Maltzan nimmt an, dass Dar-beida oder Dar-el-beida die Stadt Anfa Leo's sei. Es ist auch wohl nicht daran zu zweifeln, aber Leo's Angaben über die Entfernung Anfa's sind höchst ungenau, er sagt: "Anfa ist eine grosse von den Römern erbaute Stadt am Ufer des Oceans, ungefähr 60 Meilen vom Atlas gegen Norden, ungefähr 60 Meilen von Azemur gegen Osten und ungefähr 40 Meilen von Rabat gegen Westen gelegen." Leo scheint die Stadt gleich nach der Zerstörung derselben durch die Portugiesen besucht zu haben, er fand sie ganz verödet und von Einwohnern verlassen. Nach Maltzan wurde sie erst 1750 von Mulei Ismaïl unter dem Namen Dar-el-beida wieder aufgebaut. Nach Renou wiedererbaute sie Sultan Mohammed, was wahrscheinlicher ist, da Ismaïl von 1672-1727 regierte. Von Dar-beida nach Asamor brauchte ich zwei Tage. Der auf fast allen Karten Marokko's angegebene Ort Mediona, der an der Küste liegen soll, existirt dort nicht, wohl aber ca. 3 Meilen landeinwärts; Mediona ist weiter nichts als eine von einigen Duar umgebene Kasbah.
Endlich war die weite Mündung des Um-Rbea, oder wie man gewöhnlich sagt Mrbea erreicht. Der Fluss ist so tief, dass er selbst zur Ebbezeit nie durchwatet werden kann, aber eine gute Fähre ist vorhanden, mit der man übergesetzt wird. Der Fluss Um-Rbea, vom Atlas entspringend, hat auf seinem linken Ufer die bedeutende Stadt Asamor; aber so bedeutend dieselbe ist, ich schätze die Einwohnerzahl auf 30,000 [3000] Seelen, so wird ihrer selten in den geographischen Handbüchern gedacht. Der Name Asamor bedeutet aus der Tamasirht-Sprache übersetzt, die Oelbäume, und eigentlich hat die ganze Stadt den Namen Asamor-es-Sidi-Bu-Schaib, d.h. die Oelbäume des gnädigen Herrn Bu-Schaib. Ursprünglich war hier nämlich weiter nichts als ein Sanctuarium dieses Schaib's, dessen kleine "Kubba", in der er begraben liegt, sich noch heute in Asamor befindet und die in naher Umgegend als ein grosses Heiligthum gilt. Die Zahlenangaben über den Angriff von Asamor durch die Portugiesen sind bei Maltzan nicht genau. Erst 1508 begannen die Portugiesen zu belagern, jedoch ohne Erfolg, aber im Jahre 1513 wurde die Stadt erobert, zerstört und nach einem zweiunddreissigjährigen Besitze von den Christen freiwillig aufgegeben[131].
Asamor, auf einer ca. 150' hohen Anschwellung des Erdbodens gelegen, wird merkwürdigerweise von Arlett mit nur 700 Einwohnern angegeben. Andere aber, die doch auch gute Notizen über die Stadt hatten oder auch Asamor selbst gesehen haben, sind darüber auch anderer Meinung, so nennt Dapper sie "überaus volkreich", Lempriere "ein grosser Ort." Die Sache ist nämlich die, dass von allen Häfen, Asamor und Agadir die einzigen sind, wohin Europäer selten kommen. In allen marokkanischen Hafenstädten, so klein sie auch sein mögen, giebt es Consuln und Consularagenten. So in Arseila, in L'Araisch, in Masagan etc., aber in der Stadt Asamor und Agadir sind weder christliche Consuln noch Europäer. Allerdings sind in Sala auch keine Consuln, aber der Grund liegt mehr in der Nähe von Neu-Sala oder Arbat, als in einer anderen Ursache.
So ist denn auch Asamor eine vollkommen marokkanische Stadt, der ganze Handel, die Industrie hat etwas urwüchsig Marokkanisches an sich. In dieser schönen Flussmündung, welche meilenweit nach oben hin noch salziges Meerwasser hinauftreibt, sieht man nie europäische Schiffe. Der ganze Handel von Asamor mit dem Binnenlande beruht auf eigner Production und Manufactur. Man verfertigt namentlich Haike, Burnusse, Matten, Schuhe und Töpfergeschirr. In der Nähe der Stadt ist bedeutender Gemüsebau, aber die Früchte werden mehr nach aussen hin, nach Dar-beida und Masagan exportirt, als in der Stadt selbst aufgebraucht.
