Wie bei jedem Kaiserwechsel, so waren auch bei dem Tode Mulei-Abd-er- Rhaman's grosse Unruhen und Fehden um die Nachfolge ausgebrochen. Es war vor allen der älteste Sohn des Sultan Sliman, Namens Mulei Abd-er-Rhaman- ben-Sliman, der mit Hülfe der Franzosen hoffte, den Thron seines Vaters wieder zu gewinnen, aber trotzdem er seinen Sohn Hülfe bittend an den gerade mit der Niederwerfung der Beni Snassen beschäftigten französischen General Martimprey schickte, konnte er nicht aufkommen. Da war ferner der erste Sohn des verstorbenen Sultans und älterer Bruder des jetzt regierenden, auch er wurde aus dem Felde geschlagen, und wurde wie der ersterwähnte nach Tafilet verbannt[92]. Der jetzt regierende Sultan Sidi Mohammed verdankte seine schnelle Installirung hauptsächlich dem Umstande, dass sich Sidi el Hadj-Abd-es-Ssalam von Uesan für ihn erklärte, dass er schon bei Lebzeiten des Vaters Califa, d.h. Stellvertreter des Sultans gewesen und grosse Schätze angesammelt hatte, und dass sich Ben Thaleb, der Gouverneur von Fes, sofort zu seiner Partei bekannte.
[Fußnote 92: Beide Prinzen, die ich dort kennen lernte im Jahre 1863, lebten in freiwilliger Verbannung, obschon man in Marokko behauptet, die Regierung habe sie dorthin verbannt. Die Lage ist aber derart, dass, wenn der Sultan seines Bruders und Vetters habhaft werden könnte, er sie sicher würde hinrichten lassen.]
Der Bascha von Alt-Fes hatte indess gar nicht so leichtes Spiel, denn wenn auch Faradji, der Gouverneur von Neu-Fes, des jetzigen Sultans Panier ergriff, so hatte dieser mit seinen wenigen Soldaten genug zu thun, um das Palais des Sultans und Neu-Fes vor Plünderung und Angriff zu schützen. Ben Thaleb hatte aber ausser einem Dutzend Maghaseni (Reiter) nur von seinen eigenen, mit Flinten bewaffneten Berbern vielleicht 50 Mann zur Verfügung. Der jetzige Sultan war mit der Armee noch fern von der Hauptstadt.
Eines der wichtigsten Quartiere der Stadt, das der Djemma Mulei Edris, vorzugsweise von Schürfa (Abkömmlingen Mohammed's) bewohnt, empörte sich nun sofort nach dem Tode Abd-er-Khaman's und rief den ältesten Sohn des Sultan Sliman zum Nachfolger aus. Aber sie hatten nicht auf Ben Thaleb's eiserne Energie gerechnet: er liess fast vom ganzen Quartiere die erwachsenen Männer decimiren, die Häuser der vornehmsten Schürfa wurden dem Boden gleich gemacht, und alles was am Leben blieb, wurde seines Eigenthums beraubt. Diejenigen nun, welche wissen was es heisst, einen Scherif in Marokko beleidigen, strafen oder gar tödten, können sich denken, welche Aufregung dieses Verfahren Ben Thalebs hervorrief, der nicht einmal Araber, geschweige Scherif, sondern nur ein Brebber[93] war. Aber der Berber-Schich war nicht der Mann, sich einschüchtern zu lassen, andererseits vertheilte er den anderen Quartieren der Stadt je 2000 Metkal, ein ganz artiges Sümmchen für 17 Quartiere. So brachte er durch Strenge und Güte es dahin, dass Fes den jetzigen Sultan gleich anerkannte, und als der Vetter des Sultans mit seinem Heere vor die Hauptstadt rückte, wurde er von den Bewohnern von Fes, an deren Spitze Faradji und Ben Thaleb standen, feindselig empfangen; er musste fliehen, als Sidi Mohammed herbeirückte, diesem wurden die Thore geöffnet, und damit hatte Marokko einen Sultan,
[Fußnote 93: Bezeichnung für Berber in Marokko. Man sieht hieraus, dass der Araber den Wahn, den Mohammed lehrte, das arabische Volk sei besser als jedes andere, noch immer aufrecht erhalten. Es trug dies wesentlich zum Untergange des arabischen Volkes bei, wie denn auch die Juden den Dünkel das auserwählte Volk Gottes zu sein schwer genug haben büssen müssen.]
