Die Zahl der Einwohner wird von allen Schriftstellern über Marokko verschieden angegeben, Höst nennt über 10,000 Einwohner, Hemsö 56,000 Ew., Leo 6000 Feuerstellen, Marmol 8000 Ew., Diezo de Torres 5000 Ew., Jackson 110,000 Ew. Das Wahre dürfte auch hier in der Mitte liegen, wenn man eine ungefähre Zahl von 40,000-50,000 Seelen annimmt. Marmol, Höst und Hemsö haben das alte Silda des Ptolemaeus in Mikenes sehen wollen. Nach Walsin- Esterhazy[96] wurde Mikenes von einer Abtheilung der Znata, der Meknâca, gegen die Mitte des 10. Jahrhunderts gegründet. Der eigentliche Gründer der Stadt war aber Mulei Ismael, der hier beständig residirte, und unter dem sie ihre Berühmtheit erlangte und von der Zeit eine der vier Residenzen des Reiches geblieben ist. Einige Stunden südwärts vom Abhange des Berges Mulei Edris Serone gelegen, hat die Stadt die reizendsten Gärten, die man sich denken kann. Schon Leo hebt die kernlosen (?) Granaten und wohlriechenden Quitten hervor, und dass die Stadt einen grossen Oliven-Reichthum hat, bekundet das Beiwort Meknas-el-situna, d.h. das olivenreiche. Zum Theil liegen die Gärten innerhalb der Mauer.
Das heisst die eigentliche Stadt mit der Kasbah und dem Palais des Sultans, ist durch eine sehr gut erhaltene, von hohen viereckigen Thürmen flankirte Mauer umgeben, und innerhalb dieser hohen Mauer befindet sich auch der prächtige Garten des Sultans. Dann zieht sich eine Stunde entfernt eine andere, niedrigere, an manchen Stellen zwiefache Mauer um die Stadt, um die nächsten Gärten zu schützen.
Mikenes hat fast durchweg eine Bevölkerung, die in irgend einer Beziehung zum Hofe oder zum Heere steht. Die von Hemsö angeführte und dem Leo nachgeschriebene grosse Eifersucht der Männer auf ihre Frauen dürfte wohl nicht grösser sein, als in den anderen marokkanischen Städten, besonders schön fand ich die Frauen nicht. Mikenes ist die einzige Stadt in Marokko, wo öffentliche Prostitutionshäuser sind. Im Uebrigen sind die Strassen gerader, reinlicher, die Häuser in einem besseren Zustande, als in irgend einer anderen Stadt des Reiches. Sogar der Palast des Sultans zeichnet sich dadurch aus, obschon der Theil, den Mulei Ismael mit Marmorsäulen, die er von Livorno und Genua kommen liess, schmückte, in Ruinen liegt. Diese schönen Monolithen liegen als Zeugen jüngst vergangener Grösse im Staube. Kein anderes Gebäude zeichnet sich irgendwie aus, selbst die Moschee Mulei Ismaels, welche doch Begräbnissstelle der jetzigen Dynastie ist, liegt halb in Verfall. Die Stadt wird durch eine ausgezeichnete Wasserleitung mit Wasser versorgt, irre ich nicht, von einem in den Ued Bet gehenden Bache aus, der nordwärts von der Stadt entspringt.
Erwähnen muss ich eines Abstechers nach Mulei Edris Serone, einer ungefähr 3 Stunden nördlich von Mikenes gelegenen Stadt; indess kann ich von diesem reizend gelegenen Orte nichts weiter anführen, als was ich bei Beschreibung der Stadt Fes schon mitgetheilt habe. Trotzdem ich Leibarzt des Sultans war, im Hause des ersten Ministers wohnte, alle Gebräuche und Sitten der Mohammedaner aufs Genaueste mitmachte, war ich dennoch immer mit misstrauischen Augen angesehen. Nach irgend einer Oertlichkeit direct fragen, ging schon gar nicht. Man würde gleich gesagt haben, ich sei ein Spion.
Glücklicher Weise trat ein Ereigniss ein, was mich aus des Sultans Dienste befreite, eine englische Gesandtschaft wurde in Aussicht gestellt, und nach einigen Wochen traf auch Sir Drummond Hay mit zahlreichem Gefolge und escortirt von einer starken Abtheilung Maghaseni in Mikenes ein. Man kann sich denken, wie gross meine Freude war. Seit über einem Jahre, so viel Zeit war nun verflossen, hatte ich nichts von Europa gehört, hatte weder einen Brief noch eine Zeitung gehabt, und erhielt nun auf einmal Bücher, Zeitungen, und konnte mich mit gebildeten Herren unterhalten. Im Anfange hatte ich grosse Schwierigkeit zu Sir Drummond Hay zu gelangen, da die marokkanische Regierung den strengsten Befehl ausgegeben hatte, keinen Renegaten auf die Gesandtschaft zuzulassen. Nur durch eine List verschaffte ich mir Einlass, indem ich Si-Tbaib sagte: ich müsse seiner Krankheit wegen mit dem der englischen Gesandtschaft beigegebenen Arzte sprechen. Das wurde bewilligt und ich durfte dann, von meinem ehemaligen Dolmetsch begleitet, die Gesandtschaft betreten.
