Schon am dritten Tage Morgens verliessen wir die Stadt wieder. Was mich anbetrifft, so hatte ich von derselben höchstens ein Bild gewonnen, so wie es der jetzige Reisende mit nach Hause bringt, wenn er die Eisenbahn verlässt, um sich in irgend einer Stadt am Wege einen Tag lang aufzuhalten. Aus eigner Anschauung hatte ich nur die Märkte bei Abend, die Kutubia und die Sauya Sidi-bel-Abbes kennen gelernt.

Der Rückweg wurde auf dieselbe Art gemacht, nur für mich auf angenehmere Weise, da einige reiche marokkanische Kaufleute sich der Karavane angeschlossen hatten, welche Zelte hatten, und die sich ausserdem täglich den Luxus einer Tasse Thee erlaubten, und wenn wir in der Nähe eines Duars lagerten, dafür sorgten, dass die ganze Karavane auf ihre Kosten Fleisch bekam. Es ist sehr häufig, dass in diesem Lande, wo das Alleinreisen mit der grössten Gefahr verbunden ist, sehr reiche Kaufleute sich mit Maulthierkaravanen zusammenthun, und dass sie unter dem "Aman", Schutz einer solchen "Gofla", Karavane weite Reisen zurücklegen.

Wieder angekommen in Asamor, trennten wir uns, der reichere Theil der Karavane zog nach dem Norden, der grösste Theil blieb im Ort selbst, oder in der Umgegend, und wir beide zogen längs des Oceans weiter, nachdem wir noch einige Tage Rast in der Stadt gemacht hatten. Bis zum nächsten Orte el Bridja, d.h. kleine Burg, von den Europäern Masagan genannt, ist gerade eine deutsche Meile Weges.

El Bridja, ein länglichtes ummauertes Viereck, wird fast nur von Europäern und Juden bewohnt, und der Handel, der in Asamor sein sollte, wird hier betrieben. Die Mohammedaner begnügen sich damit ausserhalb der Stadtmauer, die übrigens halb in Ruinen ist, in Hütten und Zelten zu wohnen. In el Bridja, Masagan, oder wie sie drittens von den Gläubigen genannt wird: Dar djedida, d.h. Neustadt[134], ist denn auch ein bedeutender Export-Handel, den Beaumier auf 1/8 der Gesammtausfuhr vom Lande anschlägt. Ich traf dort über 20 europäische Schiffe auf der Rhede, und wie lebhaft der Handel dort florirt, geht am besten daraus hervor, dass in diesem kleinen Orte, wo 1864 sicher nicht mehr als 1000 Einwohner waren, alle europäische Nationen einen Vertreter hatten.

[Fußnote 134: Diese kleine Stadt scheint sich durch den Reichthum an Namen auszuzeichnen, man hört sie auch El-Maduma, d.h. die Zerstörte, nennen.]

Wir verliessen Masagan und wieder längs des Meeres ziehend, kehrten wir Nachts bei Arabern in einem Duar (Zeltdorf) gelagert, ein. Ein neues Unglück sollte mich hier erreichen, der Spanier mein Begleiter war Nachts mit dem Esel aufgebrochen und hatte das Weite gesucht. Er hatte mir nichts zurückgelassen, als was ich auf dem Leibe trug, und ein kleines Ledertäschchen, welches ich als Kissen unter dem Kopfe hatte, und worin glücklicherweise etwas Geld war. Die Hauptsumme aber, alles was ich an Kleidung besass, hatte er aufgepackt und war damit verschwunden.—Es wäre unnütz gewesen hinterdreinlaufen zu wollen, zumal ich annehmen musste, dass die Leute des Zeltdorfes wohl mit ihm im Einverständnisse gehandelt hatten, denn ohne ihr Wollen hätte er sich unmöglich Nachts allein aus dem Duar entfernen können. "Mktub er Lah", es war von Gott geschrieben, sagte ich nach Sitte der Marokkaner, verliess das Zeltdorf, und erreichte ziemlich früh Ualidia.

