Sobald er installirt ist, d.h. auf den weichen Teppichen, welche die Beni- Snassen[120] verfertigen, und von denen ein einziger 4 Centner (eine Kameelladung) wiegt, Platz genommen hat, kommen aus Nah und Fern die Bittenden. Hier bringt einer ein Schaf, und verlangt, dass seiner Frau ein Sohn geboren werden soll, dort bringt einer Korn, und fleht um Segen für seinen Acker, da fragt einer ob er sein Pferd verkaufen soll, ob er Glück dabei habe, das und das Haus zu kaufen; hier will ein Blinder sehend gemacht werden. Der Grossscherif hilft Allen, und je mehr die Bittsteller Geld und Gaben bringen, desto wirksamer ist der Segen.
Manchmal kommen die komischesten Scenen dabei vor. So einstmals als ich mit dem Grossscherif im festverschlossenen Zelte sass, die Diener und Sklaven aber strengen Befehl hatten, Niemand ans Zelt herankommen zu lassen, sie jedoch dem andrängenden Publikum nicht gewachsen sein mochten, rissen plötzlich die Gurten, das Zelt wurde gewaltsam geöffnet, und herein wälzte sich der Haufen: alte schmutzige Weiber, starkriechende Kinder, Männer und Greise, alle fielen über mich her und bedeckten mich mit ihren fanatischen Küssen. Im Halbdunkel hatten sie mich als auf dem Teppich sitzend (der Grossscherif sass in dem Augenblick auf einem Stuhl) für den Abkömmling Mohammed's genommen. Und während ich unter Geschrei und Streiten ihnen klar zu machen suchte, ich sei nicht der Grossscherif, sass dieser auf seinem Stuhle, lachte aus vollem Herzen und rief: "Mustafa hennin", d.h. Wohlbekomm's. Ich musste nachher eine Extrareinigung mit mir und meinem Anzüge vornehmen, um die greulichen und fühlbaren Andenken dieser heiligen Umarmungen loszuwerden.
In Arbat blieben wir nur wenige Tage, nahmen indem wir auf dem Hinwege den Weg durch das Gebiet der Beni-Hassen genommen hatten, den Rückweg längs des Meeres bis zur Mündung des Ssebu. Von hier gingen wir stromaufwärts bis fast zu dem Punkte, wo der Ordom-Fluss den Ssebu vergrössert, und von da aus direct nordwärts nach der Karia ben Auda. Die Karia ben Auda, eine Art befestigter Häuserhaufen, liegt an den westlichsten Vorbergen der südlich von Uesan streichenden Berge, die Karia selbst jedoch in vollkommener Ebene. Sie ist Residenz des Bascha's vom Rharb-el-fukani oder dem oberen Westen, wie diese Statthalterschaft heisst, dicht um die Karia liegen noch die von hohen Cactushecken umgebenen Dörfer. Die Häuser sind wie im ganzen Rharb von Steinen und Lehm gebaut und mit Strohdächern gedeckt, so dass man von Weitem ein deutsches Dorf zu sehen glaubt. Der vorzügliche Reichthum des Landes besteht in Viehheerden, hier wie in Beni-Hassen vorzugsweise in grossen Rinderheerden; Schafe und Ziegen hingegen werden in diesen Provinzen verhältnissmässig in geringerer Zahl gezüchtet. Die marokkanischen Rinder halten aber keineswegs einen Vergleich auch nur mit den schlechtesten in Europa aus. Klein von Statur giebt eine marokkanische Kuh kaum mehr Milch als eine gute europäische Ziege. Der Grund davon ist die Sorglosigkeit, mit der überhaupt die Viehzucht in Marokko betrieben wird, und dann auch die mangelhafte Nahrung im Winter. Es fallt keinem Marokkaner ein, daran zu denken Vorrath von Heu zu machen, wie denn überhaupt Wiesen zum Heumachen nirgends existiren. Natürlich giebt es hier und da längs der Flüsse, dann auch in den feuchten Niederungen namentlich der Kharbprovinzen und Beni-Hassen ausgezeichnete Wiesen und Wiesengründe, aber das Gras wird nur grün benutzt, und ist, ohne dass Jemand daran denkt es zu mähen oder zu schneiden, Mitte Juli verbrannt von der Alles austrocknenden Sonne. Im Winter sind daher Rinder und auch Schafe und Ziegen auf die vertrockneten, kraftlosen Kräuter angewiesen, welche sie draussen finden. Für die Pferde dient im Winter Stroh von Gerste oder Weizen.
Wir waren kaum Angesichts der Karia, als der Kaid Abd-el-Kerim, von seinen Brüdern begleitet, auf uns zugesprengt kam, und uns zu einem Frühstück einlud. Das konnte nicht ausgeschlagen werden, und so zog der ganze Tross nach seiner Wohnung, wo wir ein reichliches Mahl schon vorbereitet fanden. Und der Kaid, der den Titel Bascha hat, bat Sidi so inständig einen Tag zu bleiben, dass Befehl gegeben wurde, Zelte zu schlagen.
