Ich hatte mir in einem Funduk ein leidliches Zimmer zu verschaffen gewusst und blieb einige Tage in der Stadt, um meine Gesundheit wieder etwas herzustellen. Der englische Consul versorgte mich mit Chinin.
Und dann sagte ich mit Mogador dem letzten Hauche der Civilisation Lebewohl; ich wusste, weiter nach dem Süden zu sei kein Christ mehr anzutreffen, ich wusste sogar, dass weiter nach dem Süden zu mir die arabische Sprache mit Ausnahme in den Städten, nichts mehr nützen würde.— Sobald man die Stadt verlässt, befindet man sich in grossen Sandpartien neueren Ursprunges, in Dünen, welche in jüngster Zeit aus dem Meere ausgeworfen sein müssen. Ich wanderte zum südlichen Thore hinaus, ganz ohne Begleitung. Einige, besonders Juden und Christen, hatten mir den Weg bis Agadir sehr gefahrvoll vorgestellt; andere, Mohammedaner, meinten, ich habe nichts zu fürchten. Nachdem man eine halbe Stunde von der Stadt entfernt die Kubba Sidi-Mogdal's passirt hat, des Heiligen, welcher der Stadt den Namen gegeben hat, und der besonders bei der weiblichen Bevölkerung in grosser Verehrung steht, erreicht man zwei halb vom Sande verschlungene Schlösser des Sultans.
Der Weg, der sich Anfangs gen Süden längs des Meeres hinzieht, wendet sich bald darauf nach Osten und die Dünen erreichen ihr Ende. Statt dessen kommt man in einen dichten 10-12' hohen Binsenwald. Die Bewohner flechten Matten und Körbe aus diesen Binsen, die jedoch bei Weitem nicht so dauerhaft sind, wie jene aus den Blättern der Zwergpalme oder aus Halfa. Dieser Binsenwald ist 3 Stunden breit, dann erreichte ich Mittags eine gut ummauerte Quelle mit herrlichem Trinkwasser.
Von hier an nahm nun die Gegend einen ganz anderen Charakter an; wilde Oliven, immergrüne Eichen, Lentisken- und Lotusgebüsche wurden immer seltener, dagegen trat aber ein Baum, der Argan, welcher in den Landschaften von Dukala, Abda, Schiadma nur vereinzelt auftritt, hier derart seine Herrschaft an, dass man wohl annehmen muss, diese Landschaft Haha, welche die westlichsten Ausläufer des Atlas in sich begreift, sei die eigentliche Heimath dieses nützlichen Baumes. Eigenthümlich genug, findet sich dieser Argenbaum nur in diesen Gegenden, sonst nirgendwo auf der Erde. Der Elaeodendron Argan hat in der Regel die Grösse unserer Obstbäume, mit dem Oelbaume hat er aber, obschon andere Reisende ihn damit verglichen haben, keine Aehnlichkeit. Das helle saftgrüne Blatt gleicht vielmehr den Myrtenblättern. Die Frucht selbst, von der Grösse einer Olive, sieht, wenn vollkommen reif, hochgelblich aus und hat einen widerlich süssen Geschmack, für Menschen ist sie vollkommen ungeniessbar. Aber desto mehr wird sie von den auf den Bergabhängen weidenden Ziegen und Schafen aufgesucht. Und da der Baum das ganze Jahr hindurch nach und nach Früchte zeitigt, so hat man hier die fettesten und schönsten Heerden. Der braune faltenreiche Stein der Frucht, länglich von Gestalt und so gross wie ein Aprikosenkern, schliesst einen weissen Kern ein, der äusserst bitter schmeckt, aber ein sehr gutes Oel liefert, das in diesen Gegenden allgemein von den Eingeborenen zur Speisebereitung benutzt wird. Auch in Mogador wird das Oel von den Eingeborenen benutzt, von den Europäern aber nicht. Ich selbst habe es natürlich immer essen müssen, und fand, hat man sich erst etwas an den eigenthümlich angebrannten oder räucherigen Geschmack gewöhnt, das Oel vollkommen geniessbar. Der Arganbaum erreicht bisweilen die Höhe und den Umfang, dass seine Stämme als Nutzholz verwerthet werden können. Für die Zukunft, d.h. wenn Marokko in den Kreis der Civilisation wird gezogen worden sein, dem es sich auf die Dauer ebenso wenig wie ein anderes Land wird entziehen können—wird dieser Baum der Landschaft Haha eine grosse Rolle spielen. Leider denken jetzt die Eingeborenen so wenig daran, materiell ihre Lage zu verbessern, dass sie es verschmähen, die Früchte des Arganbaumes, von dem es ausgedehnte und dichte Waldungen giebt, zu sammeln und zu Markte zu bringen, sondern es vorziehen, sie meist auf dem Boden verfaulen zu lassen.
