Uebrigens war damit das Land keineswegs ganz beruhigt, die Hiaina, die Beni-Hassen, die Rifprovinzen waren in Gährung, man wusste nicht ob die Rifbewohner das Gebiet um Melilla abtreten wollten; der zu dem Ende vom Sultan an die Gebirgsstämme entsandte Scherif von Uesan, Sidi Mohammed ben Akdjebar, kehrte unverrichteter Sache zurück.

Endlich verliessen wir mit der Armee die Karia-el-Abessi, und in östlicher Richtung marschirend, zogen wir über den Ued-Teine und den Ued-Ardat, und campirten an einem Orte Had genannt. Hier blieben wir wiederum einige Tage liegen, und marschirten dann längs des Ardatstroms aufwärts, um bei einem Orte Arba zu campiren. Das Wort Arba bedeutet Mittwoch, und an dem Orte wird Mittwochs Markt abgehalten. In ganz Marokko stösst man überall auf Oertlichkeiten, die manchmal ohne alle Bewohner, die Bezeichnung Had Sonntag, Tnein Montag, Tleta Dienstag, Arba Mittwoch, Chamis Donnerstag, Djemma Freitag und Sebt Samstag führen. Solche Oertlichkeiten dienen als Marktplätze, und es giebt ihrer Hunderte im ganzen marokkanischen Reich.

Das Land war in dieser Gegend durchaus gewellt, überall gut angebaut, und das Erdreich, schwarzer Humus, sehr fruchtbar. Wie man an den Ufern der Flüsse sehen konnte, hat die Humusschicht meistens eine Dicke von 5-6 Meter. Von hier aus zogen wir nach einigen Tagen nach dem Ued-Uarga und lagerten südlich, Angesichts der Bergkette der Uled-Aissa. Das Lager war hier in reizender Gegend aufgeschlagen, die schönen Ufer des Flusses, von 20 Fuss hohen Oleanderstauden und Tamarisken dicht bestanden, die Gebirge mit zahlreichen Dörfern, die aus ihren Oliven- und Feigengärten herauslugten, im Südosten der eigenthümlich geformte Berg Mulei Busta, geben der ganzen Landschaft eine grosse Abwechselung. Aber der Ramadhan war angebrochen, und da wir im Lager waren, musste ich natürlich aufs strengste die vorgeschriebenen Fasten mitmachen, was bei der grossen Hitze, wir waren jetzt Ende April, keineswegs angenehm war.

Endlich kam ein Danksagebrief vom Sultan an den Grossscherif, wir verabschiedeten uns von Mulei Arschid und erreichten, rasch heimwärts ziehend, in anderthalb Tagen Uesan. Mulei Arschid aber vereinigte sich mit dem Sultan, der von Arbat aus mit der ganzen übrigen Armee gegen die Beni- Hassen ins Feld gerückt war. Da wir ganz unerwartet in Uesan eintrafen, so war natürlich auch kein Empfang.

Nachdem der Ramadhan vorüber, das Aid-el-Sserir mit grossem Gepränge gefeiert worden war, und ich mich von den Anstrengungen des mehrere Monate dauernden Feldzuges erholt hatte, brach ich von Uesan auf, um Tetuan zu besuchen. Reichlich mit Medicamenten versehen und unter dem Titel "ssahab Sidi", d.h. Freund, Diener oder Anhänger des Grossscherifs, wollte ich es wagen, allein die Gegenden zu durchstreifen, es sollte dies gewissermassen als Versuch und Vorbereitung zu meiner Abreise dienen. Ein Spanier, schon seit 15 Jahren in Uesan ansässig und dort verheirathet, begleitete mich[122].

[Fußnote 122: Einige Monate später wurde er, als er allein von Uesan ins Gebirge reiste, ermordet.]

Von Uesan aufbrechend, ich hatte ein eigenes Maulthier und einen vom Grossscherif geliehenen starken Esel, ging es über Tscheralia nach L'xor, und nach einem mehrtägigen Aufenthalt auf dem Westabhange der Rif-Berge, welche man von L'xor aus in einigen Stunden erreicht, nordwärts. Vom Orte Arba el Aiascha gingen wir nach Had bei Arseila, wo ich mein Maulthier verkaufen wollte, da es sich, als nicht besonders stark, schlecht bewährt hatte. Aber wegen zu schlechten Wetters, welches uns zwang, einen ganzen Tag in einem Duar zuzubringen, war der Markttag des Had verpasst worden, und dicht bei dem Sanctuarium Mulei Abd-es-Ssalam ben Mschisch, einer berühmten Sauya und sehr besuchtem Wallfahrtsorte vorbeikommend, zogen wir dann durchs Gebirge Tetuan entgegen.

Bis jetzt waren wir überall gut aufgenommen worden, aber je näher wir Tetuan kamen, desto misstrauischer zeigten sich die Bergbewohner, und eines Abends wollten Tholba eines Dorfes, wo wir zu übernachten beschlossen hatten, uns nur gegen Erlegung von einigen Metkal Quartier geben, "dann würden wir überdies ihres Segens theilhaftig werden." Auf meine Erwiederung, der Segen des Grossscherifs von Uesan, dessen Freund ich sei, genüge mir, zogen sie sich drohend zurück, indessen schienen sie später ihre Gesinnungen geändert zu haben, denn sie brachten ein reichliches Nachtessen. Auf dem Wege von Tanger nach Tetuan angekommen, brachten wir dann eine Nacht in dem Caravanserai zu, bekannt geworden durch den letzten Krieg der Spanier. Hier erblickte ich in den Gebirgsschluchten zum ersten Male die deutsche Eiche wild wachsend, welche mir sonst nirgends mehr in Marokko aufgestossen ist. Sonst hat man in Marokko in den Ebenen vorzugsweise die Korkeiche und auf den Abhängen der Berge die immergrüne Eiche und die Cerriseiche.

Im Caravanserai oder Funduk hatten wir für nächtliches Unterkommen, d.h. für eine leere Zelle und Hofraum fürs Vieh, einige Mosonat zu zahlen, für Geld bekamen wir auch etwas Brod, Milch und einige Eier. Am anderen Morgen erreichten wir gegen 10 Uhr die Stadt Tetuan oder Tetaun, wie die Marokkaner sie nennen. Die Spanier waren gerade beim Abmarsch, denn Tetuan liegt bekanntlich nicht unmittelbar am Meere, so dass die Truppen nicht direct eingeschifft werden können. Ich unterlasse es eine Beschreibung dieser von reizenden Orangengärten umgebenen Stadt zu geben, sie ist hinlänglich aus dem letzten Kriege bekannt.

Nach einigen Tagen Aufenthalt kehrte ich Tetuan den Rücken, und begab mich mit einer grossen Karavane nach Tanger. Der Weg wird gewöhnlich in zwei Tagen gemacht, wir brauchten indess nur Einen. Sehr belebt war er durch heimkehrende Tetauni (Bewohner Tetuans), welche während der spanischen Besatzung die Stadt verlassen hatten, und die nun zurückkehrten, um von ihren Immobilien wieder Besitz zu nehmen. Nachdem ich sodann in Tanger mein Maulthier verkauft hatte, trat ich den Rückweg nach Uesan an, zuerst längs des Strandes.