Die Maasse und Gewichte sind in Marokko fast für jede Stadt verschieden, für die Länge hat man die Elle, Draa mit Brüchen als Unterabtheilung, dann Zoll, für das Gewicht das Pfund, Unze, Metkal (letzteres für Goldstaub) für flüssige und trockene Sachen, endlich verschiedene Maasse.
Administrirt wird die Stadt von zwei Gouverneuren, von denen der eine den Titel "Bascha" hat und Alt-Fes vorsteht, während der andere "Kaid" genannt wird und über Neu-Fes herrscht. Es scheint hieraus hervorzugehen, einestheils dass die Regierung des Sultans beide Städte als vollkommen getrennt betrachtet, und andererseits Neu-Fes mehr als eine Festung angesehen, während Alt-Fes als wichtiger gehalten wird, dadurch dass man es von einem Bascha administriren lässt. In den Wohnungen des Bascha und Kaid wird zu gleicher Zeit täglich Recht gesprochen. Der Kadi jeder Stadt findet sich dort täglich ein, und alle Rechtsfälle werden auf der Stelle zur Entscheidung gebracht. Es kann sodann an den Bascha oder Kaid appellirt werden, und von diesen an den Grosswessier oder Sultan selbst.
Es kommt gar nicht selten vor, dass Kläger sich von dem Kadi an den Bascha und von diesem an den Sultan wenden. Gegen Stockstrafe oder Knutenhiebe wird fast nie remonstrirt, wohl aber gegen Geldbusse. Der Kadi and Bascha haben Strafvermögen in unbegrenztem Masse, indess werden selten Knutenhiebe über 300 an der Zahl ausgetheilt, die Geldbussen aber so hoch wie möglich hinaufgetrieben. Grösserer Diebstahl hat immer das Abhacken zuerst der linken, dann beim Rückfall das der rechten Hand zur Folge. Hat man keine Hände mehr zum Abschlagen, so kommen die Füsse an die Reihe, oft bei grossen Diebstählen oder gravirenden Umständen werden auch gleich die Füsse abgehauen. So wurden einem Landbewohner, der im Sommer, als ich mich in Fes befand, ein Pferd des Sultans gestohlen hatte, der rechte Fuss und die linke Hand abgehackt. Das aus der Altstadt nach Neu-Fes zu führende Thor hat immer eine Menge solcher Trophäen auszuweisen, auch Köpfe von hingerichteten Verbrechern haben hier ihren Ausstellungsort, während meiner Anwesenheit in Fes sah ich indess keinen Kopf ausgestellt.
Das Recht wird übrigens vollkommen willkürlich gesprochen, und Bestechungen sind an der Tagesordnung.
In Neu-Fes war in den ersten sechziger Jahren ein Schwarzer, ein ehemaliger Sklave Namens Faradji Kaid. Dieser hatte schon seit mehr als 50 Jahren diesen Posten inne, und galt als ein Phänomen. Er hatte unter Sultan Sliman die Stelle bekommen, sie unter Abd-er-Rhaman behauptet, und war auch von Sidi Mohammed, dem jetzigen Sultan, bestätigt worden. Im ersten Jahre der Regierung des jetzigen Kaisers wurde Faradji verläumdet, man machte den Sultan auf seine ungeheuren Reichthümer aufmerksam, man deutete darauf hin, dass Faradji, der doch ehemals nur Sklave gewesen, diese grossen Reichthümer wohl nur durch Erpressung, Bestechung oder gar dadurch, dass er sich am Eigenthum des Sultans selbst vergriffen, habe erwerben können. Der Sultan liess Faradji kommen, und befahl ihm, da er gehört habe Faradji habe fremdes Eigenthum, er überdies ja als ehemaliger Sklave nichts besessen habe, das fremde Eigenthum, und namentlich das was ihm, dem Sultan, zukomme, von seinem zu sondern. Der schlaue Faradji erwiederte nichts, ging in den Pferdestall des Sultans, entledigte sich seiner Kleidungsstücke, zog einen alten wollenen Kittel über, und fing an den Stall zu kehren. Der Sultan fragte einige Zeit später nach Faradji, und war erstaunt als derselbe im ärmlichsten Anzüge vor ihm erschein. Befragt, warum dies, erwiederte er: "Ja Herr, Du befahlst meine Habe von der Deinigen zu trennen! Als ich von Deinem Grossoheim Mulei Sliman gekauft wurde, hatte ich nichts als diesen wollenen Sklavenkittel, den ich zum Andenken meiner Herkunft aufbewahrt habe, und auch dieser gehört ja, streng genommen, nicht einmal mir, wie konnte ich also mein Eigenthum von Deinem trennen, bin ich nicht noch immer Dein Sklave? Lass von Deinem Diener alles nehmen, alles was ich verwaltete, ist Dein rechtmässiges Eigenthum."
