliche Justiz üben sah, als einem meiner Diener aus dem Zelt ein Revolver Nachts gestohlen wurde.

Ausser den beiden Gouverneuren der Stadt giebt es sodann Vorsteher der einzelnen Quartiere, Vorsteher der Moscheen, Einsammler der Gelder, Marktvögte, einen Marktkaid der Kessaria, und einen Marktkaid des grossen, einmal in der Woche ausserhalb der Stadt abgehaltenen Marktes. Die Marktvögte und der Marktkaid haben hauptsächlich die Obliegenheit Streitigkeiten zu schlichten und Ordnung zu halten. An jedem Thore findet man einen Kaid el Bab, der die Thore zu öffnen und zu schliessen, sowie den Zoll zu erheben hat, es ist sodann eine Hauptzollamt in der Stadt, endlich sind als Behörden noch die Zunftmeister zu nennen, da jedes Handwerk zu einer Zunft verbunden ist, welcher ein Meister, der den Titel Kebir hat, vorsteht.

Die nächste Umgebung der Stadt zeigt im Norden, Osten und Westen die blühendsten Gärten, die man sich nur denken kann, im Südwesten sind Vorstädte; fast vor allen Thoren ziehen sich Gräberreihen und Gottesäcker hin, von denen einige äusserlich recht stattlich aussehende grössere Grabmonumente aufzuweisen haben. Indess liegt in diesen kaiserlichen Grabmonumenten eine gewisse Einförmigkeit, alle haben viereckige Form, darüber eine achteckige oder viereckige oder auch ganz runde Bedachung. Im Innern findet man in der Regel einen Sarkophag, oft mit Tuch überzogen, oft aber auch nur aus einem hölzernen Gestell bestehend. Neben einem solchen Hauptgrabe findet man manchmal zwei bis sechs und noch mehre kleinere einfache Gräber; entweder waren es Kinder der hier begrabenen Fürsten oder manchmal auch Vornehme und Grosse des Landes, die gegen hohe Geldsummen das Recht erwarben, sich an der Seite ihres Sultans begraben lassen zu können. Von der jetzt regierenden Dynastie ist niemand in oder ausserhalb Fes' beerdigt, sie hat ihre Grabstätten in Mikenes.

Ein grosser und für uns Europäer fast unerträglicher Uebelstand ist, dass dicht vor den Thoren sich verwesende Berge, oft 50 Fuss hoch, von crepirten Thieren befinden; seit Jahrhunderten ist es Brauch, jedes todte Vieh, allen Unrath vor die Thore der Stadt zu bringen, aber so dicht an den Wegen sind diese verpestenden Hügel errichtet, dass es eine Qual ist, aus der Stadt heraus und in dieselbe hinein zu kommen.

Der die Stadt beherrschende Berg, der im Norden und Nordwesten sich um dieselbe herumzieht, heisst Djebel-Ssala, er hat vielleicht 1000 Meter absolute Höhe. Unter dem Vorwande, Kräuter für Bascha Ben Thaleb suchen zu wollen, bekam ich eines Tages Erlaubniss hinauf zu reiten; durch einen breiten Gürtel lachender Feigen- und Orangengärten, wo ausserdem Pfirsiche, Aprikosen, Granaten, Wein und Kirschen gezogen werden, gelangt man in Oelwaldungen, das zweite Drittel ist von immergrünen Eichen, von Lentisken und anderen das Laub nicht verlierenden Bäumen bestanden, das letzte Drittel hat nur Buschwerk und Zwergpalmen. Oben auf dem Berge, von dem aus man eine prächtige Uebersicht über die Stadt, über die Ebene bis zum grossen Atlas und über das nach Westen sich ziehende Serone-Gebirge hat, traf ich einen Einsiedler, Sidi Mussa, schon seit 50 Jahren in einer Höhle auf dem Ssala-Berge lebend. Im Rufe grosser Heiligkeit, lebt er von den Gaben der Pilger, hat aber ausserdem eine grosse Bienenzucht. Auf dem Plateau des Ssala-Berges sind mehrere Quellen und sogar Gärten und Ackerbau.

