Eine kirchliche Behörde giebt es in Marokko nicht, der Sultan als unfehlbar vereinigt Papst, Cultusministerium oder oberste Synode, wie man bei den Christen dergleichen Einrichtungen nennt, in seiner Person.
Ich unterlasse es, auf niedere Aemter am Hofe von Marokko einzugehen, werde jedoch einige derselben, wie sie jetzt noch existiren, erwähnen: den Mundkoch Mul' el tabach, den Sonnenschirmträger Mul' el schemsia, Säbelträger Mul' el skin, den Theeservirer Mul' el atei, Speiseträger Mul' el taam. Alle diese Aemter werden meist von Sklaven versehen, viele aber auch, und es giebt derer noch fünfzig, von freien weissen Leuten. Für die kleinste Handthierung ist ein besonderer Angestellter vorhanden, z.B. für den, der die Pantoffel des Sultans umdreht, damit er sie beim Anziehen gleich wieder fussgerecht vor sich hat. Um den Steigbügel zu halten, um eine Schale mit Wasser zu bringen, um die ausgetrunkene Theetasse in Empfang zu nehmen, um die Serviette zu reichen, um das Waschbecken zu präsentiren, für jeden kleinen Dienst hat der Sultan einen besonderen Angestellten. Man glaube aber nicht, dass alle diese Leute besoldet sind. Ziemlich gute Kleidung, oft die, welche der Sultan oder die Prinzen abgelegt haben, und die sieh von der fürstlichen Tracht durch nichts unterscheidet, als durch grössere Fadenscheinigkeit—dann Nahrung, das ist Alles, was dieses Heer von Bedienten und Beamten bekommt. Aber keineswegs sind sie deshalb ohne Geld, von Jedem, der nach Hofe kommt, wissen sie etwas zu erpressen; gehen sie in die Stadt auf die Märkte, so entlocken sie bald hier einem unglücklichen Juden, dort einem leichtgläubigen Landmann eine Mosona, wer würde der Bitte oder der Drohung eines Ssahab sidna widerstehen? Es ist das officieller Name aller Beamten und Diener. Der erste Minister des Sultans, wie sein letzter Sklave, schämt sich dieses Titels nicht, was wiederum seinen Grund daher hat, weil in den Augen des Sultans der höchste Beamte keinen grösseren Werth hat als der letzte Sklave. Vor der marokkanischen Unfehlbarkeit verfällt mit derselben Leichtigkeit das Haupt des rechtschaffensten Beamten dem Schwert, wie das eines Verbrechers, der es wirklich verdient hat. Eigentlich kann daher Unfehlbarkeit nur in einem solchen Lande vollkommen blühen und existiren wie in Marokko, d.h. in einem Lande, wo das Gesetz nichts gilt, sondern Alles sich der Laune eines schwachköpfigen Fanatikers fügen muss.
Es giebt kein höchstes Justizamt in Marokko; vom Kadi einer einzelnen Provinz oder einer Stadt, oder eines kleinen Ortes kann nur an den Uisir oder an den Sultan appellirt werden, welche letztere nach ihrem Gutdünken das gefällte Urtheil bestätigen oder verwerfen.
