Man muss indess nicht glauben, dass ein eigentlicher Weg längs des Meeres läuft, davon ist keine Spur vorhanden. Aber der Strand ist so breit, besteht aus so festem Sande, dass er, ausgenommen für Wagen, vollkommen eine macadamisirte Chaussee ersetzt. Man muss aber die Ebbezeit wählen, weil bei Fluth das Meer bis dicht an die Dünen oder Felsen hinantritt. Man kann hier sehen, wie der Atlantische Ocean, dessen breiteste Stelle hier ist, selbst nach tagelangen Windstillen, dennoch immer grosse Wellen schlägt, und alle Zeit ist die Brandung oder das Rauschen der den Sand hinaufrollenden Wellen weit im Innern des Landes zu hören.

Man kann recht gut, längs des Strandes reisend, in einem Tag Arseila erreichen, aber wir hatten ein Hinderniss an der Mündung des Ued-Morharha, worüber ein ganzer Tag verging. Zu breit und tief an der Mündung, um durchwatet werden zu können, hat man für Fahr-Einrichtung gesorgt, das Boot aber lag auf der anderen Seite, und kein Fährmann war zu finden oder durch Rufen herbeizulocken. Wir zogen, nachdem wir vergeblich versucht hatten, hindurch zu schwimmen, flussaufwärts, ohne eine Furt zu finden, auf das Bereden der Leute eines Duars kehrten wir um, und diesmal war denn auch der Fährmann an Ort und Stelle, und wir wurden hinüberbefördert. Ehe man Arseila erreicht, hat man dann noch die Mündung des Ued-Aiascha zu passiren.

Arseila, von den Alten Zilia. Zelis und Zilis genannt, wird von einigen Schriftstellern, darunter Hemsö, Höst und Barth, Asila genannt. Wenn nun aber auch die Herleitung des Namens von Zilis unzweifelhaft ist, so ist heute doch nur die Schreibweise mit einem r die einzig richtige, und ist es wohl seit Jahrhunderten gewesen, da Leo, Marmol, Lempriere, Jackson und die meisten Schriftsteller so schrieben. Ohne Zweifel von den Eingeborenen gegründet, später im Besitze der Carthager, der Römer, der Gothen, wurde nach Leo Arseila 712 n. Chr. von den Mohammedanern erobert und 200 Jahre von ihnen behauptet. Dann sollen die Engländer (nach Leo) eine Zeitlang die Stadt besessen haben, und später wieder im Besitze der Mohammedaner wurde sie 1471[123] von den Portugiesen erobert und bis zum Jahre 1545 behauptet. Seit der Zeit ist die Stadt im Besitze der Marokkaner geblieben.

[Fußnote 123: Nach Leo 1477.]

Ob das alte Zilis übrigens genau an der Stelle des heutigen Arseila gewesen ist, ob es nicht vielmehr an der Mündung des Ued-Aiascha einige hundert Schritte weiter im Norden gelegen hat, möchte wohl erst noch festzustellen sein. Jedenfalls ist die heutige Stadt so gelegen, dass sie nie besonders durch Handel und Wandel blühend gewesen sein kann. Am Strande ziehen sich allerdings rechtwinkelig ins Meer hinein Felsblöcke, aber angenommen, sie hätten ehemals einen Hafen gebildet, so würde dies Bassin kaum gross genug gewesen sein 12-16 Fischerböte aufzunehmen. Ueberdies sind die Blöcke so klein, dass sie bei halber Fluth schon vom Wasser bedeckt sind. Die Mündung des Ued-Aiascha, wo man ebenfalls Mauerüberreste bemerkt hat, muss in früherer Zeit ein guter Hafen gewesen sein. Plinius sagt überdies: "Zilis juxta flumen Zilia", welcher Fluss wohl kein anderer sein kann, als der ebenerwähnte Aiascha.

