Was das Innere der Stadt anbetrifft, so sind alle Häuser, ausgenommen das der Regierung, welches der Kaid bewohnt, sowie die Djemma, die sich in gutem Zustande befindet, halb oder ganz verfallen. Ich glaube die Einwohnerzahl schon zu gross anzugeben, wenn ich sie auf 1000 Seelen schätze[138]. Gråberg di Hemsö glaubt kaum 600 Einwohner annehmen zu dürfen. In neuerer Zeit hat sich der Ort aber etwas gehoben, so dass jetzt vielleicht gegen 1000 Menschen in Agadir und Fonti leben mögen.
[Fußnote 138: Davidson sagt, Agadir habe bloss 47 Muselmanen und 62 Juden.]
Der zweimalige Markt, der in der Woche ausserhalb vor dem einzigen Thore der Stadt abgehalten wird, führt derselben einigen Handel zu, und es sind hauptsächlich die Juden, die für die kleinen Bedürfnisse der Stadt sowohl als auch des umliegenden Landes Sorge tragen.
Die Stadt liegt auf der südwestlichsten Seite des Atlas, und während nach Osten und Norden hin das Auge Nichts wahrnimmt, als sich übereinander häufende Berge, verliert sich nach dem Süden zu die Aussicht in die unendliche Ebene, die den Ued-Sus vom Ued-Nun trennt. Der Ued-Sus selbst ergiesst sich eine halbe Stunde südlich von der Stadt in die Meeresbucht. Diese ist die vortrefflichste von ganz Marokko. Gråberg di Hemsö sagt: "Der Hafen von Agadir ist der schönste der ganzen Küste, und der werthvollste für den Handel mit Innerafrika, namentlich wenn er in Händen einer europäischen Macht sich befände, die denselben sehr leicht erwerben und davon immer mehr Vortheile würde ziehen können." So sehr wir mit Hemsö, was die Geräumigkeit der Bucht anbetrifft, übereinstimmen, so sehr möchten wir bezweifeln, dass es heute leicht sein würde den Hafen käuflich von Marokko zu erwerben, obschon auch wir überzeugt sind, dass für den Handel kein Hafen erbiebiger [ergiebiger] sein würde als Agadir.
Gleich beim Eintritt in die Stadt wurde ich überrascht, indem ich über dem Thore neben einer arabischen Inschrift eine mit lateinischen Buchstaben geschriebene bemerkte; ich war so glücklich sie später unbemerkt copiren zu können. Sie lautet:
VREEST . GOD . ENDE
EERT DEN KONING
1746.
Man darf wohl annehmen, dass diese Inschrift von einem Renegaten, der wahrscheinlich Maurer oder Steinhauer von Profession war, verfertigt wurde.
In Agadir angekommen, begab ich mich zuerst nach einem Kaffeehause, um dort nach dem Funduk Erkundigungen einzuziehen; zu meinem Erstaunen erfuhr ich, dass ein solches nicht vorhanden sei, und auch dies deutet genugsam die Unbedeutendheit des Ortes an. Der Abkömmling eines Spaniers hatte indess die Liebenswürdigkeit, mir seine Tischlerwerkstätte als Wohnung anzubieten, was ich dankbarlichst annahm. Ausserdem was Kleidung, Gebräuche und Sitten anbetrifft ganz Marokkaner geworden, war er der gastfreundlichste Mann, und schickte täglich aus seiner Wohnung einige Speisen. Aber ich hatte nicht nöthig in dieser Beziehung dem guten Manne zur Last zu fallen, denn der Kaid der Stadt sandte mir täglich zu essen oder ich speiste in seiner Wohnung.
Derselbe hatte nämlich kaum meine Ankunft in Erfahrung gebracht, als er mich rufen liess. Ich glaubte schon, es gälte ein Examen zu bestehen: wer ich sei, wes Landes, wohin ich wolle, was ich treibe u. dgl. m.
Aber davon war keine Rede. Der arme Mann war stark erkrankt, und da sollte Rath geschafft werden. Glücklich für mich konnte ich Linderung bringen, und von dem Augenblicke an war ich in Agadir ein gern gesehener Gast.