Die Stadt Marokko ist nach Beaumier's Beobachtungen mit einem holosterischen Barometer 408 Meter über dem Meere gelegen. Die Einwohnezahl [Einwohnerzahl] der Stadt ist, sehr wechselnd, je nachdem der Sultan anwesend ist oder nicht. Sir Drummond Hay, der zuverlässigste Gewährsmann, und der von allen Europäern am besten die Städte des Innern kennen lernte, nimmt 70,000 Einwohner an. Zur Zeit, als er dort den Sultan besuchte, ist das auch wohl richtig gewesen, in gewöhnlichen Zeiten sind aber wohl nicht mehr Bewohner in der Stadt, als wie Maltzan, Beaumier und Lambert annehmen: 50,000.
Nach Leo und den meisten Geographen soll Marokko von Yussuf-ben-Taschfin erbaut sein, Renou, sich auf Cooley stützend, giebt das Jahr 1073 als Erbauungsjahr an. Es ist indess wohl genauer, wenn wir mit Sedillot festhalten, dass der Feldherr Abu-Bekr, ein Partisan von Abd-Allah-ben- Taschfin, einige Jahre früher die Stadt anlegte. Von der Bedeutung aber, wie Marokko unter Yussuf, unter seinem Sohne Ali gewesen ist, von welcher Epoche Leo sagt, die Stadt habe hunderttausend Häuser gehabt, davon hat dieselbe nur den grossen Umfang behalten. Nach Lambert sollen die jetzigen Mauern der Stadt, die aus Tabi (d.h. einer Mischung aus Thon, Kalk und kleinen Steinchen, welche Masse zwischen Brettern gestampft und gepresst wird) bestehen, und die wie die Umfassungsmauern aller marokkanischen Städte von Entfernung zu Entfernung flankirende Thürme haben, vom Sultan Mohammed ben Abd-Allah (1757-1790), dem fähigsten und bedeutendsten marokkanischen Kaiser der Neuzeit, gegründet sein.
Ganz entgegengesetzt zu Fes hat die Stadt Marokko mit wenigen Ausnahmen nur einstöckige Wohnungen, und an den Seiten der breiten Gassen findet man oft grosse Gärten. Nur im Handelscentrum der Stadt verengen die engstehenden Häuser die Strassen. Im Uebrigen hat die Stadt ihre Kessaria (eine ganz neu erbaute für fremde Artikel ist nach Lambert kürzlich hinzugekommen), ihre Ataria, ihre grossen und kleinen Funduks, ihre Marktplätze, auf denen der bedeutendste Markt vor der Djemma el Fanah und der andere ausserhalb der Stadt vor dem Thore "Chamis" abgehalten werden. Auch ein Narrenhaus, Morstan, befindet sich in Marokko mit ähnlicher Einrichtung wie in Fes.
An öffentlichen Gebäuden ist die Stadt arm, der Palast des Sultans, obschon äusserst umfangreich, zeichnet sich durch nichts aus. Die berühmteste Moschee ist die Kutubia, so genannt von den Adulen (Schreibern) und Ketabat (Büchern), welche dort, erstere ihr Handwerk treiben, letztere ebenda zu kaufen sind. Der hohe Thurm der Kutubia soll nach Lambert ca. 250 Fuss, nach Maltzan ca. 210 Fuss hoch sein, und v. Maltzan schätzt die Architektur auch dieses Thurmes höher als die der Giralda von Sevilla, welche doch von Lübke in seiner Geschichte der Architektur als eines der schönsten Baudenkmäler spanisch-maurischer Architektur hervorgehoben wird. Was die innere Anordnung der Djemma anbetrifft, so gleicht sie fast der grossen den "Erzengeln" gewidmeten Moschee in Fes. Auch hier die grosse Zahl von Säulen, die von Spanien hergeholt sein sollen, auch hier die reizenden Springbrunnen, die aber oft genug kein Wasser spenden. Denn die einst so schönen Wasserleitungen der Stadt, weiche von den Bergen Misfua und Mulei Brahim das Wasser der Stadt zuführen, liegen in verwahrlosetstem Zustande. Von den übrigen Moscheen ist wenig zu berichten. Das grösste Heiligthum der Stadt ist die Sauya des Sidi-bel-Abbes, im Norden der Stadt gelegen. Sidi- bel-Abbes ist zugleich der Schutzpatron der Stadt, er liegt dort in einer kleinen Kubba begraben. Alle Fremde, namentlich Pilger, werden hier unentgeltlich drei Tage lang verpflegt; es versteht sich, dass diese Sauya auch Zufluchtsort für Verbrecher und unrechtmässig Verfolgte ist.