Arseila, in der Gegend von Hasbat gelegen, liegt unmittelbar am Meere. Ein rechtwinkliges Oblongum, von halbverfallenen Mauern und Thürmen umgeben, mit zwei Thoren, von denen das eine nach Norden, das andere nach Osten sieht, hat Arseila c. 500 Einwohner mohammedanischer und israelitischer Confession. Man findet in Arseila wie in allen Seestädten Marokko's zahlreiche Spuren christlicher Herrschaft an den alten Bauwerken. Einige am Boden liegende Säulen, ebenso Säulen, die jetzt im Innern der Djemma sind, dürften vielleicht römischen Ursprungs sein. Ein Djemma, ein elendes Funduk sind die öffentlichen Gebäude, ein marokkanischer Jude versieht das englische Consulat. Arseila besitzt nicht einmal Fischernachen, geschweige grössere Schiffe. Trotz der nächsten sandigen Umgebung haben die Bewohner es verstanden, leidlich gute Gärten anzulegen und Feigen, Melonen, Pasteken und die Rebe gedeihen vortrefflich. Aber kein Ort ist so theuer, was Lebensmittel anbetrifft, wie Arseila, und selbst Früchte, die in anderen Theilen von Marokko fast umsonst zu haben sind, kosten hier verhältnissmässig viel Geld.

Die ganze Stadtbevölkerung fanden wir unter Zelten auf einer grünen Wiese dicht am Meere gelagert, da der Sultan für sein ganzes Reich eine dreitägige Festlichkeit angeordnet hatte aus Freude über den glücklich bewältigten Aufstand Sidi Djellul's. Wie der Juden Laubhüttenfest, werden alle derartigen Feierlichkeiten der Marokkaner im Freien abgehalten, wie ja auch bei den grossen religiösen Festen, Aid el kebir, aid sserir und Molud die gottesdienstliche Ceremonie nicht in der Moschee, sondern draussen auf freiem Felde celebrirt wird. Zwischen Tanger und L'Araisch können auch Christen in christlicher Tracht längs des Meeres reisen, ohne befürchten zu müssen belästigt zu werden. So traf denn auch am selben Abend, wo wir in Arseila waren, ein spanischer Kaufmann ein (Christen giebt es sonst keine im Städtchen), der in eben dem Funduk die Nacht zubrachte, welches uns beherbergte.

Von Arseila, das wir am anderen Morgen verliessen, bis L'Araisch hat man längs des Meeres, dessen Ufer immer denselben Charakter beibehält, nur einen halben Tagemarsch, und man muss, um in die Stadt zu gelangen, die Mündung des Ued-Kus übersetzen. Ohne uns aufzuhalten, erreichten wir immer durch einen schönen Korkeichenwald reisend, am selben Tage L'xor. Und auch hier war kein Aufenthalt für uns, da uns die Kunde wurde Sidi-el-Hadj Abd- es-Ssalam beabsichtige eine Reise nach Marokko. Zwei Tage darauf waren wir wohlbehalten in Uesan nach einer Abwesenheit von drei Wochen.

Der Grossscherif, der mich wie immer sehr freundlich empfing, sagte mir, allerdings habe er eine Einladung vom Sultan erhalten, ihn nach Maraksch zu begleiten, aber später habe der Sultan in einem anderen Briefe den Wunsch ausgedrückt, nicht zu kommen, da seine Anwesenheit in der Nähe des Rharb, dessen Bevölkerung eben erst eine Revolution durchgemacht hätte, notwendiger sei, als in Maraksch.

So glaubte ich denn auch, dass die Zeit gekommen sei, mein Geschick von dem des Grossscherifs zu trennen, dessen liebenswürdige und uneigennützige Gastfreundschaft ich nun seit einem Jahre genoss; zudem fühlte ich, dass ich der arabischen Sprache täglich mächtiger wurde, denn hat man die ersten Schwierigkeiten überwunden, so ist diese Sprache als Umgangssprache nicht schwer. Und wenn man ausgerechnet hat, dass ein europäischer Landmann, ein englischer Bauer z.B. in seinen gewöhnlichen Lebensverhältnissen nur ca. 400 Wörter braucht, mit deren Hülfe er alle seine Ideen seinen Mitmenschen mittheilen kann, so hat man sicher in Marokko auch nicht mehr nöthig.