[Fußnote 107: Anschauungsweise der Marokkaner.]

11. Consulatswesen.

Kein einziger Staat auf der ganzen Erde hat sich so in seiner Abgeschlossenheit zu erhalten gewusst wie Marokko. Während die Türkei schon seit langer Zeit in diplomatischem Verkehr mit allen europäischen Mächten steht, in allen europäischen Ländern Gesandte und Consuln unterhält; während China, wenn es auch noch keine Agenten in Europa hat, doch fortwährend in diplomatischer Verbindung mit den christlichen Mächten steht und das Reich der Mitte jetzt den Europäern geöffnet ist, bleibt der äusserste Westen, el-Rharb-el-Djoani, geheimnissvoll verschlossen.

Weder die Schlacht von Isly oder des Prinzen von Joinville Bombardement von Tanger und Mogador, noch die Einnahme von Tetuan haben vermocht, irgendwie eine Veränderung herbeizuführen. Mit Ausnahme einer einzigen Macht, Englands, sind die Beziehungen Marokko's zu allen übrigen Mächten förmlich und kalt; sie beschränken sich eigentlich auf Differenzen der Mohammedaner und Christen in den marokkanischen Hafenstädten.

Es haben indess früher wohl bessere Zeiten existirt, wir wissen, dass nach den heftigsten Feindseligkeiten der Christen mit den Mohammedanern Spaniens und Marokko's Pausen eintraten, in welchen beide vereint den Wissenschaften oblagen. Die erste Vertreibung der Mohammedaner aus Spanien, endlich die letzte im Jahre 1609, legte Grund zu jenem unauslöschlichen Hasse, den die Norwestafrikaner [Nordwestafrikaner] von nun an gegen alles Christliche kund geben. Dazu kamen auf den Thron von Marokko neue Dynastien, die erste der Filali oder Schürfa, dann zu Anfang des 17. Jahrhunderts die zweite Dynastie der Schürfa.

Marokko wetteiferte um diese Zeit mit den übrigen Raubstaaten im Capern christlicher Schiffe, keine Macht war sicher, und hatte je ein europäisches Schiff das Unglück an der gefährlichen Küste, die sich von der Strasse Gibraltars bis zur Sahara hinerstreckt, zu stranden, so waren das Schiff und was es enthielt unbedingt Beute der umwohnenden Völker, die Bemannung aber wurde gemordet, verstümmelt, geschändet, im besten Fall aber ins Innere geschleppt, um dort als Sklaven mittelst härtester Arbeit das Leben zu fristen.

Und haben diese Verhältnisse vielleicht Besserung erfahren? Keineswegs! Allerdings hat schon Sultan Soliman, oder Sliman, wie ihn die Marokkaner nennen, die Aufhebung der christlichen Sklaven decretirt, und erleidet jetzt ein Schiff irgendwo an der marokkanischen Küste Schiffbruch, so wird die Mannschaft nicht mehr verkauft, sondern gemeiniglich nach langen Leiden ausgeliefert. Werden unter der Zeit einige davon gemordet, werden, falls Frauenzimmer dabei sind, diese nicht respectirt, so hat das noch nie Folgen gehabt. Eigenthum wird aber auch heutigen Tages noch nie geachtet; der Schiffsladung beraubt, des persönlichen Eigenthums bestohlen, so werden die armen Verunglückten dem betreffenden Consul überhändigt. Sicher verlangt der mit der Uebergabe Betraute vom christlichen Consul noch ein bedeutendes Geschenk, möglicherweise wird auch noch eine Rechnung für Verpflegung eingereicht. Und die Consuln zahlen und danken.

Im selben Jahr 1852, als der englische Admiral Napier marokkanische Unbilden, gegen englische Unterthanen begangen, rächen wollte, aber nur unnützerweise seine Flotte angesichts der marokkanischen Küste spazieren führte, im selben Jahre wurde die preussische Brigg Flora an der Rifküste geplündert. Vier Jahre später wurde Prinz Adalbert von Preussen, der jetzige Admiral des Deutschen Reiches, an der nämlichen Küste beim Wassereinnehmen verrätherisch angegriffen und verwundet. Marokko hat nie Satisfaction dafür gegeben, gegen Preussen liess es sich durch den schwedischen General-Consul damit entschuldigen (wie mir später der marokkanische Grosswessier Si Thaib Bu Aschrin selbst bestätigte): der Sultan habe keine Gewalt über die Rif-Bewohner, und lehne daher jede Verantwortung für dergleichen Acte ab, und mit England wurden die guten Beziehungen dadurch wieder hergestellt, dass das stolze Königreich dem Sultan Geschenke machte.

Um die Politik Englands zu verstehen, müssen wir bis zum Jahr 1684 zurückgehen, zu welcher Zeit England die Stadt Tanger, welche Karl II. von seiner portugiesischen Gemahlin Katharina zwanzig Jahre früher bekommen hatte, freiwillig aufgab. Dieser unkluge Streich, einen Stützungspunkt am Eingange des Mittelmeers freiwillig zu verlassen, wurde für die englische Regierung dadurch neutralisirt, dass schon 20 Jahre später der kaiserliche Feldmarschall Prinz Georg von Hessen-Darmstadt Gibraltar für England eroberte, und Grossbritannien ist seitdem im stetigen Besitze dieser Veste geblieben.

War es nun in früheren Zeiten England hauptsächlich darum zu thun, mittelst Gibraltars die dortige Meerenge beherrschen zu können, dort am Eingange des Mittelmeeres einen sichern Punkt für eine Kriegsflotte zu besitzen, so hat die Dampfschifffahrt hierin eine vollständige Veränderung hervorgerufen. Seitdem ein Dampfschiff in einer Stunde 15, ja ausnahmsweise 20 Knoten zurücklegen kann, beherrscht der Fels von Gibraltar die Meerenge nicht mehr. Ueberdies lässt sich mit den weittragendsten Kanonen die ganze Passage bis zum afrikanischen Ufer nicht bestreichen. Für England aber wird Gibraltar immer Wichtigkeit behalten wegen der Nähe von Marokko und als Sammelplatz für eine Flotte. Aber weit wichtiger in dieser Beziehung würde für England der Besitz von Ceuta sein. Was die Lage dieses Ortes anbetrifft, so ist sie ebenso günstig wie die von Gibraltar, in Beziehung zu Marokko aber bedeutend günstiger. Und insofern ist es wohl zu verstehen, dass in jüngster Zeit immer wieder das Gerücht auftauchte, England beabsichtige Gibraltar gegen Ceuta auszutauschen.