Am anderen Morgen längst des Meeres weiter gehend, erreichte ich gegen 10 Uhr Fonti, das Dorf, welches am Fusse des Berges gelegen ist, auf dem sich Agadir oder Santa-Cruz befindet. Das Dorf Fonti hat seinen Namen von einer Quelle, die sich auf dem Berge von Agadir etwas unterhalb der Stadt befindet, die Portugiesen nannten die Quelle Fonte, woraus die Eingebornen Fonti machten und dies Wort auch auf das Dorf am Strande ausdehnten. Ich war anfangs der Meinung diese Oertlichkeit sei die Stadt Agadir, da wegen des starken Nebels, welcher die ganze obere Partie des Berges einhüllte, nichts von Gebäuden zu erblicken war.

Fonti selbst ist nur ein ärmliches Nest aus kleinen Hütten, ist aber dennoch auf gewisse Art befestigt. Nach der Landseite zu wird es durch den Berg von Agadir und zwei Mauern, die sich längs des Berges hinaufziehen, geschützt, nach der Seeseite war der Ort offen, weil er der Aermlichkeit selbst wegen keinen Angriff zu fürchten hatte. Nach dem Kriege mit Spanien scheint aber Sultan Sidi-Mohammed-ben-Abd-er-Rhaman anderer Meinung geworden zu sein.

Irren wir nicht, so existirte ein geheimer Vertrag in den Friedensartikeln, wonach die Marokkaner diesen Ort, d.h. Agadir, den Spaniern abtreten sollten, oder jedenfalls war die Rede davon, dass die europäischen Mächte wieder das Recht haben sollten hier Consuln zu installiren. Aber nach Sitte der Marokkaner dachte man nicht daran sein Wort zu halten. Aufs Eifrigste war man deshalb beschäftigt den Ort Fonti durch massiv steinerne Batterien auf europäische Weise zu befestigen, und leider waren es spanische Renegaten, die sich zu diesen Arbeiten hergaben. Auch bei der Quelle, Fonti wurden neue Batterien errichtet.

Ob nun aber diese Befestigung dennoch hinlänglich sein wird, auch nur ein einziges Kanonenboot vom Bombardement und von der Zerstörung der Werke abzuhalten, möchte ich bezweifeln. Sonst hat der untere Ort, dessen Einwohner ausschliesslich vom Fischfange leben, noch Bedeutung als Zollstation, alle Waaren, die aus dem Sus, dem Nun und südlich davon gelegenen Districte kommen, müssen hier ihren Eingangszoll zahlen, so dass bei Agadir die eigentliche politische Grenze des Kaiserreiches ist. Sobald die Sonne die Nebel zertheilte, zeigte sich hoch oben auf dem Berge Agadir, und ich machte mich auf, den steilen Berg zu erklimmen.

14. Reise südlich vom Atlas nach der Oase Draa

Die eigentliche Stadt liegt auf einem nach allen Seiten fast gleich abschüssigen Berge, der eine Höhe von 800 Fuss[136] über dem Meere haben mag. Sie bildet ein längliches Viereck, dessen schmale Seite dem Meere zugewandt ist. Die hohen krenelirten Mauern sowie die Bastionen, die jene unregelmässig flankiren, sind, obgleich in gutem Zustande was das Aeussere anbetrifft, doch aus schlechtem Material aufgeführt, so dass sie die Stadt fast ohne Widerstand gegen einen Angriff der Europäer lassen würden. Ebenso sind die wenigen Kanonen, die sich in den Batterien befinden, ihres Alters wegen fast unbrauchbar.

[Fußnote 136: Nach Arlett 198 Meter.]

Die Stadt Agadir wurde um 1500 von einem portugiesischen Edelmann[137] gegründet. Man nannte die Stadt Santa-Cruz, während die Berber den Ort Tigimi-Rumi, die Araber ihn Dar-Rumia nannten. Einige Zeit später erwarb der König von Portugal die Veste, und liess den Namen Santa-Cruz bestehen. Zur Zeit Leo's war der Ort noch im Besitze von Portugal, Leo nannte den Ort Gargessem. Im Jahre 1536 wurde die Festung vom Scherif Mulei Ahmed erobert, und blieb seitdem immer im Besitze der Marokkaner. Schon 1572 liess Mulei Abdallah eine Batterie bei den Quellen "Fonti" errichten.

[Fußnote 137: Siehe Renou p. 36.]

Der Name Agadir, der offenbar gleich nach Eroberung der Stadt durch die Marokkaner gang und gäbe wurde, bedeutet in der Tamasirht-Sprache "Umfassungsmauer," auch "Festung". Renou p. 38 fügt noch hinzu: "Da Agadir ein generischer Name ist, sollte man noch einen zweiten, um denselben zu vervollständigen, erwarten. In der That nennt sich die Stadt, die uns angeht, Agadir-n-Ir'ir, die Festung des Ellenbogen, d.h. des Vorgebirges" etc. etc.