Ich übernachtete in einer Sauya, wo nur der Thaleb Arabisch verstand, alle übrigen, Berber ihrer Nationalität nach, sprechen und verstanden nur Schellah. Es war hier das letzte Dorf, wenn man einige Hütten und Zelte, die sich um die Sauya herum gruppirt hatten, so nennen will. Denn wenn die Gegend schon dadurch einen eigenthümlichen Reiz bekömmt, dass der im herrlichsten Grün prangende Arganbaum so vorwiegend sein Reich hier inne hat, so wird man andererseits, je weiter man in Haha nach dem Süden zu vordringt, durch die eigenthümliche Bauart, durch das merkwürdige Wohnen der Eingebornen berührt. Im Norden vom Atlas, im eigentlichen Marokko (Rharb el Djoani) wohnen alle Eingeborenen, einerlei ob Berber oder Araber, entweder in Häusern aus Stein zu Städten und Dörfern vereint, oder in Zelten zu Zeltdörfern vereint. Einzelne Wohnungen, einzelne Zelte findet man fast nie. Hier ist nun Alles anders. Man glaubt sich plötzlich ins Mittelalter zurückversetzt, die kleinen Berge und fast jeden Hügel sieht man von einer grossen kastellartigen Burg gekrönt. Sei es nun, dass es von jeher diesen Berbern gefallen hat so zu wohnen, sei es, dass die grosse Unsicherheit der Gegend, die steten Feindseligkeiten der einzelnen Stämme und Familien, ein solches befestigtes Wehrsystem nothwendig machte, gewiss ist es einzig in seiner Art. Denn die Städte, Dörfer, Zeltdörfer oder unbefestigte einzelne Wohnungen fehlen ganz und gar. Vier, fünf oder noch mehr Familien bewohnen solche kastellartige Schlösser, welche meist viereckig von Form eine Höhe von 20 bis 30 Fuss haben. Fast alle haben an zwei Ecken hohe flankirende Thürme, und fast alle haben oben auf der Umfassungsmauer Zacken. Sie sind aus soliden Steinen mit Mörtel aufgeführt, haben einen schmalen Graben, besitzen nur Ein Thor, welches in der Regel durch eine Zugbrücke von dem umgebenden Terrain erreicht wird.
Im Innern dient der ganze untere Raum, sowie der grosse Hof fürs Vieh, die Menschen haben in der zweiten Etage, die einen gewölbten Boden hat, ihre Stätte, zu der man mittelst einer Leiter, die man im Nothfalle nach sich ziehen kann, hinaufkömmt; jede Familie hat nur ein Zimmer.
Da die hier vom grossen Atlas entspringenden Flüsschen alle nur im Winter Wasser fortschwemmen, so haben die Eingeborenen für Cisternen gesorgt, die man manchmal am Wege, manchmal an irgend einer Oertlichkeit, die den Erbauern günstig schien, eingerichtet findet. Diese Cisternen sind ganz in der Art und Weise gebaut, wie die der Römer. Es sind 15 bis 20 Fuss lange, 5 bis 10 Fuss breite, 20 Fuss tiefe und aus behauenen Steinen ausgemauerte Gruben, die oben überwölbt sind. Durch ein kreisrundes Loch wird mittelst eines Eimers das Wasser heraufgeholt, welches selbst, aus Regengüssen oder aus einem Rinnsale gesammelt, mittelst eines anderen Loches hineinfliesst. Cisternen mit mehreren Abtheilungen sind mir nicht zu Gesichte gekommen, indess mögen sie auch vielleicht existiren. Einzelne dieser Wasserbehälter, und dieses sind die schlechteren, scheinen aus verhältnissmässig neuer Zeit herzustammen, die Mehrzahl aber trägt ein sehr altes Gepräge an sich.