Man kann sich denken, dass der auf diese Art die Grossmuth des Sultans anrufende Faradji leichtes Spiel hatte, in der That umarmte ihn Sidi Mohammed, und Faradji wurde aufs neue in seine Kaidwürde eingesetzt, und ihm alle seine Güter gelassen. Als der Sultan von Neu-Fes nach Mikenes übersiedelte, besuchte ich mehreremal Faradji, er war immer sehr freundlich und zuvorkommend, pflegte den ganzen Morgen, auf einem Teppich sitzend, vor dem Magazin (es ist dies der officielle Ausdruck für das Palais des Sultans, und bedeutet zugleich die ganze Regierung) zuzubringen. Faradji war ein stattlicher schwarzer Greis mit intelligenten Gesichtszügen und schönem, wenn auch nur spärlichem weissem Barte. Seiner eigenen Meinung nach war er 1863 neunzig Jahre alt, was wohl eher zu wenig als zu viel sein dürfte, da er schon unter Sultan Sliman[91], also zur Zeit als Ali Bey Marokko besuchte, Kaid war.
[Fußnote 91: Die jetzige Dynastie in Marokko wird die der Filali genannt, weil der Gründer Mulei Ali ans Tafilet (der Bewohner Tafilets heisst ein Filali) stammt. Dessen Sohn Mulei Mohammed wurde von seinem Bruder Mulei Arschid vom Throne gestürzt, und dieser, der von 1664-1672 regierte, war nach Jussuf ben Taschfin der mächtigste Monarch. Die Grausamkeit dieses Sultans wurde von den raffinirten Grausamkeiten Mulei Ismaëls, der sein Bruder war und ihm 1672 folgte, noch übertroffen. Ismaël, jetzt einer der grössten Heiligen von Marokko, regierte bis 1727. Nach ihm folgte Mulei Ahmed Dehabi, vierter Sohn Ismaëls, regierte jedoch nur bis 1729; sein Bruder Mulei-Abd-Allah folgte bis 1757, und nach ihm kam sein Sohn Sidi Mohammed, der bis 1790 regierte und im Jahre 1760 Mogador gründete. Die beiden folgenden Söhne, Mulei Mohammed Mahdi el Tisid und Mulei Haschem regierten nach einander zusammen nur zwei Jahre. Mulei Sliman behauptete sodann den Thron von 1792-1822, und nach ihm regierte Mulei Abd-er-Rhaman ben Hischam bis 1859, und dessen zweiter Sohn, Sidi Mohammed, behauptet heute noch den Thron.]