Es waren dies förmliche Essschlachttage, denn je höher man in Marokko einen Gast ehren will, desto mehr Speisen setzt man ihm vor. Abends kam der Kaid ins Zelt des Grossscherifs, wo er nun gleichfalls mit vielen Schüsseln bewirthet wurde, aber kaum war er fort, als er eine noch grössere Anzahl Gerichte zurück schickte, und am anderen Morgen, als wir eben unser reichliches Frühstück genossen hatten, kam auch schon der Kaid, um uns zu einem, zweiten Mahle abzuholen, ausschlagen durfte man nicht, kurz während der Zeit unseres dortigen Aufenthaltes hatte der Magen kaum eine Stunde Ruhe. Als wir uns verabschiedeten, legte der Kaid dem Grossscherif noch einen Beutel mit 5000 Frcs. zu Füssen, wofür er natürlich einen recht langen Segen erhielt.
So langweilig, was Natur anbetrifft, die Gegend in den Rharb- und Beni- Hassen-Districten ist, wo Ebenen von Zwergpalmen, Lentisken und Lotusbüschen bestanden mit Kornfeldern und Wiesen wechseln und allerdings das Bild des fruchtbarsten Bodens zeigen, aber auf die Dauer einförmig erscheinen, so sehr ändert sich dies, wenn man das Gebirge erreicht. Gewiss giebt es keine romantischere Umgegend, als die der heiligen Stadt Uesan. Die dicht bewachsenen Berge der nächsten Umgebung, im Hintergründe die zackigen Felsen der Rifberge, die strotzende Fruchtbarkeit des Bodens, der dem Auge überall das saftigste Grün der verschiedenen Bäume und Stauden bietet, wie sie überhaupt die Länder um das Mittelmeer in so grosser Mannichfaltigkeit hervorbringen, alles dies verursacht, dass die Zeit und wenn auch der Weg beschwerlich und ermüdend ist, rasch verläuft.
Gegen Mittag wurde im Westen der Stadt Halt gemacht, da der Einzug am anderen Tage stattfinden sollte. Aber Abends hatten wir schon viel Besuch von Uesan, unter anderen kamen auch die kleinen Söhne des Grossscherifs, von denen der eine 9, der andere 7 Jahre haben mochte, mit ihrem Lehrer herangeritten, so dass der Abend recht munter und vergnügt verbracht wurde.
Vor Sonnenaufgang am folgenden Tage weckten mich schon die Flintenschüsse und die schrecklichen Klänge der unvermeidlichen Musik, es war dies nur die Einleitung zur statthabenden Feierlichkeit. Nachdem wir in aller Eile den Kaffee (ich genoss immer die Auszeichnung zum Kaffee in des Grossscherifs Zelt gerufen zu werden, sowie ich dort auch mit essen musste) getrunken und gefrühstückt, stiegen wir zu Pferde und unter knatterndem Feuer, dem Lärm der Musikanten, dem Lululu der Weiber setzte sich der Zug in Bewegung. Aber obschon wir nur eine Stunde von der Stadt entfernt waren, erreichten wir dieselbe erst gegen Mittag. Alle Augenblick kam eine neue Musikbande mit ihren abscheulichen Instrumenten und es wurde Halt gemacht, oder es kamen mit Flinten bewaffnete Abtheilungen, und gaben eine Salve dicht vor den Füssen des Grossscherifs, man bildete Kreise und dann, wie die Teufel herumspringend, schossen sie ihre Flinten in den Boden und warfen sie darauf hoch in die Lütt, um sie hernach geschickt wieder aufzufangen. Reiter organisirten sich, und im gestreckten Galopp auf uns losjagend, schossen sie dicht vor uns die Flinten ab und schwenkten dann mit ihren Pferden zu beiden Seiten auseinander. Ich war froh, als wir endlich die Stadt erreichten, aber hier war uns das Entsetzlichste noch vorbehalten, gewissermassen der Triumphbogen, durch den der Grossscherif den Einzug in seine getreue und heilige Stadt Uesan halten sollte.
Es nahten sich ungefähr zwanzig der Secte der Aissauin. Unter zitternden convulsivischen Bewegungen, unter einförmigen Tönen: "Allah, Allah" tanzten sie heran; jeder hatte eine Lanze, einige waren ganz nackt, andere hatten nur die unentbehrlichsten Lumpen um. Die Lanze trugen sie in der einen Hand, in der anderen einen Rosenkranz. Die Verwundungen, welche sie sich selbst beigebracht hatten, verursachten, dass der ganze Körper mit Blut bedeckt war, einige schlugen sich auf die Nase, dass das Blut in Strömen herausschoss, andere schlitzten sich die Lippen zu Ehren Sidi's, andere zerkrazten sich die Brust und Gesicht, Gott zu Ehren und um dem Grossscherif, dem Abkömmling des "Liebling Gottes", ihre Hingebung zu bezeugen. Dabei steigerte sich ihr Allah, Allah zu einem wahren Geheul, einigen traten die Augen aus dem Kopfe, sie schienen wahnsinnig zu werden, andere schäumten, die von Gott am meisten Inspirirten wollten sich vor die Füsse des Pferdes des Grossscherifs werfen, um überritten zu werden, nur ein schneller Spornstich drückte rasch das Pferd in die Menge, welche dicht zu beiden Seiten war. Ich sah, wie es auch dem Grossscherif schauderte, und er war wohl eben so froh als ich, als die eigentliche Sauya, das Allerheiligste von Uesan, erreicht war.