Am zweiten Tage hielt ich der grossen Strasse (d.h. man muss dabei an marokkanische Strassen denken) folgend durchaus südliche Richtung, es ging bergauf bergab, denn ich hatte alle die unzähligen, oft breiteren, oft schmäleren westlichen Abhänge des Atlas zu übersteigen. Dabei war man fortwährend im herrlichsten Arganwald, und hin und wieder tauchten Schlösser und Burgen, oder auch nur die hohen Wartthürme derselben vor meinen erstaunten Augen auf. Mittags desselben Tages hatte ich noch Gelegenheit, in einem solchen Schlosse einer Hochzeit beizuwohnen. Schon von Weitem hörte ich durch den Wald die Musik, vorzüglich das Trommeln und das Ui-Ui-Ui der alten Weiber. Ich ging dem Lärm nach, und kaum hatte mich die lustige Gesellschaft erblickt, als ich mit "Willkommen, Willkommen" begrüsst wurde. Die Berber halten es für ein gutes Zeichen, wenn wirkliche Fremde von weither zu einer Hochzeit sich einstellen. Man war am zweiten Tage; die Braut, das Kind einer fremden Burg, war noch nicht geholt; es geschieht das erst am dritten Tage. Dagegen amusirten sich die beiderseitigen Anverwandten auf Kosten des Vaters des Bräutigams ungeheure Quantitäten von Nahrung zu vertilgen, dabei wurde getanzt (von Sclavinnen, mit denen sich die Berber nicht nach Art der Araber vermischen), musicirt und allerlei Allotria getrieben. Der Bräutigam selbst, ein junger hübscher Mann von etwa 25 Jahren vom Stamme der Ait-Ischar, sass in einem neuen Gewande, schweigend auf einer Erhöhung. Mit Ausnahme einiger Redensarten verstand Niemand Arabisch, selbst ihr Schriftgelehrter sprach die Religions- und Schriftsprache nur sehr mangelhaft. Es war daher sehr schwer für mich, mich mit ihnen näher einzulassen. Sie hatten übrigens bald genug herausgebracht, dass ich grossen Hunger hatte, und ein reichliches Mahl von Kuskussu, von Brod, Butter und Honig half dem ab. Aber wahrscheinlich hatte ich der Mahlzeit auf zu berberische oder arabische Weise gehuldigt, d.h. meinen Magen überladen (ich hatte seit dem Abend vorher nichts genossen); denn kaum hatte ich meine Wanderung südwärts wieder angetreten, als ich vom heftigsten Fieber abermals überfallen wurde.
Nur mit Mühe ging es vorwärts, aber da ich mitten im Walde war, musste ich Abends ein Unterkommen zu erreichen suchen. Gerade als die Sonne untergehen wollte, entdeckte ich ein stattliches Schloss, wanderte den Hügel hinauf, und obschon die Leute kein Wort von dem verstanden, was ich wollte, merkten sie doch, ich wünsche nur ein Unterkommen, und das gaben sie mir.
Am anderen Morgen befand ich mich bedeutend besser, ich hatte eine grosse Gabe Chinin genommen, und das Fieber war endlich gewichen. Der Weg hielt dieselbe Richtung, die Berge wurden nun immer wilder und höher, aber die Gegend gleich gut bevölkert und reich mit hellgrünen Arganbäumen bewaldet. Das leere Bett des Ued-Tamer wurde durchstiegen, der stärkste und längste Gebirgsausläufer des Atlas, der Dj. Ait-Uakal (Cap Gher) erreicht, und sobald ich den Kamm dieses Höhenzuges überschritten hatte, wandte sich der Weg nach Westen und bald darauf hatte ich das Meer erreicht. Es war Nachmittags, als ich es endlich zu Wege gebracht hatte, die steile Küste hinabzuklimmen, mit grösstem Staunen aber bemerkte ich, wie gleich darauf ebenfalls eine Karavane, aus beladenen Eseln und Maulthieren bestehend, diesen Weg herabklomm. Hatte ich gewollt, so würde ich wohl noch am selben Tage Agadir erreicht haben, aber meine Schwäche nöthigte mich Zuflucht in einer dicht am Meere gelegenen Burg zu suchen.