Si Mohammed ben Thaleb, der Bascha von Alt-Fes, dessen Gast ich während der ganzen Zeit meines Aufenthalts in Fes war, hatte freilich ein ganz anderes Schicksal. Er war ein Mann von rechtlichem Charakter und vollkommen vorurteilsfrei, was in Marokko viel sagen will; ich finde in meinem Tagebuch sogar die Notiz: "Ben Thaleb war der einzige wirklich ehrliche und durchaus rechtliche Mensch, den ich in Marokko kennen lernte." Gebürtig aus Ain Tifa, einem Orte etwa einen Tagemarsch südöstlich von der Stadt Marakisch gelegen, war er fast unabhängiger Herrscher über eine dortige Berbertribe, welche seiner eigenen Aussage nach sieben Hauptstämme umfasste. Mächtig und reich (er verkaufte jährlich für etwa 200,000 Fr. Mandeln nach Ssuera), wäre er gewiss lieber in seiner Stellung als Berberchef geblieben, wie er überhaupt nie fröhlicher und vergnügter war, als wenn seine Stammgenossen, Berber von der Heimath, ihn in Fes besuchten und er mit ihnen Schellah oder Tamashirt reden konnte. Aufstände, wie sie so häufig in Marokko vorkommen, verwickelten seine Berberstämme im Jahre 1846 gegen die kaiserliche Regierung; Ben Thaleb selbst betheiligte sich jedoch nicht daran, sondern hielt mit seiner ganzen Familie zum Sultan. Der Aufstand endete, wie in der Regel, mit der Niederlage der Rebellen, der Sultan Abd-er-Rhaman aber, um einen so mächtigen Stamm für immer an sein Haus zu ketten, ernannte ihren Schich Ben Thaleb zum Bascha-Gouverneur von Fes, welche Stelle als die erste nach dem Uïsirat (Ministerium) im ganzen Reich betrachtet wird. Der Berberstamm wurde durch eine so schmeichelhafte Auszeichnung, die seinem Chef widerfuhr, vollkommen zum Sultan hinübergezogen, und auch Ben Thaleb schien diesen Platz, der mehr als jeder andere abwirft, zuerst nicht ungern angenommen zu haben.
Indess schon zu Lebzeiten Mulei-Abd-er-Rhaman's war Ben Thaleb wiederholt um seinen Abschied eingekommen, er hatte in Erfahrung gebracht, dass ein Gouverneur von Alt-Fes, der reichsten Stadt des Landes, nie eines natürlichen Todes stürbe. In Marokko haben nämlich die Beamten eine ganz andere Stellung als bei uns. Nicht dass sie vom Staate, wie denn dort Staat und Sultan noch eins sind, oder vom Herrscher Gehalt bekommen, müssen sie im Gegentheil der Regierung, oder der Casse des Sultans, Gelder abliefern. Sie können allerdings dafür von ihren Schutzbefohlenen so viel erpressen, wie sie wollen. Da nun jeder Beamte darauf ausgeht, seinen Säckel zu füllen, ausserdem aber grosse Summen dem Sultan abzuführen hat, so kann man sich denken, wie schlecht das Volk dabei fährt, und meistens sind Uebersteuerungen und willkürliche Erpressungen die Ursachen der so häufigen Revolten. Es ist dieses System auch andererseits Ursache der schlechten Cultur des Bodens; abgesehen davon, dass weder Berber noch Semiten je etwas im Ackerbau geleistet haben, giebt sich kein Mensch Mühe, den Boden so ergiebig wie möglich zu machen, weil er weiss, dass die Erzeugnisse der Regierung verfallen sind. Ebenso ist der Handel dadurch gelähmt, der reiche Kaufmann von Fes sieht mit Bangen dem Tage entgegen, wo die Regierung sich seiner Ersparnisse bemächtigt, und es giebt deshalb auch in keiner Stadt, in keinem Ort Jemand, der nicht seinen geheimen Schatz hätte, der in der Regel vergraben ist.
Der Bascha ben Thaleb regierte im Jahre, als ich Fes betrat, die Stadt seit 13 Jahren. Da er seinen Abschied auch von Sidi Mohammed nicht bekommen konnte, tröstete er sich mit den Gedanken, diesem bei seinem Regierungsantritt den wichtigsten Dienst geleistet zu haben, und rechnete auf seine Erkenntlichkeit.