Der von Maltzan erwähnte "römische Aquaduct" ausserhalb der Stadt, dessen Ruinen noch heute vorhanden sind, ist indess nicht römischen Ursprungs, wenn man anders den Aufzeichnungen von Leo Glauben schenken kann. Derselbe sagt p. 177: "Weil in der Nähe der Stadt kein sonderlich gutes Wasser war, so liess Sultan Mansor eine Wasserleitung von einer Quelle, die ungefähr 12 Meilen von der Stadt entfernt ist, hier anlegen; sie besteht aus schönen Mauern, welche auf Bogen ruhen, gleich denen, die man hier und da in Italien, vornehmlich um Rom sieht. Diese Wasserleitung theilet sich in viele Theile: einige führen Wasser in die Moscheen, andere in die Schulen, andere in die Paläste des Königs, andere in die öffentlichen Brunnen, dergleichen für alle Districte der Stadt gemacht wurden. Nach Mansor's Tode nahm die Stadt allmälig so ab, dass nicht ein Zehntel mehr übrig ist. Die schöne Wasserleitung ist in den Kriegen der Meriniden gegen Mansor's Nachfolger zerbrochen worden." So Leo. Ich muss indess bekennen, dass nach Besichtigung der Ruinen dieser Wasserleitung ich ebenfalls geneigt bin mit Maltzan sie für römischen Ursprungs zu halten, da nirgends anderswo, soviel ich das Land habe kennen lernen, die Marokkaner selbst irgend ähnliche Bauten aus massiven Quadersteinen errichtet haben.
Heutzutage entbehrt Rbat sehr dieser Wasserleitung, die Einwohner behelfen sich zum Theil mit dem Wasser ihrer Cisternen, zum Theil holen sie weither ihr Trinkwasser in Schläuchen. Nirgends ist daher auch das Trinkwasser theurer als in Rbat. In allen grösseren marokkanischen Städten durchziehen Wasserverkäufer mit einem grossen Schlauch auf dem Rücken, in der einen Hand eine Glocke, in der anderen einen Becher haltend, die Strassen und verkaufen dem Durstigen für einen Fls. den Labetrunk, der dann so bemessen ist, dass der Käufer so viel trinken kann, wie er Durst hat. In Rbat aber muss ganz genau das Maass inne gehalten werden.
Im Uebrigen hat die Stadt nichts Merkwürdiges, nur will ich nicht unterlassen auf die unvergleichlich schönen Gärten aufmerksam zu machen, die sich längs des linken hohen Flussufers hinziehen. Was nur das glückliche Klima des Mittelmeeres hervorbringt, findet man hier blühen und grünen.
Ich blieb nur kurze Zait [Zeit] in Rbat, und durch die lang ausgedehnte jetzt leere Stätte der Mhalla (die Armee des Sultans), welche südwärts der Stadt sich befand, dahin eilend, zog ich dem Süden weiter entgegen. Ich hatte nun vollkommen unbekanntes Land vor mir, bis Rbat, wo ich auch früher schon gewesen war, hatte ich fast alles Land kennen gelernt, was im Bereiche des "civilisirten Marokko" lag. Einsam ohne Karavanen zogen meine Begleiter und ich längs des Strandes dahin, den grauen Esel vor uns hertreibend. Der Weg längs des Strandes bleibt auch hier einförmig und langweilig. Indess so wenig die Natur bietet, so belebt ist andererseits dieser Weg durch Menschen, denn bis Asamor ist hier die Hauptroute von Rbat nach Marokko, von Asamor verlässt die Strasse das Meer, um ins Innere sich hineinzuziehen.
Längs der Küste ziehen sich eine Menge Kasbahs hin, zum Theil in leidlichem Zustande, zum Theil verfallen; sie erinnern lebhaft an die Befestigungen in Spanien und Italien, deren Küsten ebenfalls überall mit Thürmen und Festungen garnirt sind. In diesen Kasbahs kann der Wanderer Schutz vor schlechter Witterung finden, oder übernachten, sonst bieten sie aber in der Regel nichts, und die meisten sind ohne Insassen. Wir gingen bis Mitternacht und nächtigten sodann in der Kasbah Scharret, am Flüsschen gl. N. gelegen. Diese Kasbah bildet zugleich eine Cavalleriekaserne, es befanden sich etwa 200 Reiter mit ihren Pferden in derselben. Wir konnten von diesen Reitern unser Abendbrod kaufen, eigentliche Kaufleute waren aber nicht vorhanden.
