Auch der Winter wurde nicht unangenehm verbracht; ob schon die Spitzen der Rif-Berge alle mit dickem Schnee überzogen, merkte man in Uesan nicht viel von der Kälte. Eine Einrichtung zum Heizen hat natürlich Niemand, bei grosser Kälte, d.h. wenn das Thermometer Morgens auf +6 oder +4° R. herabsinkt, oder gar wohl einmal unter Null ist (es soll vorkommen, ich habe es indess nicht erlebt), lässt man sich ein Becken mit glühenden Kohlen ins Zimmer bringen. Und diesmal war der Winter so milde, dass die Gesellschaft, welche der Grossscherif täglich bei sich empfing, in einer Art von Veranda seines Hauses empfangen wurde, keineswegs aber in einem geschlossenen Zimmer.

Bald darauf, im Januar 1862, trat ein anderes Ereigniss ein, welches abermals eine Reise des Grossscherifs nothwendig machte, und weil es charakteristisch für die politisch-socialen Zustände des Landes ist, verdient, hier erzählt zu werden. Es hatte sich eine Art von Gegen-Sultan gebildet.

Man erfuhr zuerst in Uesan gerüchtweise von einem Marabut oder Heiligen, der in der Nähe der Stadt sich aufhielt, und vorgab alle Kranke gesund machen zu können; er predigte zugleich den heiligen Krieg gegen die Ungläubigen (der Krieg gegen Spanien hatte den alten Fanatismus der Gläubigen gegen die Christen recht wieder ins Leben gerufen) und proclamirte die Stunde des Sultans habe geschlagen, es würde ein neuer kommen, der bestimmt sei die gesunkene Macht der Gläubigen wieder aufzulichten, und der mit erneuerter Kraft und Herrlichkeit den Islam der ganzen Welt auferlegen werde. Es strömte ihm natürlich viel Volks zu, da der spanisch-marokkanische Krieg Räuber und Strolche genug herangebildet hatte, und überdies, je unwahrscheinlicher eine Prophezeiung ist, sie um so leichter bei den Marokkanern gläubige Anhänger findet, namentlich wenn den Leidenschaften und religiösen Eitelkeiten des Volkes geschmeichelt wird.

Der Grossscherif verhielt sich äusserst ruhig bei diesem Treiben, da seiner Macht und seinem Einfluss kein Abbruch geschehen konnte, weil der Weltverbesserer kein Scherif seiner Herkunft war, nicht einmal ein Thaleb, d.h. ein der Schrift kundiger Mann. Nach einigen Wochen, während der Zeit Sidi Djellul (er hatte sich den Scheriftitel angemasst) einen Haufen von einigen Tausenden von Taugenichtsen um sich versammelt hatte, beging er indess die Frechheit, dem Grossscherif einen Brief zu schreiben, d.h. schreiben zu lassen, ihm zu sagen, er (Sidi Djellul) sei der Mann der Stunde (mul' el uogt, d.h. der erwartete Messias), der Grossscherif habe sich Angesichts dieses Briefes zu ihm zu begeben, und in Gemeinschaft wollten sie sodann gegen den Sultan und die grossen Städte ziehen. Sidi-el- Hadj Abd-es-Ssalam würdigte ihn natürlich keiner Antwort; sandte aber sofort an den Sultan einen Courier, um ihn auf die Gefahr dieses Abenteurers aufmerksam zu machen.

Mittlerweile wuchs der Anhang Sidi Djellul's in grossen Proportionen. Seine Genossen lebten von Raub und Plündern, und grössere Raubzüge stellte er in Aussicht: "Die grossen Städte, wie Fes, Mikenes, müssten ganz verschwinden, die Bewohner hätten ihr Geld durch Handel mit den Christen gewonnen, daher sei es ein gutes Werk sich dieser in den Städten angehäuften Schätze zu bemächtigen."—Merkwürdigerweise rührte sich nach mehreren Wochen die Regierung noch immer nicht, denn es hält ungemein schwer, den Sultan zu irgend einem entscheidenden Schritt zu bringen.

Im Anfange Februar desselben Jahres wagte er sich schon an befestigte Punkte; mit seinem ganzen Anhang, von denen einige mit Flinten, die meisten aber nur mit Knütteln und Lanzen bewaffnet waren, zog er gegen die Karia- ben-Auda, und nach einer dreitägigen stürmischen Belagerung bemächtigte er sich derselben mit Gewalt, und enthauptete denselben Bascha Abd-el-Kerim, der vor Kurzem dem Grossscherif eine so grossartige Gastfreundschaft erwiesen hatte. Die 16 oder 20 Mann Maghaseni, eine ebenso grosse Anzahl Diener des Bascha's wurden ebenfalls ermordet, die Bewohner der um die Karia gelegenen Dörfer entflohen zum Theil nach Uesan, zum Theil gingen sie zu Sidi Djellul über.