Die einzelnen Provinzen und Ortschaften werden manchmal von Kaids und Schichs regiert, die direct, wenn es sich um Provinzen und um grössere Städte handelt, vom Sultan ernannt werden. So wie wir auf den meisten Karten die verschiedenen Provinzen abgegrenzt finden, existiren sie in administrativer und gerichtlicher Beziehung nicht. Die Kaid stehen einem Kaidat vor, das manchmal aus einer Stadt mit verschiedenen Triben oder Dörfern besteht. Oft ist ein Kaid direct vom Sultan abhängig, oft hat ein Kaid oder Schich 40 oder gar 100 Kaids, die unter ihm stehen. Ein Kaid hat manchmal nur einen Duar[101], einen Tschar[102], eine Tribe zu commandiren, manchmal deren 20, 50 und noch mehr. Ein Kaid commandirt z.B. vielleicht zu einer Zeit die beiden Rhabprovinzen mit den Triben darin, oder wie zur Zeit des jetzt regierenden Sultans sind sie getheilt, und werden von zwei Kaids regiert. Der Titel "Kaid" ist der allein officielle, sowohl für die Beamten einer grossen Provinz, wie für die einer kleinen Ortschaft. Gleichbedeutend ist der Name "Schich", den man vorzugsweise in den Gegenden von überwiegender Berber-Bevölkerung antrifft. Der Titel "Bascha" wird nur einzelnen besonders hervorragenden Gouverneuren, z.B. dem von Alt-Fes, verliehen. Der Titel "Chalifa" schliesst immer eine Stellvertretung in sich, so hat z.B. der älteste Sohn des Sultans unter der Regierung des jetzigen Kaisers, sobald dieser nach Marokko übersiedelt, den Titel "Chalifa von Fes" als seines Vaters Stellvertreter. Kehrt der Sultan nach Fes zurück, hat einer der Brüder des Sultans, Mulei Ali, in der Hauptstadt Marokko den Titel "Chalifa". Es ist dies die einzige Erinnerung daran, dass ehemals Fes und Marokko getrennte Königreiche waren.
Es würde unmöglich sein, genau die Grenzen der verschiedenen Provinzen Marokko's angeben zu wollen, da überhaupt je nach den Launen der Regierung heute eine Provinz vergrössert, morgen verkleinert oder gar entzwei geschnitten wird, heute eine Tribe dieser, morgen jener Provinz einverleibt wird, manchmal mit den Provinzen eine geographische Bezeichnung für immer verbunden ist, manchmal auch nicht.
Auf der Abdachung des Atlas nach dem Mittelmeer und Ocean, umfasst von der Gebirgskette, welche zwischen Cap Gehr und Cap el Deir hinzieht, haben wir im Norden die Andjera und Rif-Provinz, südlich von Andjera die beiden Rharb-Provinzen, und dann längs des Oceans von Norden Beni-Hassen, Schauya, Dukala, Abda, Schiadma und Haha. Südlich vom Rif die Hiaina, und südlich von der Hiaina die Provinz Fes. Auf den Stufen des Atlas liegen östlich von Haha die Ahmar und die Erhammena, dann Maroksch (District der gleichnamigen Stadt), und nördlich von Maroksch, Temsena und östlich Scheragna. Diese soeben aufgeführten Districte, die aber keineswegs alle eine besondere Regierung haben, und deren Grenzen nicht genau bestimmt sind, dürften die Benennungen für die bezeichneten Oertlichkeiten sein. In denselben, sind indessen Districte enthalten, die ebenso gut den Namen Provinz führen könnten. Die östliche Partie des Garet, welche Provinz westlich mit dem Rif zusammenhängt, ist in den letzten Jahren als Beni-Snassen bekannt geworden, ein eigener politisch begrenzter District, mit eigenem Kaid. Südlich von der Provinz Fes, von Scheragna, Maroksch und Erhammena sind Atias aufwärts noch die verschiedensten Districte bis zum Kamme des Gebirges, aber die Namen derselben zum Theil unbekannt, zum Theil wissen wir nicht mit derselben Sicherheit anzugeben, wohin sie setzen. Von Fes in südöstlicher Richtung könnte ich constatiren den District der Beni Mtir und der Beni Mgill.
Südlich vom Cap Gehr längs des Oceans sind die Provinzen Sus und Nun (mit Tekna), der Staat des Sidi Hischam existirt nicht mehr[103]. Die Provinz Draa kommt natürlich nur soweit hier in Geltung, als sie bewohnt ist, das ist bis zum Umbug des Flusses nach Westen. Es folgt sodann östlich vom Draa Tafilet mit seinen verschiedenen Districten, und nordöstlich von Tafilet die verschiedenen kleinen Oasen am südöstlichen Atlasabhange, die bedeutendste davon ist Figig. Endlich die südöstlichste Provinz von Marokko ist Tuat.
[Fußnote 103: Per Name "Dschesula" oder, wie Renou auf seiner Karte hat, Gezoula, existirt nirgends südlich vom Atlas, vielleicht soll er auf den Karten bloss die Gaetuler der Alten in Erinnerung bringen.]