Den folgenden Morgen begab ich mich mit meinem Gepäck zur Wohnung der Schürfa, und bald war Alles gepackt und wir sattelfest. Sidi Mohammed, ein fetter junger Mann von dreissig Jahren, und sein einige Jahre jüngerer Bruder, Sidi Thami, waren noch von zwei alten Schürfa begleitet und hatten mindestens 30 Diener als Gefolge. Wir verliessen gegen 8 Uhr Morgens Mikenes durch das Nordthor, zogen den Bergen entgegen, indem wir die Stadt Serone etwas östlich liegen liessen. Die Reisen zu Pferde oder Maulthier sind in Marokko keineswegs unangenehm, die mit hohen Lehnen versehenen Sättel, vorn mit einem Knauf, worauf man die Hände legen, die grossen Steigbügel, in welche man den ganzen Fuss schieben kann, lassen die Ermüdung weit später erfolgen, als bei europäischem Reitzeuge. Freilich muss ein Europäer sich die Mühe nehmen, den Sattel durch wollene Decken etwas zu polstern, denn wenn sich die Härte desselben schon ertragen liesse, ist er doch sehr uneben, was auf die Dauer unbequem ist.

Wir waren ohne Rast den ganzen Tag unterwegs, da Sidi Mohammed Ben Abd- Allah wohl besonderen Grund haben musste so schnell zu reisen, denn sonst pflegen die Grossen in Marokko nur, kleine Tagemärsche zu machen. Als ich mich in der Höhe der Berge von Mulei Edris etwas entfernte von unserer Karawane, wurde ich der Gegenstand einer Ovation, die in der Nähe wohnenden Leute, die von der Durchkunft von Schürfa von Uesan gehört hatten, wohl im Glauben ich sei auch ein Scherif, kamen haufenweise herbei, mir die Hand und den Saum der Djilaba küssend. Sie verlangten auch das Foetha (Segen), das ich glücklicherweise auswendig wusste. Hoffentlich haben sie eben soviel Nutzen von meinem Segen gehabt, als von dem eines wirklichen Scherifs! Aber wenn sie es gewusst hätten, ich sei ein zum Islam Uebergetretener, wie würden sie mich verflucht haben. Gut, dass wir in den Zeiten leben, wo Fluch und Segen von Menschen gesprochen, den Zauber ihrer Allmacht verloren haben.

Bei Sonnenuntergang hielten wir bei einem dem Grossscherif von Uesan gehörenden Duar (Zeltdorf). Da ich kein Zelt hatte, luden die beiden Schürfa mich ein, das ihrige mit zu theilen. Das Zelt eines Grossen von Marokko zeichnet sich durch Geräumigkeit aus. Aus starkem weiss und blaugestreiften Leinenzeug bestehend, ist es inwendig weiss und mit verschiedenartig zusammengenähtem bunter Tuch gefüttert. Meist von nur einer Stange getragen, kann die rund ums Zelt gehende gerade aufstrebende Seitenumfassung abgenommen werden, was namentlich bei Sonnenschein und grosser Hitze eine grosse Annehmlichkeit gewährt, da das Dach des Zeltes, gewissermassen ein grosser Schirm, frei stehen bleibt und dem kühlenden Winde der Durchlass offen steht.—Ich war froh, als der Koch der Schürfa sogleich ein Mahl auftrug, da ich den ganzen Tag nichts genossen hatte, als ein Stückchen Brod und Trauben. Gegen Mitternacht kam denn auch der Mul' el Duar oder Dorfvorsteher, mehrere Schüsseln voll Kuskussu verschiedener Art, und andere mit gebratenem Fleisch wurden niedergesetzt. Meine Müdigkeit war indess so gross, dass ich vorzog weiter zu schlafen, trotz der wiederholten Aufforderungen am Mahle theilzunehmen.

Frisch gestärkt erweckte man mich am anderen Morgen mit einer Tasse Kaffee (die Schürfa von Uesan trinken auch Kaffee) und sodann kam wieder ein reichliches Mahl der Leute des Zeltdorfes, welche dafür mit Thee bewirthet wurden. Wie am vorhergegangenen Tage war die Gegend hügelig, wohlangebaut und zahlreiche Duar deuteten auf eine verhältnissmässig dichte Bevölkerung. Bald nach dem Aufbruche am zweiten Tage passirten wir die Flüsse Sebu und Uarga, letzteren etwas oberhalb der Stelle, wo er in den Sebu einfällt. Ueberall wie am ersten Tage waren die Schürfa der Gegenstand der grössten Verehrung, im ganzen Lande gelten die Schürfa Uesan's als die grössten Heiligen. Die Sitte will es, dass ein Vornehmer nie seinen Einzug Abends hält, so wurde denn auch an dem Tage schon um 5 Uhr Nachmittags Halt gemacht in einem Duar, der Sidi Abd-Allah selbst gehörte. Nur noch einige Stunden am anderen Morgen, und wir hatten den Berg Bu-Hallöl vor uns, an dessen anderer Seite Uesan gelegen ist.

Sobald wir den Berg umgangen, kamen uns die Verwandten und Bekannten der Schürfa entgegen, die durch den jüngeren Bruder, der am Abend vorher noch die Stadt erreicht hatte, waren benachrichtigt worden. Sidi Thami hatte auch dem Grossscherif schon meine Zurückkunft mitgetheilt.

Ich konnte indess nicht direct nach der Wohnung des Grossscherifs gehen, da ich vorher bei Sidi Abd-Allah frühstücken musste. Ein naher Verwandter von Sidi el Hadj Abd es Ssalam, ist er, was Reichthum und Macht anbetrifft, von den Uesaner Schürfa der dritte, denn Sidi Mohammed ben Akdjebar, obschon entfernterer Linie, hat nach dem Grossscherif den grössten Einfluss und den grössten Reichthum. Die übrigen Schürfa, fast die ganze Stadt besteht aus Abkömmlingen Mohammed's, haben in Uesan selbst gerade keinen Einfluss, da ihrer zu viele sind.

Gleich darauf ging ich dann, nachdem ich meinen meergrünen Anzug angelegt hatte, zum Grossscherif, den ich von einer zahlreichen Menge umgeben in seinem Landhause antraf. Aufs freundlichste aufgenommen, liess er sogleich eine Wohnung für mich einrichten, und mich ein über das andere Mal willkommen heissend, sagte er, ich solle mich von nun an ganz wie zu seinem Hause gehörig betrachten.

Ehe ich nun meine Erlebnisse in Uesan schildere, möchte ich Einiges über die derzeitigen politischen Zustände in Marokko sagen, und knüpfe daran zugleich einige Worte über die sonstige und jetzige Stellung der christlichen Consuln.

10. Politische Zustände

Marokko hat eine Regierung so despotisch und tyrannisch eingerichtet, wie man sie eben nur da findet, wo zu gleicher Zeit geistige und weltliche Herrschaft in einer Person vereint ist, und der Grund zu diesem absolutesten Despotismus liegt doch keineswegs im Charakter des arabischen oder berberischen Volkes, einzig und allein die mohammedanische Religion ist Schuld daran.