Ich durfte nicht unterlassen "den berühmten Heiligen Mulei Bu-Schaib zu besuchen", so sagt man in der That in Marokko, einerlei ob der Heilige noch lebt oder todt ist. Man redet dann auch einen solchen Heiligen wenn er gestorben ist so an, als ob er noch lebte: "es ssalamu alikum ia Mulei Bu- Schaib" etc. Als ich eintrat in den kleinen Grabdom, war denn auch das ganze Mausoleum voller Bittsteller, alle umhockten oder Umlagen den Sarkophag, d.h. ein hölzernes mit rothem Tuch und reich mit Seide gesticktes umhangenes Holzgestell. Den grössten und eigentlichen Segen hatten indess nur die Schriftgelehrten des Mulei Bu-Schaib, die von jedem Betenden eine Gabe zu erpressen wussten. Als höchst merkwürdig fiel mir auf, dass diese Tholba (Schriftgelehrte) durch besondere Tracht sich auszuzeichnen suchten von ihren Mitgläubigen, wie die Pharisäer der Bibel. Bei den übrigen Marokkanern unterscheidet sich aber, wie schon angeführt, der Schriftgelehrte von seinen Mitgläubigen nie durch Tracht, und wenn er auch der erste Faki der Djemma Mulei Abd Allah Scherif von Uesan wäre. Sowie durch eigne Tracht, so zeichneten sich denn auch diese Tholba durch grosse Selbstgefälligkeit und religiöse Eitelkeit aus.
Ehe ich von Asamor aus weiter zog, muss ich eines kurzen Abstechers erwähnen, den ich von hier aus mit einer Karavane nach der Stadt Marokko, von den Eingebornen Marakesch genannt, machte. Es war nur eine kleine Karavane aus lauter Eseltreibern bestehend, welche Töpferwaaren ins Innere des Landes führten, dabei bis Marokko wollten, um von dort andere Waaren zurückzubringen. In Gesellschaft dieser Leute war es vollkommen unmöglich irgendwie nur Aufzeichnungen zu machen. Die Gegend sah zu der Zeit sehr traurig aus, da es Herbst war und die ersehnten Regen wollten sich nicht einstellen, so dass man hatte glauben können in der Vorwüste zu sein. Und doch muss diese Landschaft im Winter und Frühling ein ganz verändertes Aussehen haben. Die kahlen Lotusbüsche bekleiden sich dann mit frischen hellgrünen Blättern, die einförmige Zwergpalme sendet neue Fächer aus der Erde und reift ihre kleinen äusserlich der Weintraube nicht unähnlichen Beeren, Zwiebeln und Gräser spriessen aus der Erde und die Heerden kehren von den immergrünen Weideplätzen der Atlasstufen zurück.
Wir marschirten den ersten Tag sehr anstrengend, um zur rechten Zeit auf dem Markte el Had (Sonntag) zu sein, und noch denselben Tag wieder aufbrechend, überzogen wir sodann einen niederen Gebirgszug von Nordwest nach Südost streichend, der an der Gegend, wo wir ihn überschritten, den Namen Dj. Ssara führte. Sobald man den Kamm dieser Hügel, welche zugleich die Wasserscheide zwischen dem Mrbea und Tensift bilden, überschritten hat, erblickt man die schneeigen Gipfel des grossen Atlas. Aber so nahe die Berge zu sein scheinen, so fern sind sie noch; ehe man nur die Stadt Marokko erreicht, hat man noch drei Tagemärsche.
Der Sultan war zu der Zeit mit der ganzen Armee dort; er hatte sich den Eintritt in die zweite Hauptstadt seines Landes erkämpfen müssen. Die Stämme der Rhammena, südwestlich von Marokko auf den Abhängen des Atlas heimisch, hatten sich kurz vor seiner Ankunft empört und hielten die Stadt umschlossen. Aber die Rhammena hatten nicht auf die Kanonen des Sultans gerechnet, trotzdem sie sich ziemlich hartnäckig bei der Sauya-ben-Sassy südlich von der Stadt vertheidigten. Sobald die Kanonen erdröhnten, wurden sie leicht bewältigt, und nachdem so und so viel Köpfe waren abgeschnitten worden, welche als Warnung an sämmtliche Städte des Reiches vertheilt wurden, nachdem sie aller Habe waren beraubt worden, war wieder Ruhe im Lande.
Ich blieb nur zwei Tage in Marokko und verliess das Funduk (Gasthaus) nur Abends, um nicht Bekannten zu begegnen. Denn trotzdem der Sultan durch Vermittelung des englischen Gesandten mir beim Weggange von Mikenes freigestellt hatte, im Lande zu bleiben und überall frei hingehen zu können, fürchtete ich, falls er erführe, ich sei in Marokko, festgehalten zu werden.