Von dem ersten Tage der Eroberung Algeriens an hat Frankreich beständig mit Marokko auf dem qui vive gestanden. Die Schlacht von Isly, durch den jetzt regierenden Sultan Sidi Mohammed verloren, das Bombardement von Mogador und Tanger haben keineswegs dazu beigetragen, die Franzosen beliebt zu machen. 1844 als Friede und ein neuer Vertrag geschlossen wurde, konnte Abd-er- Rhaman sich nicht dazu verstehen, den französischen Gesandten in Fes zu empfangen, er ging eigens zu dem Ende nach Rbat.

Seit der Zeit hat Frankreich keine ernste Streitigkeiten mit Marokko gehabt, die Expedition gegen die Beni-Snassen war lokal und geschah mit Genehmigung des Sultans, andere Differenzen, z.B. manchmal Auslieferungen algerinischer Verbrecher und Revolteure, wurden immer dadurch beigelegt, dass Marokko wo es nur konnte aufs schnellste Frankreichs Wünsche erfüllte. Denn England wird in Marokko geliebt, Spanien gehasst, aber Frankreich gefürchtet. Das ist die eigene Aussage des marokkanischen ersten Ministers.

Obgleich England nicht zu den Mächten gehört, welche die ältesten Tractate mit Marokko geschlossen haben, so sehen wir doch schon, dass zur Zeit der Regierung der Königin Elisabeth englischer Handel sich an der marokkanischen Küste entwickelte. Am 2. Januar 1718 wurde der erste[110] und unter Georg II. und Sultan Mulei Hammed el Dahabi im Juni 1729 ein zweiter Vertrag geschlossen. Von den Sultanen Sidi Mohammed 1760, von Mulei Yasid 1790, und von Mulei Sliman 1809 wurde dieser Vertrag bestätigt[111]. Denn die Sultane von Marokko anerkennen die Acte ihrer Vorgänger nur, wenn sie dieselben ausdrücklich bestätigt und erneuert haben, namentlich solche mit den christlichen Mächten. Ein Hauptgrund zu einem solchen Verfahren ist, dass bei einer Vertragserneuerung die betreffenden Staaten bedeutende Geschenke an den Sultan und seine Regierung zu machen haben. In einer 1815 vom englischen Parlament veröffentlichten Liste ersehen wir, dass Marokko mit einer jährlichen Liste von 16,177 Pfd. St. von 1797 bis 1814 figurirt als Kriegsunterstützung[112]. Ausserdem hat die grossbritannische Legation in Marokko über jährliche 10,000 Piaster zu Geschenken zu verfügen, und versorgt zum Theil Marokko gratis mit Munition[113] und Waffen wegen der Erlaubniss, nach Gibraltar Vieh und Getreide so viel es braucht ausführen zu können.

[Fußnote 110: Du Mont, Corps diplom. T. VIII.]

[Fußnote 111: Gråberg di Hemsö, p. 232.]

[Fußnote 112: Revue des deux mondes 1844. Maroc, ses moeurs et ressources.]

[Fußnote 113: S. Calderon.]

Die grössten Erfolge verdankt England jedoch seinem jetzigen Repräsentanten in Marokko, Sir Drummond Hay. Um Männer zu haben, die genau mit den Sitten und mit der Sprache des Volkes bekannt sind, hat England zu seinen Vertretern in Marokko nur solche Leute genommen, die dort im Lande geboren sind. So auch Sir Drummond, der wie kein anderer das Land kennt, und mit Hoch und Niedrig umzugehen weiss. Am 9. December 1859 schloss Sir Drummond mit Abd-er-Rhaman einen neuen Handelsvertrag, und traf Bestimmungen, von denen alle christlichen Mächte profitiren sollten. Indess beanspruchte im Vertrage von 1861, der, was das Commercielle anbetrifft, revidirt wurde, England für sich eine Ausnahmestellung.

So heisst es z.B., Englands Consuln dürfen residiren, in welchem Hafen oder in welcher Stadt[114] es Grossbritannien für gut findet, während für die Consuln der übrigen Mächte nur die Hafen erwähnt sind. Andererseits ist anzuerkennen, dass England in diesem Vertrage zum erstenmal für alle europäischen Agenten das Recht erlangte, die Fahne da aufzuhissen, wo man es wollte, und nicht bloss wie früher im "unreinen Ghetto" der Juden. Und vor allen Dingen ist hervorzuheben, dass England den Protestanten volle Freiheit bei Ausübung ihres Cultus zusicherte. Im Jahre 1862 war Sir Drummond selbst in Mikenes während eben der Zeit wie ich dort war, und ich konnte mich selbst überzeugen, wie allmächtig sein Einfluss, mithin der Englands in Marokko ist, und irre ich nicht, so hat Drummond Hay im Jahre 1867 sogar in Fes den Sultan besucht. Derjenige, der weiss, wie sehr schwierig es ist, mit den marokkanischen Monarchen in Person zu verkehren, namentlich in einer der Hauptstädte des Landes selbst, wird ermessen können, welch grosses Zutrauen der derzeitige Sultan zum jetzigen grossbritannischen Consul hat.

[Fußnote 114: Um Marokko nicht zu verletzen, würde übrigens England wohl nie darauf bestehen, im Innern des Landes Consuln zu halten.]