Als Gast des Bascha's bezog ich mit meinem Dolmetsch, welcher Hauptmann der regelmässigen Armee des Sultans war, ein Zimmer, welches zur Privatmoschee des Bascha's gehörte, welche gleich neben seiner Amtswohnung gelegen ist. Mit zunehmender Wärme wurde der Aufenthalt in diesem Zimmer bald unerträglich, und als eines Tages der Bascha fragte, wie ich mit meiner Behandlung zufrieden sei, machte ich ihn auf die unerträgliche Hitze aufmerksam. Er rief einen seiner Diener und fragte ihn, welche Wohnung in der Nähe der seinigen auf der Stelle zu haben sei; dieser bezeichnete einen reizenden Sommersitz, welcher, obschon in der Stadt gelegen, einen hübschen Garten habe, vom Fes-Flusse durchzogen würde, an die Wohnung des Bascha anstiesse, "aber, fügte er hinzu, der Scherif, dem es gehört, hat seinen Sommeraufenthalt schon darin genommen." "Geh' auf der Stelle und sage ihm, ich brauche seine Wohnung," war des Bascha's kurze Antwort "Und du Mustafa,"[94] fuhr er fort, "kannst heute noch umziehen, und wirst nun gewiss zufrieden sein." Der Scherif schien indess nicht grosse Eile zu haben; vielleicht glaubte er auch, weil er Scherif (Abkömmling Mohammed's) sei, dem Befehle trotzen zu können. Kurz, als ich am folgenden Tage Ben Thaleb besuchte und er sich nach meiner Wohnung erkundigte, musste ich gestehen ich sei, weil der Eigenthümer sich noch immer in seinem Hause befände, noch in meinem Moschee-Zimmer. Aber kaum liess der Bascha mich vollenden; ein Diener wurde gerufen, er bekam Befehl, auf der Stelle den Scherif mit seinem beweglichen Eigenthum auf die Strasse zu setzen; so geschah es, und an demselben Tage konnte ich einziehen. Es würde nichts genützt haben, hätte ich zartfühlend gegen diesen Befehl, den Eigenthümer aus seinem Besitze zu vertreiben, protestiren wollen, Niemand würde ein solches Benehmen verstanden haben, da das unfehlbare Benehmen, d.h. willkürliches Betragen, sich vom Sultan auch auf seine Beamten übertragen hat.
[Fußnote 94: Es war dies mein in Marokko angenommener Name.]
Folgendes nun wirft auch Licht auf das summarische Gerichtsverfahren in Marokko und Fes überhaupt, und ich schreibe die hier folgenden Zeilen wörtlich aus meinem damals geführten Notizbuch ab.
Das neue Haus, welches ich bezog, hat ein Stockwerk und ist nicht nach Art der Wohnhäuser in Fes eingerichtet, sondern nach anderen Regeln erbaut. Mitten im Garten liegend, fliesst unter dem Hause der kleine Ued Fes, der hier in den Garten tritt und in einer 4' tiefen und 6' breiten gemauerten Rinne läuft, bis er an eine dem Hause gegenüberliegende Veranda kommt, und unter dieser in einen andern Garten tritt. Das Haus selbst hat unten eine geräumige Veranda, einen Salon und ein Zimmer, das alkovenartig (eine Art von Kubba) hinten angebaut ist; oben sind drei Zimmer, die wir unbewohnt liessen; ebenso wurde das platte Dach selten benutzt. Der mir als Dolmetsch beigegebene Offizier schlief mit mir im hintern alkovenartigen Zimmer; in der einzigen Thür, welche zum Salon führte, schliefen drei Diener zwei andere in der Veranda, und zwei waren in der gegenüberliegenden Veranda, wo wir der Bequemlichkeit halber auch unsere Pferde stehen hatten. So bewacht, dachten wir nicht im entferntesten an Diebstahl, zudem in Fes Nachts, weil die einzelnen Quartiere, wie früher schon erwähnt ist, abgeschlossen sind, die grosse Communication ganz aufgehoben ist.
Eines Abends hatten wir, der Kaid oder Hauptmann und ich, auf unserem Teppich liegend, spät Abends Thee getrunken, beim silbernen Mondschein, am Rande des vorbeiplätschernden Flüsschens, unter duftenden Orangenbäumen hatten wir die Zeit vergessen, und der Muden ilul (das erste Avertissement zum Gebet wird im Sommer schon um 1 Uhr Morgens von den Minarets gegeben) ertönte, als wir schlafen gingen. Wir mochten kaum eine halbe Stunde geschlafen haben, als einer der Diener "Sserakin, Sserakin" (Diebe, Diebe) rief. Alle liefen wir hinaus mit Gewehren bewaffnet, aber nichts war zu finden. Wie hätte aber auch ein Dieb herein und so schnell hinauskommen können: an drei Seiten hatte der Garten fast 20 Fuss hohe Mauern, und die vierte Seite führte mittelst einer senkrechten, etwa 30 Fuss hohen Mauerwand in einen anderen Garten, unmöglich konnte er hier hinuntergesprungen sein. Indess fanden wir, nach unserer Behausung zurückgekehrt, dass wirklich ein Dieb dagewesen sein musste, es fehlten von meinen Kleidungsstücken, die ich abgelegt hatte, Hosen, Pantoffeln, dann der Turban des Hauptmanns, ferner ein erst Tags zuvor angebrochener Hut Zucker, endlich unser ganzes Theeservice, Eigenthum des Bascha's. Eine genauere Untersuchung ergab, dass der Dieb unter der Gartenthür sich durchgewühlt, und wahrscheinlich schon mehrere Gänge gemacht hatte.