Ueber die Einnahmen und Ausgaben des Sultans von Marokko lässt sich nichts Bestimmtes sagen, da keine Staatsbücher darüber existiren, die Einkünfte dem Zufall unterworfen und der Laune der einzelnen Kaids anheimgegeben sind, oft auch andere Umstände eintreten, die ganz unvorhergesehen sind.
Im Jahre 1778 veranschlagte Höst, auf Koustroup fussend, die Einnahme auf eine Million Piaster[104], hervorgegangen aus Zoll, Schutzgeldern, Thorsteuern, Judenabgaben, Monopolen, Miethen, Strassenzöllen und ausländischen Geschenken, letztere figuriren allein mit 250,000 Piastern. An Ausgaben giebt er nur 300,000 an, so dass 700,000 Piaster für den Schatz geblieben wären. Da der zu der Zeit regierende Sultan im Jahr 1778 zwei und zwanzig Jahre regierte, meint Höst den Schatz in der Bit el mel auf 13 Millionen Piaster veranschlagen zu können.
[Fußnote 104: Ein spanischer Piaster ungefähr 1 Thlr. 13 Sgr.]
Im Jahr 1821 giebt Hemsö die Einkünfte auf 2,600,000 Thaler an, darunter an Geschenken für 225,000 Thaler. Die Ausgaben berechnet er auf 990,000 Thaler, und wie Höst schliessend, dass Sultan Soliman seit seiner Thronbesteigung im Jahre 1793 jährlich eine Ersparniss von 1,600,000 Thaler gemacht habe, meinte er, müsse in der Bit ei mel nach einer Regierung von 34 Jahren zum mindestens die Summe von 50 Millionen Thaler sein.
Neuere Nachrichten liegen über den Staatshaushalt nicht, vor, denn Jules Duval in der Revue des deux Mondes von 1859 hat einfach von Hemsö abgeschrieben, die Zahlen für die neuesten ausgegeben, ohne der Quelle dabei auch nur zu gedenken; ebenso wenig verdienen Calderons Angaben Glauben.
Auch über Gesammtausfuhr und Einfuhr, über Handel und Wandel liegen keine statistischen Nachrichten vor. Ueber verschiedene Häfen besitzen wir in dieser Beziehung gar kein Material. Agadir mit sehr bedeutender Importation von Naturalien aus Sudan, der Sahara, Nun, Draa und Sus hat, wie Asamor, keine Consuln irgend eines Staates. Und Asamor ist eine der bedeutendsten Städte. Aus einzelnen Häfen jedoch liegen über ein- und ausgelaufene Schiffe, Tonnengehalt, Aus- und Einfuhrartikel, Nationalität der Schiffe etc. genaue Angaben vor[105].
Serafin Calderon schätzt den Gesammtwerth des Handels auf 50,000,000 Thaler. England vermittle davon zwei Drittel, das dritte vertheile sich auf Spanier, Portugiesen, Franzosen, Belgier etc. Beaumier giebt die Handelsbewegung von Marokko mit einem jährlichen Mittel von etwa 40 Millionen Franken an, und was die Wichtigkeit der daran theilnehmenden Häfen anbetrifft, stellt er Mogador mit 5/8 voran, während L'Araisch, Tanger, Rbat, Casablanca und Masagan je mit 1/8, und Tetuan und Saffy mit je 1/16 im gleichen Verhältniss daran Theil nehmen[106].
[Fußnote 106: Siehe Beaumier, Déscription sommaire de Maroc, p. 31.]
Obschon nun verschiedene Tractate mit den christlichen Nationen geschlossen sind über Zoll bei Einfuhr und Ausfuhr, so hebt sie der Sultan manchmal ohne besonderen Grund auf, weshalb sollte er auch nicht? Braucht er, der unfehlbare Herrscher der Gläubigen, Sklave seines Wortes zu sein? ist er nicht Herr und uneingeschränkter Gebieter aller Leute, die im Rharb sich aufhalten, folglich auch der Christen, so lange wie sie dort wohnen? Giebt es überhaupt einen Fürsten, der sich mit ihm messen kann? Freilich regiert der Sultan von Stambul die andere Hälfte[107] der Gläubigen, aber das ist von Gott so geschrieben. Freilich schlugen die Franzosen bei Isly den jetzt regierenden Sultan aufs Haupt, aber das war auch Mektub Allah (von Gott geschrieben); freilich nahmen die Spanier Tetuan, aber auch das war Mektub Allah; einige alte Wahrsager sagen sogar, die Christen werden einst in Mulei Edris (Fes) einrücken, und man antwortet in Marokko: "Gott verfluche sie, aber vielleicht ist es geschrieben."