Der Bascha wurde übrigens vom Volke kaum betrauert, seine Habsucht und Grausamkeit hatten ihn zum Feinde aller deren gemacht, denen er als Gouverneur vorstand. Was Sidi Djellul anbetrifft, so stieg nach der Einnahme der Karia sein Einfluss von Tage zu Tage, und obschon er durch den Bascha, der sich in der Karia hinter hohen Mauern gut vertheidigt hatte[121], einigen Verlust erlitten hatte, so behauptete das leichtgläubige Volk, alle die mit Sidi Djellul zögen seien kugelfest, und namentlich er selbst unverwundbar. Während 14 Tagen schwelgten die Räuber sodann auf der Karia, ihr Chef erliess Proclamationen, worin er verkündete mit allen Baschas so verfahren zu wollen, und namentlich auch mit dem Sultan.

[Fußnote 121: Er musste sogar Revolver und Lefaucheux'sche Flinten gehabt haben, da der Grossscherif später von Leuten mehrere derartige Waffen geschenkt bekam, und die als in der Karia gefunden bezeichnet wurden.]

Endlich rührte sich der Sultan; sein Bruder Mulei Arschid hatte Befehl bekommen mit 1000 Mann Soldaten, ebenso vielen Reitern und 4 Kanonen über Media, an der Mündung des Ssebu gelegen, nach der Karia zu marschiren, und Sidi-el-Hadj Abd-es-Ssalam war gebeten worden zum Heere zu stossen, um durch seine Anwesenheit der Sache des Sultans in den Augen des Volkes grösseres moralisches Gewicht zu geben. Der Grossscherif leistete der Bitte des Sultans Folge und mit grossem und kriegerischem Trosse wurde auf die Karia-el-Abessi marschirt, die wir in zwei Tagemärschen erreichten, am selben Tage, an welchem von der anderen Seite der Bruder des Sultans, Mulei Arschid anlangte. Der Eindruck, den das Erscheinen des Grossscherifs hervorbrachte, war ein ausserordentlicher. Die ganze Rharbprovinz war im offenen Aufruhr gewesen, Mulei Arschid hatte sich von Media nur mit Gewalt einen Weg bis zur Karia-el-Abessi bahnen können. Wir selbst aber waren dort ohne auf irgend feindselige Leute zu stossen angekommen, und die Leute, welche zurückgeblieben waren, sagten aus: Sidi Djellul habe sich mit seinem Anhang durch die Berge nach Sidi Kassem, einem südlich gelegenen Orte, geflüchtet. Mit Ausnahme derer, die keine Heimath hatten und fest zu Sidi Djellul standen, war damit der eigentliche Aufstand gedämpft; d.h. die beiden Rharbprovinzen waren durch die Anwesenheit des Grossscherifs bei der Armee Mulei Archid's vollkommen beruhigt und hatten sich ohne weitere Zwangsmassregeln unterworfen.

Merkwürdigerweise wurde nun aber Sidi Djellul nicht durch einen raschen Marsch auf Sidi Kassem beunruhigt und er selbst mit seinen Anhängern vernichtet oder gefangen gebracht. Wir lagerten bis Mitte März ruhig bei der Karia-el-Abessi. Aber der Anhang Sidi Djellul's verlor sich nun immer mehr, freilich hatte er auch den Ort Sidi Kassem noch überrumpeln und plündern können, die Behörde war mit den meisten Bewohnern schon vorher geflohen, es war dies aber sein letztes Heldenstück. Von fast Allen verlassen, versuchte er es das Grabmal von Mulei Edris el Akbar in Serone zu erreichen, wo er eine sichere Zufluchtsstätte gefunden haben würde. Aber gleich beim Eintritt in die Stadt, wurde er erkannt und von den Schürfa gefangen genommen. Diese, ohne weitere Umstände, enthaupteten ihn, schnitten dem Rumpfe Hände und Füsse ab, und diese Trophäen wurden dem Sultan geschickt. Sidi Mohammed, der Sultan, befahl den Rumpf ans Stadtthor von Serone zu nageln, der Kopf wurde zur Ausstellung nach Maraksch geschickt, und die übrigen Extremitäten den anderen Städten zur Ausstellung überlassen. Die Schürfa aber, die eigenmächtig getödtet hatten, bekamen vom Sultan ein Geschenk von 3000 Mitcal (c. 5000 frcs.), ein für Marokko sehr ansehnliches Geldgeschenk. Von seinen Parteigängern wurden viele gefangen genommen, einfach enthauptet, einige aber auch, die etwas Vermögen hatten, eingekerkert, um erst ihrer Habe beraubt zu werden. So endete der Versuch eines Marokkaners den Thron des Sultans umzustürzen und eine andere Regierung einzusetzen. Nicht immer aber sind solche Revolten ohne Frucht geblieben, namentlich wenn der Empörer ein Scherif war, und am Hofe selbst schon Ansehen hatte, endete oft genug eine aus ebenso kleinen Anfängen entsprungene Revolution damit, dass der regierende Sultan das Feld räumen musste, oft sogar das Leben verlor.