Sir Drummond bewohnte eines der schönsten Häuser der Stadt, worin es sogar an europäischen Möbeln nicht fehlte, da der Sultan alle dergleichen Utensilien besitzt, sie aber für seine Person nicht gebraucht. Ueberhaupt wurde die Gesandtschaft mit einer Zuvorkommenheit und Artigkeit behandelt, wie sie Sir Drummond Hay, dem eigentlichen geheimen Herrscher von Marokko, zukommt. Auf den Strassen, vom Volke, überall wo die Gesandtschaft sich zeigte, wurde sie aufs respectvollste begrüsst. So gut wie der Sultan, fühlt das Volk, dass nur England eine wirkliche Hülfe gegen die Spanier und Franzosen ist. Es versteht sich von selbst, dass Sir Drummond sich mit aller Freiheit bewegen konnte, ebenso die übrigen Herren der Gesandtschaft.
Was mich anbetrifft, so gab mir Sir Drummond ein Schreiben (arabisch ausgefertigt) und sagte mir, dasselbe durch den ersten Minister dem Sultan vorzeigen zu lassen. In diesem Schreiben war betont, die marokkanische Regierung solle mich nicht mit den übrigen Renegaten verwechseln und mir meine Freiheit wiedergeben. Das Blättchen Papier wirkte Wunder. Als Si- Thaib mir dasselbe nach einigen Tagen wieder einhändigte, fügte er hinzu, der Sultan habe das Blatt gelesen, und gesagt, ich könne thun was ich wollte, sei vollkommen frei, Mikenes zu verlassen, ja ich dürfe überall im "Rharb" reisen und mich aufhalten, wo ich es für gut fände. Wer war froher als ich. Jetzt aber war auch der Wunsch das eigentliche Land Marokko zu durchreisen, erst recht wachgerufen, und namentlich fühlte ich einen starken Trieb von nun an weiter in das Innere Afrika's einzudringen. Aber ich war mir nun auch erst recht bewusst geworden, wie viel noch abging, solche gefährliche Reisen ohne Mittel ausführen zu können. Wenn auch einestheils gerade diese Mittellosigkeit ein grosser Schutzbrief für mich war, so hatte ich andererseits im Arabischen wenige Fortschritte bis dahin gemacht. Der Umstand, dass ich fortwährend einen Dolmetsch zur Seite gehabt, machte, dass ich kaum mehr von dieser Sprache verstand als beim Beginn meiner Reise. Auch war ich mit den Sitten und Gebräuchen des eigentlichen Volkes noch zu wenig vertraut. Ebenso wenig wie man diese z.B. in London was das englische Volk, in Berlin was das deutsche Volk anbetrifft, in Erfahrung bringen kann, zu dem Ende vielmehr das eigentliche Land selbst besuchen muss, ebenso wenig ist dies in Marokko in der Hauptstadt der Fall, und bislang war ich eigentlich nur in Fes und Mikenes gewesen.
Ich beschloss nun nach der heiligen Stadt Uesan zurückzukehren. Wo konnte ich besser Sitten, Gewohnheiten und auch die Sprache des Volkes kennen lernen, als in dieser grossen Pilgerstadt, wo täglich Hunderte, oft Tausende von Pilgern aus ganz Nordafrika, ja oft noch von weiter her zusammenströmen. Und es traf sich nun sehr glücklich für mich, dass gerade zwei von den nächsten Anverwandten des Grossscherifs in Mikenes waren. Diese hatten in der Besoffenheit einen Maghaseni des Sultans ums Leben gebracht, und waren selbst nach Mikenes gekommen, um sich deshalb beim Kaiser zu entschuldigen. Sie wurden nicht nur nicht gerügt oder gar bestraft für ihre im Trunk begangene Handlung, sondern der Sultan betrachtete es als einen besonderen Act der Höflichkeit, dass solche heilige Leute und noch dazu wirkliche Vettern des Grossscherifs, keinen Anstand nahmen, sich wegen einer solchen Kleinigkeit bei ihm selbst zu entschuldigen, und im Grunde genommen sah er es wohl nur für einen Vorwand an, Geschenke von ihm zu bekommen. Die erhielten sie denn auch beide. Sidi Mohammed ben Abd-Allah und sein Bruder, Sidi Thami, verliessen reich beschenkt die kaiserliche Residenz.
Si Thaib Bu Aschrin hatte die Güte mir einen Brief für die beiden Schürfa zu geben, welche direct nach Uesan zurückreisen wollten. Und so sagte ich denn dem Hofe des Sultans Lebewohl, nur Trauer empfindend, dass Ismael (Joachim Gatell), der die ganze Zeit bei mir gewohnt hatte, jetzt wieder ins Lager zurück musste, und da er nicht, wie ich, die Protection der englischen Gesandtschaft genoss, nicht daran denken durfte, so bald seine Befreiung zu bekommen.