Dies ist jetzt ein kleines Dorf ohne alle Bedeutung, scheint aber früh eine ziemlich bedeutende Stadt gewesen zu sein. Ein Theil der Stadtmauern und der Thore sind noch vorhanden. An der Küste befindet sich, südlich vom Dorfe, der beste Hafen des ganzen marokkanischen Ufers, wenn derselbe auch nicht gross ist. Es ist dieser Hafen lagunenartig, haffartig eingeschnitten, der Art, dass die davorliegende Nehrung von Felsen gebildet ist. In früheren Zeiten soll dieser Hafen auch benutzt worden sein, jetzt liegt derselbe unbeachtet und fast unbekannt da. Verschiedene Reisende, welche die Küsten Marokko's besucht haben, haben auch auf die Vortrefflichkeit des Hafens von Ualidia aufmerksam gemacht, unter ändern Frejus.—Nach Jackson wird Ualidia so genannt, weil es vom Sultan Ualid erbaut worden ist.

Ich blieb in diesem Orte nur um zu frühstücken, das Essen wurde mir auf zuvorkommende Weise von den Schriftgelehrten der Djemma angeboten, und alle erflehten auf mich den Segen Allah's herab, um mich für meinen Verlust zu trösten, und zugleich verfehlten sie nicht den Vater des Diebes und ihn selbst (in Gedanken und mit Worten) zu verbrennen, zu verfluchen und auf ewig zu verdammen. Leider bekam ich dadurch meinen Esel nicht wieder, und ihr Segen befreite mich auch nicht vom Fieber. So musste ich Nachmittags schon wieder Zuflucht in einem Zeltdorfe suchen, da ich von wahren Schüttelfrosten befallen wurde. Am anderen Tage früh aufbrechend, erreichte ich nach einem für mich recht anstrengenden Tagesmarsch spät Abends Saffi.

Saffi, wie die Europäer die Stadt, Asfi, wie sie die Eingeborenen nennen, liegt in einer weiten nach Westen offenen Bucht, deren äusserster Nordpunkt vom Cap Cantin gebildet wird. Die Stadt liegt unmittelbar am Ocean, ist von Mauern umgeben, besitzt an der Nordseite ausserdem eine Kasbah und hat ca. 3000 Einwohner, darunter einige Hundert Juden und ca. 50 Christen. Asfi wurde 1508 von den Portugiesen erobert, und sie blieben im Besitze der Stadt bis 1541, in welchem Jahre sie dieselbe freiwillig aufgaben. Chénier führt an mehreren Stellen an, die Portugiesen hätten Asfi 1641 verlassen, was aber wohl irrthümlich ist, wenn man anders nicht nachweisen kann, dass sie es zum zweiten Male genommen. Das beim Cap Cantin anfangende oder endigende Gebirge Dj. Megher tritt, Asfi umgehend, zurück, sendet aber kleine Ausläufer bis dicht zur Stadt, dadurch wird die Ufer-Gegend weniger einförmig, und das Gebirge selbst muss seines reichen Baumschmuckes halber je näher man kommt desto romantischer sein.

Ich fand in Asfi alle Funduks besetzt, fand aber bei einem Juden Unterkommen. Mein erster Gang war zum englischen Consul Mr. Carstensen, denn so sehr ich sonst auch mied, mit Europäern in Berührung zu kommen, so zwang mich andererseits mein Zustand, mich auf alle Fälle wieder in den Besitz von Chinin zu setzen. Ich fand selbstverständlich den freundlichsten Empfang, nicht nur fand ich das ersehnte Medicament, auch mit einer kleinen Geldsumme half Hr. Carstensen (die ich ein Jahr später die Freude hatte, ihm persönlich in Tanger zurückerstatten zu können) auf edelmüthige Art aus. Ehemaliger dänischer Officier, hatte Mr. Carstensen später in dem Krimkriege unter den Engländern Dienste genommen, und war durch Verheirathung in die englische Consulatscarrière gekommen. Seine Einladung, auf dem Consulate zu logiren, schlug ich indess wohlweislich aus, ebenso verführten mich auch nicht die Anerbietungen des französischen Consuls, dessen beiden Söhne, obschon Christen, auffallenderweise immer in marokkanischer Tracht gingen. Aber das Essen, welches mir Hr. Carstensen nach meinem Judenquartier während meines Aufenthaltes schickte, Teller, Messer und Gabeln, Servietten und Wein fehlten auch nicht, liess ich mir herrlich schmecken. Seit zwei Jahren das erste Mal, dass ich das Essen nicht direct mit den Fingern in den Mund zu bringen brauchte.