Ich blieb zwei Tage in dieser regen Handelsstadt, auf welche nach Beaumier 1/8 des gesammten Seehandels kommt. Auf der Rhede lagen auch hier mehrere europäische Kauffahrer.
Der Weg von Asfi bis zum Fluss Tensift ist äusserst beschwerlich; wenn Fluth ist, tritt das Wasser nämlich dicht an die Felsen, und über diese muss man dann bergauf bergab klettern, da das Gebirge gegen das Meer hin sich durch zahllose Rinnsale zerklüftet. Man braucht von der Hauptstadt der Landschaft Abda, d.h. von Asfi bis zum Ued-Tensift, der zugleich die Grenze der Landschaft Schiadma ist, 6 Wegstunden.
Obschon die Mündung des Tensift sehr breit ist und hohe abschüssige Ufer hat, kann man sie zur Zeit der Ebbe durchwaten. Aber die Eingebornen müssen zur Hand sein, um die Stelle zu zeigen. Das äusserste rechte Ufer wird gebildet durch den südlichen Vorsprung des Megher-Gebirges, welches eigentlich mit dem Hadid-Gebirge Eins ist, denn am linken Ufer des Tensift zeigen die Gesteinmassen des Dj. Hadid so vollkommene Uebereinstimmung mit dem Megher-Gebirge, dass man zur Annahme berechtigt ist, der Ued-Tensift habe diesen Gebirgszug durchbrochen, um das Meer zu gewinnen. Einen Ort Rabat el Kus, wie er im Maltzan und auf verschiedenen Karten an der Mündung des Tensift angegeben ist, fand ich nicht. Hingegen stiess ich (das Uebersetzen hatte viel Zeit weggenommen) auf dem linken Ufer auf die kleine Sauya Sidi el Hussein, in der ich freundliche Aufnahme fand und nächtigte. Höchst romantisch nahmen sich von hier ca. 1 Stunde entfernt, im Osten die Ruinen einer alten Burg, Namens Kasbah Hammiduh, aus. Mitten im Walde auf schroffem Felsen gelegen, hatte es ehemals wohl die Aufgabe, die Einfahrt in den Tensift zu vertheidigen.
Die Gegend wird jetzt immer abwechselnder, tiefe Buchten, welche das Meer macht, bewaldete Bergabhänge, entschädigen für den langweiligen Marsch auf dem weissen Sande des Strandes. Ich nächtigte noch einmal bei einer Grabkapelle Sidi Abd Allah Bettich und erreichte sodann am dritten Tage nach meiner Abreise von Asfi am Morgen früh die Stadt Ssuera oder Mogador.
Mogador ist eine Schöpfung neuester Zeit. Ob der Ort Tamusiga des Ptolemaeus oder, wie Knötel will, Suriga hier gelegen hat, lasse ich dahin gestellt sein. Letzterer meint, der Name Ssuera sei von Suriga abgeleitet. So ähnlich nun auch beide Namen sind, so dürfte die Etymologie de Laporte's die richtigere sein. Er leitet Ssuera von Ssura Bildniss her, Ssuera würde dann kleines Bild bedeuten, und da in Marokko manchmal mit dem arabischen Diminutiv etwas Hübsches, Niedliches, verbunden gedacht wird, so würde Ssuera "liebliches Bildchen" bedeuten. Diese Herleitung des Wortes Ssuera von Ssura hat um so mehr Wahrscheinlichkeit, als die Berber die Stadt Tassurt nennen und dies bedeutet in der Berbersprache ebenfalls ein hübsches Bildchen.
Der Name Mogador kommt ohne Zweifel vom Grabmal des Heiligen Sidi Mogdal oder Mogdur her, dessen Kapelle sich südlich vom jetzigen Orte in nicht weiter Ferne befindet. Wenn übrigens die Stadt Mogador erst 1760 vom Sultan Mohammed-ben-Abd-Allah gegründet, und wie eine noch am Hafen befindliche Inschrift bekundet 1184 (1773 nach J.C.) vollendet wurde, so wissen wir aus den Berichten der Väter der Provinz Touraine, dass der Name Mogador, den sie auf die vor Mogador liegenden Inseln anwenden, schon bedeutend früher vorkommt; ja, man findet Hafen und Insel Mogador schon auf der catalanischen Karte von 1375 eingetragen[135].
Die Stadt liegt auf einer kurzen, flachen und nach Südwest ins Meer sich senkenden Landspitze. Vor der Bucht, welche so gebildet wird, zieht sich dann eine grössere Insel hin, und weiter nach Süden und dem Lande näher, noch vier kleine Eilande. Die grosse Insel ist durch ein Fort befestigt, das aber jetzt nur marokkanische Sträflinge enthält, und seit dem Bombardement des Prinzen Joinville am 14. August 1844 nur äusserst nothdürftig wieder hergestellt ist. Eine der kleineren flachen Inseln hat ebenfalls eine Fortification. Die Stadt, selbst, fast viereckig von Form, ist eigentlich nach der Seeseite zu befestigt, denn die Mauern nach der Landseite zu, etwa 20' hoch sind kaum 6' dick und aus dem schlechtesten Material erbaut. Nach der Wasserseite aber ist die Kasbah mit ca. 30' hohen Mauern und Bastionen, und diese Kasbah, worin der Gouverneur, die Consuln, vornehme Christen und Juden wohnen, ist auch von der eigentlichen Stadt durch eine gleich hohe Mauer getrennt. Diese hat breitere und vollkommen gerade Strassen und nur einstöckige Wohnungen, während in der Kasbah die Strassen zwar auch gerade, aber eng sind, was noch um so mehr hervortritt, weil die Häuser der Kasbah meist mehrere Stock haben. Der Marktplatz des Ortes hat Säulengänge, ähnlich wie in L'Araisch.
Die Zahl der Bevölkerung dürfte 10-12000 Seelen incl. der Juden und Christen betragen. Dass Mogador, obschon am entferntesten von Europa gelegen, bislang von allen marokkanischen Häfen den bedeutendsten Handel hatte, verdankt es nicht allein den Anstrengungen der marokkanischen Regierung, sondern zum Theil seinem reichen Hinterlande; dann auch weil Agadir den Europäern verschlossen worden ist, und somit alle Producte der Landschaften südlich vom Atlas, ja von einem Theile des Sudan her, hier zusammenströmen. Indess dürfte Tanger, was Werth und Menge der Aus- und Einfuhr anbetrifft, wohl bald Mogador überflügeln. Importirt werden hier besonders Baumwollenstoffe und Thee aus England, Zucker aus Belgien und Frankreich, Tuche, Wachszündhölzchen und Stearinlichte aus Frankreich (letztere, sowie auch Salonzündhölzchen, ebenfalls aus Wien), Bretter aus Oesterreich, Stahlwaaren und Waffen aus England und Deutschland, endlich eine Menge kleinerer Sachen aus Deutschland, welche aber nur durch Zwischenhandel dahin gelangen. Exportirt wird Getreide, hauptsächlich Weizen, Gerste und Mais, trockne Hülsenfrüchte, besonders Saubohnen, Thierfelle, Schafwolle, und an Früchten Mandeln, Datteln, Oliven; aus dem Sudan werden Federn und Elfenbein gebracht, Gummi kommt heute in Mogador wohl kaum mehr zum Export. Ebenso hat die Sclavenausfuhr von hier, die in den dreissiger Jahren auch von deutschen Schiffen unter dem Namen von "Ebenholzhandel" stark betrieben wurde, ganz aufgehört.
Mogador hat wirkliche Consuln aller Mächte, mit Ausnahme des Deutschen Reiches.