[Fußnote 119: Ich hatte diesen Freund gebeten, mir vom marokkanischen Consul einige Noten über marokkanische Stämme zu erbitten.]

Dies ist der einzige würdige Repräsentant seiner unfehlbaren marokkanischen Majestät im Auslande.

Es tritt nun noch die Frage auf, wäre es wünschenswerth für das deutsche Reich eine Vertretung in Marokko zu haben? Wir müssen dies auf alle Fälle bejahen. Unsere politischen Interessen sind in Marokko so ziemlich identisch mit denen Englands, das ausserdem seine wichtigen commerciellen Angelegenheiten zu wahren hat. Wir stimmen insofern mit den Ansichten Englands vollkommen überein, dass Frankreich seine Herrschaft nicht auf Marokko ausdehne. Allein schon die Nähe der französischen Colonie macht es für uns nothwendig in Marokko Vertreter zu haben.

Da natürlich eine Consulatseinsetzung in Marokko nicht so ohne weiteres vor sich gehen kann, so müssten vor allen Dingen erst Unterhandlungen angeknüpft werden, entweder vermittelst eines schon in Marokko bestehenden und anerkannten Consulats oder direct mit der Regierung des Sultans. Wählt man das erstere, so würde jedenfalls das grossbritannische Generalconsulat am geeignetsten sein, es ist die Persönlichkeit Sir Drummond Hay's, des englischen Ministers, die in Marokko beliebteste und geachtetste. Wählt man den Weg einer directen Verständigung, so würde jedenfalls das Beste sein den Zeitpunkt abzuwarten, wo der Sultan, der ganze Hof und die Regierung sich in Rbat befinden, dort den Abgesandten des deutschen Reiches durch einige Kriegsschiffe hinbegleiten zu lassen, damit dadurch zugleich Marokko eine sichtbare Vorstellung von der Macht unseres Landes bekäme. Natürlich müsste mit der Anknüpfung diplomatischer Beziehungen ein Geschenk verbunden sein, aber einige 1000 Chassepots, dem Sultan gegeben, würde ein ebenso angenehmes Geschenk für ihn wie ein für uns erpriessliches [erspriessliches] sein.

12. Aufenthalt beim Großscherif von Uesan.

Ein volles Jahr verlebte ich nun in Uesan unter, im Ganzen genommen, angenehmen Verhältnissen. Und die Zeit verbrachte ich hauptsächlich damit, recht viel unter die Leute zu gehen, um mich mit ihren Eigenthümlichkeiten vertraut zu machen. Dabei fehlte es keineswegs an Unterhaltung, Gatell hatte mir einen Theil seiner Bücher geliehen, so dass, wenn ich allein war, ich durch Lectüre meinen Geist auffrischen konnte.

Ueberdies wurde der Aufenthalt in Uesan durch verschiedene kleinere Touren unterbrochen, die ich theils allein, theils in Gesellschaft des Grossscherifs machte. So unternahm ich von hier einen Abstecher nach L'xor, um einige Medicamente zu kaufen, die in Uesan, wo man nur mit Amuletten heilt, nicht zu haben waren. Merkwürdigerweise schien, was seine Person und seine Familie anbetraf, Sidi-el-Hadj Abd-es-Ssalam nicht sehr an die Wunderkraft seiner Unfehlbarkeit zu glauben, da ich mehrere Male sowohl ihm selbst als auch seinen beiden kleinen Söhnen Medicin verabfolgen musste. Der Grossscherif hatte so viel Zutrauen zu mir, dass er nicht das vorherige Kosten der Medicamente verlangte.

Es fiel in später Herbstzeit ein Besuch, den der Grossscherif dem Sultan in Arbat machte, wohin er von Mikenes übergesiedelt war, und auf welcher Reise ich ihn begleitete. Und gerade auf Reisen wird das Ansehen und der Einfluss des Grossscherifs am anschaulichsten. Man hat keine Idee davon, wie weit in Marokko der Menschencultus getrieben wird. Sidi-el-Hady Abd-es-Ssalam reist entweder zu Pferde oder in einer Tragbahre, die fast wie eine verschlossene vergitterte Kiste aussieht, und die so niedrig ist, dass man nur darin liegen kann. Zwei Maulthiere, von denen eines vorne, das andere hinten geht, tragen die Bahre. Es würde vergeblich sein, die Zahl der sich herandrängenden Leute schätzen zu wollen, das ganze Land scheint herbeizuströmen, aus weitester Ferne kommen ganze Stämme an den Weg, den der Grossscherif durchzieht. Man sucht ihn selbst zu berühren, oder die Tragbahre, das Pferd oder irgend einen anderen dem Grossscherif gehörenden Gegenstand. Man glaubt aus einer solchen Berührung den göttlichen Segen ziehen zu können. Oft genügen die bewaffneten Diener nicht, mit der flachen Klinge den andringenden Haufen fern zu halten, und es müssen dann förmliche Angriffe gemacht werden, die Leute auseinander zu treiben.

Die Gouverneure der Provinzen, die durchzogen werden, nahen sich immer schon von weitem ehrerbietig, und natürlich nie mit leeren Händen, sie betrachten es als eine besondere Gunst, wenn Sidi bei ihnen absteigt, um ein Mahl einzunehmen, oder wenn er gar in der Nähe ihrer Residenz seine Zelte aufschlägt.

Der Grossscherif reist immer nur in kleinen Etappen, und mit einem zahlreichen Gefolge, welches nie aus geringerer Zahl als hundert Personen zusammengesetzt ist. Alle einflussreichen Schürfa, die nächsten Verwandten, seine Tholba (Schriftgelehrten) müssen mit. Alle haben, ausser dass jeder beritten ist, Maulthiere für ihr Gepäck und ihre Zelte, welche vom Grossscherif gestellt werden. Dieser Lagertrain marschirt immer voraus, so dass man, wenn man ankommt, das Lager schon aufgeschlagen findet. Der Grossscherif selbst hat für seine Person drei grosse Zelte, eins, in dem er die Nacht zubringt, eins zum Empfang bestimmt, und eins, worin er nur seine nächsten Freunde empfängt.