Was die Bevölkerung von Fes anbetrifft, welche wir auf 100,000 Seelen schätzen können und die vor der Cholera im Jahre 1859 wohl noch 20,000 mehr betrug, so besteht dieselbe vorzugsweise aus Arabern und Berbern.

Während aber auf dem Lande die Mischung von Berbern und Arabern bedeutend seltener ist, kommt sie in den Städten häufiger vor, indess doch nicht der Art, dass man sagen könnte, ein Volk habe das andere absorbirt. Aeusserlich unterscheiden sich die Bewohner von Fes, wie die der übrigen Städte von den Landbewohnern durch grosse Weisse der Haut, es hat dies aber einzig seinen Grund darin, dass sie fast nie der Sonne ausgesetzt sind, da selbst, wenn sie auf die Strassen gehen, diese so eng sind, dass sie nur auf kurze Zeit von der Sonne beschienen werden. Der Grund der häufigen Corpulenz bei den Männern ist denn auch nur darin zu suchen, dass sie wenig Uebung, wenig Bewegung bei verhältnissmässig kräftiger Kost haben. Im allgemeinen sind trotz des sehr hellen Teint die Leute von Fes sehr hässlich, namentlich häufig findet man wulstige Lippen und krauses, obschon langes Haar. Negerblut ist hier unverkennbar, wie denn überhaupt in ganz Marokko viel Negerblut unter die Arabern gekommen ist. Fes vor den übrigen Städten des Landes zeichnet sich noch dadurch aus, dass mit den arabischen und berberischen Elementen sich stark das jüdische gemischt hat. Nicht etwa durch freiwillige Heirathen, sondern dadurch, dass hübsche Jüdinnen gezwungen werden, in den Harem des Sultans oder eines Grossen des Reichs zu treten oder durch gezwungene Uebertritte, durch Kinderraub; so pflegen denn auch die übrigen Bewohner des Landes von den Familien in Fes zu sagen: die Hälfte derselben habe jüdisches Blut in ihren Adern.

Die Zahl der Juden in Fes, welche, wie alle marokkanischen, zum Theil direct von Palästina eingewandert, zum Theil von Spanien zurückvertrieben sind, mag sich auf 8-10,000 belaufen. Sie leben hier ebenso unglückselig wie in den übrigen marokkanischen Städten. Der verstorbene Sultan Abd-er- Rhaman glaubte es durchsetzen zu können, den Juden eine Art Emancipation zu verschaffen, und gestattete den Juden gleiche Tracht mit den Moslemin. Der erste Unglückliche, der es wagte seine Melha (den Juden-Ghetto) mit rothem Fes, mit gelben Pantoffeln zu verlassen, kehrte nie zurück: er wurde gesteinigt. Der Sultan hatte, trotz seiner Unfehlbarkeit, nicht die Macht den religiös-fanatischen Wuthausbruch seiner Unterthanen zu dämpfen.

Der religiöse Fanatismus, der ja allen semitischen Religionen innewohnt, ist überhaupt eine der schlimmen Seiten der Bewohner von Fes. Wie oft habe ich selbst mich von irgend einem Lumpen auf der Strasse angehalten gesehen, der mir mit den Worten "Scha had," d.h. bezeuge, den Weg vertrat, und er und die sich rasch ansammelnde Menge liessen mich sicher nicht eher passiren, als bis ich "Lah il Laha il Allah" gesagt hatte, bekanntlich die Glaubensformel der Mohammedaner.

Die Tracht der Bewohner von Fes ist die der übrigen Städter, d.h. es kann hier nur von der Kleidung der Reichen die Rede sein, da ein Armer nur seinen Haik, d.h. ein langes weiss wollenes Umschlagetuch und ein cattunenes Hemd darunter zum Anziehen hat, sonst aber barfuss und barhaupt daherkommt. Im Winter wird freilich der wollene Burnus darüber gezogen, der manchmal aus schwarzer, manchmal aus weisser Wolle besteht.