Die Ruinenstätte ist von Sir Drummond Hay und Barth besucht worden, ohne dass jedoch Beide besondere Entdeckungen gemacht hätten, die auch wohl kaum ohne Reinigung des Bodens und Ausgrabungen zu machen sind. Von Drummond Hay werden die Ruinen Schemmies genannt. Barth will aus den Grundmauern bei der Kasbah erkannt haben, dass auch auf dem heutigen Boden der Stadt L'Araisch eine alte libysche Stadt gelegen habe, was durch Scylax's Aussage bestätigt würde.
Von der von den Alten als in der Mündung des Lixos liegend erwähnten Hesperiden-Insel ist heutzutage keine Spur vorhanden. Allerdings taucht bei tiefer Ebbe eine etwa 1 K.-M. haltende Sandbank, in der beutelartigen Mündung des Flusses auf, und möglicherweise, man braucht nur eine allgemeine Senkung der atlantischen Küste anzunehmen, war dies die einst so fruchtbare Hesperiden-Insel. Diese Mündung, im Norden durch hohe Sandberge geschützt, könnte, wollte man sich die Mühe geben die Barre wegzubaggern, zu einem trefflichen Hafen eingerichtet werden. Jetzt können bei Fluth höchstens Schiffe von 150 Tonnen Gehalt einlaufen; als wir in L'Araisch waren, befanden sich sechs europäische Schiffe im Hafen, ausserdem verfaulten am Strande die beiden letzten Kriegsschiffe der Marokkaner, zwei elende Brigantinen. Und doch hatte Marokko vor noch nicht hundert Jahren die Frechheit, mit seiner elenden Seemacht die ganze Welt herauszufordern.
Der Name L'Araisch ist nach Hemsö entstanden aus dem Worte el-araisch-ben- Aras, d.h. der Weinspalier der Beni Aros. Nachdem die Stadt wechselsweise im Besitze der Marokkaner und Portugiesen gewesen war, bemächtigte sich 1689 nach einer fünfmonatlichen Belagerung Mulei Ismaïl derselben. Seit der Zeit ist L'Araisch von den Europäern noch oft angegriffen worden, so im Jahre 1785 von den Franzosen, 1829 von den Oesterreichern, die dabei der marokkanischen Flotte den Gnadenstoss versetzten.
Man bemerkt in L'Araisch an den Gebäuden der Stadt noch deutlich den christlichen Einfluss. So ist der hübsche Marktplatz ein regelmässiges Rechteck mit gewölbten Arcaden versehen, die Säulen sind Monolithen aus Sandstein. Die Hauptmoschee, die ebenfalls nach dem Marktplatze zu Front macht, muss eine christliche Kirche gewesen sein, die Façade ist in dem sogenannten Jesuitenstyl gehalten. Ausserdem befindet sich noch ein anderes stattliches und mehrstöckiges Gebäude, mit hohen schönen Fenstern versehen, am Marktplatze. Vielleicht war es ehemals Gouvernementsgebäude, vielleicht ein Kloster, denn erst im Jahre 1822 musste eine hier bestehende spanische Mission aufgegeben werden. Heute steht das Haus leer und unbenutzt da, und der durch die Fenster streichende Wind, und die fressende Atmosphäre wird bald das ihrige thun, um das Gebäude zu einer Ruine zu machen.
Ausser recht gut erhaltenen aber widerstandslosen Mauern ist die Stadt durch ein mit vier Bastionen versehenes Fort, christlicher Anlage und ursprünglich aus gutem Material erbaut, geschützt. Dieses Fort liegt auf der westlichsten Spitze der Stadt nach dem Meere zu. Im Inneren dieses Forts ist ein Schloss, dessen runde Kuppeln man schon von Weitem sehen kann. Das Schloss soll vom Sultan Mulei Yasid erbaut sein. Unterhalb des Forts nach dem Hafen zu sind zwei gemauerte Strandbatterien. Nach S.-O. zu die Stadt beherrschend, befindet sich die Kasbah, ein Fort von viereckiger Form, an den vier Ecken mit sehr scharfwinkligen Bastionen versehen. Die Mauern der Kasbah, welche auch wohl eine Baute der Portugiesen oder Spanier ist, sind gut erhalten, aber trotz aller Vertheidigungsanstalten wird L'Araisch einem Angriffe der Europäer nicht lange Widerstand entgegensetzen können, einerlei ob er vom Ocean aus oder vom Lande her unternommen wird. Sonst hat L'Araisch keine merkwürdigen Gebäude, wenn nicht eine kleine Grabstätte in den Gärten südlich von der Stadt, der Lella-Minana gewidmet, einer Sherifa, die dort begraben liegt. Bei Lebzeiten soll sie Wunder gethan haben, und auch jetzt noch sollen die in der Grabcapelle der Lella- Minana betenden Frauen von Unfruchtbarkeit geheilt werden: zwei fromme in der Nähe wohnende Einsiedler öffnen den Frauen gegen eine kleine Gabe die Thür zum Grabmal und unterstützen sie im Beten.
