Das Interesse nun, welches England an Marokko bindet, liegt zum Theil darin, weil der englische Handel, die englischen Producte fast ausschliesslich den marokkanischen Markt beherrschen, dann in Eifersucht gegen fremde Mächte, vorzugsweise Spanien und Frankreich. Und diese Eifersucht entspringt hauptsächlich wieder daraus, dass England fürchtet von eben diesen Mächten vom marokkanischen Markte verdrängt zu werden. Wir wollen nicht zurückgreifen, und daran erinnern, wie England der Staat war, der die Eingeborenen Algeriens und namentlich Abd-el-Kader thatsächlich gegen Frankreich unterstützte, wir wollen bei den letzten Ereignissen stehen bleiben.
Als am 25. März 1860 Mulei Abbes und O'Donnell Frieden schlossen, hatte bald darauf der spanische General Kos de Olano, von seinen Soldaten Abschied nehmend, vollkommen Recht zu sagen: "Wir haben einen für uns neuen, ja einzigen Krieg in seiner Art beendigt, in welchem, nach meinem Urtheile, wir bei jeder Action siegreich gewesen sind, aber dennoch die Campagne verloren haben."
Olano hatte vollkommen Recht so zu sagen, denn gewonnen haben die Spanier in diesem Feldzuge nichts. Das Versprechen Agadir abzutreten ist nicht gehalten worden, im Gegentheil, im Jahr 1862 konnte ich mich überzeugen, dass der Sultan Sidi Mohammed aufs eifrigste damit beschäftigt war, diesen Ort, der früher nur mangelhaft befestigt war, durch neue und gut ausgeführte Befestigungen zu schützen. Eine Mission in Fes und Mikenes einzurichten, daran haben die Spanier bis jetzt nicht denken können, trotzdem, dass auch dies beim Friedensschluss verabredet war. Tetuan musste wieder herausgegeben werden, und die Kriegskosten sind noch lange nicht bezahlt, und werden es auch, wenn es so fort geht, nach eigener spanischer Berechnung in hundert Jahren noch nicht sein.
Und wer brachte diesen für Spanien so ungünstigen Frieden zuwege? Wer verhinderte die Spanier von Tetuan nach Tanger zu marschiren, wer verhinderte das Bombardement von Tanger, Mogador und anderen marokkanischen Hafenplätzen? Nur England! Sidi el Hadj Abd es Ssalam, Grossscherif von Uesan, erzählte mir sogar ein Jahr später, dass englische Soldaten als Marokkaner verkleidet, an den Batterien in Tanger gestanden haben, um die Kanonen zu bedienen, falls die Spanier dennoch einen Angriff wagen würden. Natürlich kann ich nicht einstehen für die Wahrheit dieser Aussage, sie bekundet aber, wie innigen Antheil England derzeit an Marokko nimmt.
Die ersten regelmässigen Beziehungen Spaniens mit Marokko fanden im Jahr 1767 und 1798 statt. Wie die übrigen christlichen Nationen verstand auch Spanien sich zu einem jährlichen Tribut, der sich indess nur auf etwa 1000 Thlr. belief. Freilich mussten bei einem jeden Consulatswechsel 12,000 Thlr. extra bezahlt werden. Spanien betonte übrigens in dem 1798 abgeschlossenen Vertrage, die Geschenke nur deshalb leisten zu wollen, damit die in Mikenes, Marokko, L'Araisch und Tanger bestehenden Klöster ohne Hinderniss ihre Religion ausüben könnten. Die Klöster im Innern waren hauptsächlich errichtet, christliche Sklaven freizukaufen und ihnen in Krankheit Beistand zu leisten, namentlich auch sie in der christlichen Religion zu stärken und zu erhalten. Höst in seinem 1781 erschienenen Werke erwähnt noch dieser Klöster. Aber da der religiöse Fanatismus in Marokko bis jetzt immer noch wachsend gewesen ist, sah sich Spanien genöthigt, schon Ende des vorigen Jahrhunderts die Klöster von Mikenes und Marokko aufzuheben; das von L'Araisch wurde 1822 geschlossen.
Augenblicklich lebt der spanische Generalconsul in Tanger mit der Regierung von Marokko auf gutem Fusse, spanische Agenten theilen mit denen des Sultans sämmtliche Hafeneinkünfte aller Häfen, damit Spanien so zu seiner Kriegskostenentschädigung komme.
Der einzige Staat, der es verschmäht hat, je Verbindung mit Marokko anzuknüpfen oder gar Tribut zu zahlen, ist Russland, und eigenthümlich, Russland ist in Marokko am meisten gefürchtet, den Namen "Muscu" spricht jeder Marokkaner mit einer gemessenen ehrfurchtsvollen Scheu aus.
Frankreich behauptet[108], schon 1577 Consuln in Fes gehabt zu haben, ob dem so ist, wollen wir dahin gestellt sein lassen. Die ersten diplomatischen Beziehungen waren der Vertrag vom 3. Sept. 1630, vom 17. und 24. Sept. 1631, vom 16. Jan. 1635 und vom 29. Jan. 1682[109], endlich 1693 zur Zeit Louis XIV. Letzterer trat erst 1767 in Kraft. Frankreich bezahlte keine bestimmte jährliche Summe, aber die jährlichen Geschenke giebt Hemsö auf mehr als 100,000 Thlr. an.
[Fußnote 109: Du Mont, Corps diplomatique t. V. VI. u. VII.]