Das Ghetto der Juden, wie in allen marokkanischen Städten "Milha" genannt, d.h. der gesalzene Ort, wird nach Lambert häufig Spasses halber von den Mohammedanern "Messus", d.h. der "salzlose Ort" genannt; man schätzt die Zahl der Juden auf 6000 Seelen. Moses Montefiori, der im Jahre 1864 in Marokko war, um beim Sultan eine verbesserte Lage für seine unglücklichen Glaubensgenossen herbeizuführen, hat dies trotz seiner reichen Geschenke keineswegs zu Wege bringen können, sie leben dort heute noch in derselben unglücklichen und unterdrückten Art, wie bisher. Für die Christen scheint aber dort ein Umschwung eingetreten zu sein. Beaumier konnte mit seiner Frau, freilich in seiner Eigenschaft als Consul, im Jahre 1868 unbehindert die Stadt nach allen Richtungen hin durchziehen, und der schon mehrere Male genannte Hr. Lambert bewohnt Marokko seit Jahren. Um dies zu können, muss man aber vor allem der Sprache vollkommen mächtig sein, und man muss es verstehen, Demüthigungen und Vexationen, ähnlich wie sie von den Mohammedanern den Juden täglich auferlegt werden, zu ertragen. Aber keineswegs möchte ich doch empfehlen, wie Hr. Lambert das am Ende seines der Pariser geographischen Gesellschaft überreichten Berichtes thut: "die Touristen einzuladen, statt nach oft besuchten Gegenden zu gehen, nach Marokko zu kommen, um Ausflüge in die Umgegend zu machen". Solche sichere Zustände herrschen heute im Innern dieses Landes noch nicht[132].
[Fußnote 132: Die Folge eines solchen französischen Berichtes verursachte auch den Tod von Alexandrine Tinne. Sie berief sich stets auf die zwischen Colonel Mircher und den Tuareg vereinbarten Verträge, als man ihr rieth nicht ins Land der Tuareg zu gehen; Obschon sie wissen musste, dass diese Verträge nur auf dem französischen Papiere existirten, da von Seiten der mächtigen und besitzenden Tuaregfürsten Niemand erschienen war mit Oberst Mircher zu unterhandeln.]
Ausser diesen vereinzelten Christen und den der Zahl nach genannten Juden besteht die Bevölkerung von Marokko aus Berbern, Arabern und Schwarzen. Letztere, vorzugsweise wie in ganz Marokko aus Haussa- und Bambara-Negern zusammengesetzt, fasst man auch hier unter dem Namen Gnaui zusammen, sie sind alle Bekenner des Islam, haben aber viele von ihren einheimischen Sitten beibehalten. Dadurch, dass man fast mehr Schellah als Arabisch in Marokko reden hört, könnte man versucht sein zu glauben, die Berberbevölkerung sei überwiegend. Das ist aber nur anscheinend und namentlich an den Markttagen, wo die ganze Landbevölkerung in die Stadt hereinkommt, der Fall. Der eigentliche Städter ist arabischer Herkunft, hat zwar oft viel fremdes Blut, pocht aber darauf, für einen Araber gehalten zu werden. Wie in den übrigen Städten Marokko's findet man auch hier viele Bewohner aus den übrigen grossen Ortschaften Nordafrika's, die manchmal einzelne Jahre lang, andere auch für immer sich fixiren, oder auch noch im Alter, nachdem sie ein kleines Vermögen erworben, in die Heimath zurückkehren.
Für die Aussätzigen hat man im Norden der Stadt ein eignes Dorf, Harrah[133] genannt; diese, die nur unter sich heirathen, dort eine eigene Djemma (Gotteshaus) und eigne Medressen (Schulen) haben, deren Vorstände ebenfalls Aussätzige sind, dürfen nie die Stadt betreten. Dagegen sieht man dieselben den ganzen Tag vor dem Thore "Dukala" herumlungern, um Almosen zu erflehen. Es giebt übrigens auch Begüterte unter ihnen, denn sie treiben Industrie, haben ihren eignen Grund, auf dem sie ackern und Gärten bebauen, und die übrigen Marokkaner scheuen sich nicht, mit ihnen zu handeln; wenn aber Lambert sagt, die Furchtlosigkeit vor den Aussätzigen würde so weit getrieben, dass die Stadtbewohner mit den Leprösen aus einer Schüssel assen, oder in einem Zimmer schliefen, so ist das wohl übertrieben. In diesem Harrah giebt es eine Milha für die aussätzigen Juden.
[Fußnote 133: Mit diesem Worte bezeichnet man in den östlichen Städten Nordafrika's das Judenquartier.]
Der Handel von Marokko ist gegen den von Fes gehalten gering, es fehlt den Marokkanern die Geschicklichkeit und der Unternehmungsgeist. Die einst so hoch berühmten Gerbereien von Leder (Corduan, Maroquin, Safian) liegen im Verfall, allerdings existiren noch ganze Strassen, wo man nur gelbe und rothe Leder, oder davon fabricirte Schuhe kaufen kann, aber das schönste Leder wird heute in Fes bereitet. Hauptwichtigkeit hat Marokko im Handel für die südwärts gelegenen Atlastheile und die grosse Oase des Ued-Draa. So beziehen denn auch sämmtliche Arabertriben, die den beschwerlichen Weg über den Atlas scheuen, ihre Dattelvorräthe von Marokko, und die Marokkaner holen ihren Vorrath vom Draa.