Die Stadt hat ca. 5000 Einwohner, von denen wohl 1200 Juden sein mögen, welche letztere, wie alle Juden in den Hafenstädten Marokko's, sich der spanischen Sprache bedienen. Die wenigen Europäer, vielleicht 30 oder 40 Individuen stehen unter dem Schutze ihrer Consuln, deren es hier mit Ausnahme eines deutschen von allen Nationen giebt.
Der Handel der Stadt ist nicht unbedeutend und umfasst dieselben Artikel, die in Tanger zur Aus- und Einfuhr kommen, d.h. ausgeführt werden besonders Wolle, Thierhäute, Wachs, Oel, Butter, Früchte: als Mandeln, Orangen, Citronen und Feigen, getrocknete Oliven, Eier, Federvieh (anderes Vieh auszuführen ist verboten), Getreide und Hülsenfrüchte. In L'Araisch kommt noch hinzu die Rinde der Korkeiche, die in Europa verarbeitet wird. Gummi und Kupfer wird aus Marokko nach Europa nicht mehr ausgeführt, da man Kupfer in Europa und Gummi von Senegal billiger beziehen kann. Blutigel werden ebenfalls von L'Araisch ausgeführt, doch mehr noch von Tanger und Mogador. Einfuhrartikel sind: Baumwollenstoffe, Tuche, rohe und gefertigte Seide, Papier, Waffen, Metalle, wie Eisen, Blei, Quecksilber, Schwefel, Alaun, Salpeter, Colonialwaaren, darunter besonders Thee und Zucker, und verschiedene Gegenstände, schlechte Schmucksachen, Porzellan und Glaswaaren, Spiegel u. dergl. m. Die eben angeführten Gegenstände sind so ziemlich in allen Häfen des Landes im Handel dieselben.
Der Weg zwischen L'Araisch und Media oder Mehdia läuft ununterbrochen auf einer Sandzunge hin, zwischen dem Meere einerseits, den Sümpfen und Landseen andererseits gelegen. Auf der ausgezeichneten Karte von A. Petermann, Mittheilungen Jahrgang 1865, Taf. 4, dann auch auf der Karte von Renou ist dies recht deutlich zur Anschauung gebracht. Nehrungen und Haffe können nur an flachen, sandigen Küsten entstehen, und so ist es ganz natürlich, dass, wo die übrigen Bedingungen zur Haff- und Nehrungbildung vorhanden sind, diese entstehen. Wie der Sand Product des Meeres ist, so sind die Nehrungen, die aus Sand bestehen, immer nur an flachen Küsten mit vielem Sande zu beobachten. Es giebt nun Nehrungen, die an beiden Seiten noch mit dem Festlande zusammenhängen, oder solche, die am Meere durchbrochen sind. Erstere können entstehen dadurch, dass hohe Dünen bei ausserordentlichen Fluthen nicht durchbrochen werden, vom Ocean aber Wasser durchlassen, welches Wasser dann hinter den parallel mit dem Meere laufenden Dünen einen See bildet, oder es sammelt sich landwärts der Dünen das Wasser von kleinen Flüssen an, bildet einen See, das Wasser, ist aber nicht stark genug, die Nehrung zu durchbrechen, oder auch das Wasser aus dem Landsee ergiesst sich unter der Nehrung in den Ocean. Nehrungen werden durchbrochen dadurch, dass sich die Flüsse einen Ausgang bahnen, oder durch den Ocean selbst, in beiden Fällen sind Haffe hergestellt.
An verschiedenen Stellen von Afrika hat man Nehrungen und Haffe, so vor dem Delta des Nil in Aegypten, die bedeutender sind, als unsere deutschen in der Ostsee, oder an der Küste von Guinea; die Nehrung an der Küste von Marokko zieht sich von L'Araisch bis Rbat hin, hat also eine Länge von fast 17 deutschen Meilen.
Landeinwärts von der Nehrung ist im Winter ein 2-3 Meilen breiter See, der im Sommer zum Sumpf wird, daher im Norden bei Mulei Bu Slemm der Name Mordja[125] Ras el Daura, und südlich von Mehdia, Mordja el Mehdia. Gleich unmittelbar östlich vom See oder Sumpf stösst jener ausgedehnte Korkeichenwald, der nördlich bei L'Araisch beginnend im Süden bei Rbat endet.