Zwischen Rbat und Asamor finden sich eine Menge von kleinen Flüssen, die von Osten kommend alle das Meer mit Wasser erreichen, und auch das ganze Jahr Wasser halten. So passirten wir am folgenden Tage den Ued-Bu- Steka und drei andere kleine Flüsse, und befanden uns Mittags am Ued- Mansuria, der an seiner Mündung, zur Fluthzeit, nicht zu passiren ist. Nach langem Suchen fanden wir endlich stromaufwärts gehend eine Furth, die uns durchliess. Der auf den Karten angegebene Ort Mansuria existirt nicht. Auf dem linken Ufer des Flüsschens befinden sich die Trümmer der Kasbah Mansuria. Der Ort Mansuria soll nach Leo auch nicht am Ocean, sondern zwei Meilen stromaufwärts am Flüsschen, das er Guir nennt, gelegen sein. Aber schon zu Leo's Zeiten war das genannte Städtchen nur noch ein Trümmerhaufe.
Wir gingen selben Tags noch bis zur Mündung des Flusses Ued-el-Milha, an dessen linkem Ufer die Kasbah Fidala liegt. Ob Fidala nach der Meinung Gosselin's das alte Kerne[130] gewesen sei, wage ich nicht zu entscheiden; eine Insel ist in der Mündung des Flusses nicht, wohl aber ist auch hier eine Nehrung. Im Innern der sehr geräumigen Kasbah lagerte ein ganzer Stamm unter Zelten, aber auch feste Wohnungen waren da. Namentlich zeichnete sich die in der Mitte der Burg liegende Djemma durch Sauberkeit der Arbeit und gute Conservirung aus. Die Tholba (Schriftgelehrten) luden uns freundlichst ein, in derselben die Nacht zuzubringen. Die meisten Häuser, die in Fidala sind, liegen in Ruinen, der edle Styl derselben, die Abwesenheit des maurischen Schwibbogens an Fenstern und Thüren sagen uns mit Sicherheit, dass diese Gebäude von Europäern erbaut wurden. Renou behauptet indess, dass Fidala 1773 von Sultan Mohammed gegründet sei. An vielen der Fenster waren sogar noch Balcons.
[Fußnote 130: Kerne möchte eher beim heutigen Agadir zu suchen sein, obgleich auch dort in der Bucht keine kleine Insel sich befindet, aber keineswegs, wie Knötel meint, die Insel im Rio do Ouro sein.]
Am folgenden Morgen passirten wir eine lange über den schmalen Fluss Ued- Dir führende Brücke, derselbe soll jedoch manchmal weit austreten. Die Gegend bleibt immer dieselbe, rechts das Meer, und links die nicht enden wollende Gegend der Provinz oder Landschaft Temsena, nur einmal unterbrochen durch den grossen längs der Küste sich hinziehenden Sumpf Um- Magnudj. Die gut bevölkerte Gegend bringt hauptsächlich Mais hervor, der den Leuten als Hauptnahrung dient, indem sie ganz wie die Italiener eine Polenta davon bereiten. Man kann sagen, dass an der ganzen Küste von L'Araisch bis Asamor nicht die zu Kuskussu verarbeitete Gerste, sondern der Mais oder türkische Weizen die Nationalkost ist. Auch wird davon viel nach Spanien und Portugal exportirt.
Am selben Abend noch waren wir in Dar-beida (Weissenstadt und von den Spaniern Casa bianca übersetzt), wo wir bald bei einem Kaffeehausbesitzer, den ich von Fes her kannte, ein gastliches Unterkommen fanden. Dar-beida bildet eine Art befestigten Vierecks, dessen Mauern jedoch ausser Stande sind, den geringsten Widerstand gegen Europäer zu leisten. Sowie von Masagan und Safi wird auch von hier aus bedeutend exportirt, und hauptsächlich sind es Wolle, Oel, Mais, Weizen, Mandeln und Felle, welche die Eingeborenen den Europäern zu Markte bringen. Die Einwohnerschaft von Dar-el-beida beläuft sich auf ca. 300 [3000] Seelen, unter denen sich eine zu den übrigen Hafenstädten Marokko's verhältnissmässig grosse Zahl von Europäern befindet. Ich fand es höchst auffallend, dass alle Lebensmittel hier so theuer waren, vielleicht ist die Concurrenz der Europäer daran Schuld. In der Meeresbucht befanden sich sieben grössere europäische Fahrzeuge, im Begriffe, ihre Ladungen einzunehmen. Sie kommen meist ohne Waaren an, wenn man anders nicht die Silberthaler (spanische und französische) als Importationsartikel rechnen will. Aber der Vortheil, den die Europäer auf die eben angeführten Exportationsartikel machen, ist ein sehr grosser. Deutschland betheiligt sich gar nicht daran. An Merkwürdigkeiten hat die Stadt nichts aufzuweisen.