Meine eignen Fieberanfälle stellten sich aber wieder ein, wohl hervorgerufen durch die starken Nebel, die um diese Jahreszeit täglich dort herrschten. Es ist auffallend, wie kalt die Luft in Agadir war, selten durchdrang die Sonne den Nebel vor Mittag und die Leute versicherten, dass selbst im hohen Sommer diese starken Nebel selten vor Mittag zerstreut würden.

Ich blieb sieben Tage in Agadir und konnte mich hinlänglich erholen. Vom Verlassen des Ortes, um spazieren zu gehen, konnte nicht die Rede sein, da die ganze Gegend äusserst unsicher ist. Unsicherer wird sie noch dadurch, dass Schmuggler in den Gebirgsabhängen oberhalb von Agadir ihr Wesen treiben. Der Ort Fonti am Meere ist nämlich, wie gesagt, das eigentliche Eingangsthor für die directen Karavanen vom Sudan, wenigstens für die, welche den Weg über Nun eingeschlagen haben.

Ich schloss mich sodann einer durchpassirenden Karavane an, um mit ihr nach Tarudant zu gelangen. Denn wenn man auch von hier noch nicht Wassermangel zu befürchten hat, so herrscht das Faustrecht dennoch so sehr, dass es gerathen schien in Gesellschaft zu reisen. Gerade am selben Tage hatte ich in Fonti noch Gelegenheit mich zu überzeugen, wie wenig fremdes Eigenthum respectirt wird: zwei Fremde kamen vollkommen ausgeplündert, sogar ihrer sämmtlichen Kleider beraubt in die Stadt geflüchtet. Gewiss ist hier nur die reine Raubsucht der Berber der Beweggrund zu solchen Handlungen, keineswegs aber Mangel. Man könnte den Rlnema am Ued-Ssaura entschuldigen, wenn er ein Räuber ist, weil er in einer der ärmsten Gegenden der Welt lebt, aber das Land am Sus ist eins der reichsten in ganz Marokko.

Wir brachen Nachmittags von Fonti auf, und machten Abends nach Sonnenuntergang Halt in einem Dorfe; Duar, d.h. Zeltdörfer, findet man in diesem Theile südlich vom Atlas nicht, die ganze Bevölkerung ist sesshaft. Und gleich hier am ersten Tage unserer Reise sollten wir einen recht greiflichen Beweis der Räubereien dieser Völker haben: es wurde uns Nachts ein Kameel gestohlen. Wenn man nun bedenkt, dass die Kameele Nachts mit fest zusammengebundenen Vorderbeinen im Kreise lagen, so kann man sich einen Begriff von der Schlauheit und Kühnheit der Diebe machen. Ich sah das Thier forttreiben im schnellsten Galopp, wir machten uns gleich auf, man schoss, aber Alles war bei der Dunkelheit der Nacht vergebens. Als am anderen Morgen die Eigenthümer der Karavane beim Schich der Oertlichkeit klagten, der würdige Mann hiess el-Hadj-el-Arbi, versprach er Alles zu thun die Diebe ausfindig zu machen, aber weitere Erfolge wurden nicht erzielt. Zum Glück für die Besitzer des verlorenen Kameels waren die anderen Thiere stark genug, um die Ladung des verlorenen, die aus 4 Centner Zucker bestand, aufnehmen zu können. Mit dem Kameele waren aber 90 Metkal = 170 Fres. verloren.

Ich wurde nun zum ersten Male recht in das Karavanenleben eingeweiht, das einfache Frühstück aus Sesometa (geröstete Gerste, die grob gemahlen in Schläuchen mitgeführt wird, man geniesst sie, indem man Salz, Arganöl oder Olivenöl zusetzt, ganz arme Leute setzen bloss Wasser zu), das Treiben der Kameele, Abends das Brodbacken, oder erreicht man ein gastliches Dorf, Bewirthung durch die Bewohnerschaft—das ist der gewöhnliche Gang der Sus- Karavanen.

Der Weg, der sich fortwährend in östlicher Richtung hinzieht, und meist dem Flusse parallel ist, gehört zu einem der schönsten, was die Reichhaltigkeit der Natur anbetrifft, den man sich nur denken kann. Als Lempriere diese herrliche Natur durchzog, er giebt die Distanz von Santa-Cruz (Agadir) nach Tarudant auf 44 engl. Meilen an, muss er sehr übler Laune gewesen sein. Er sagt davon weiter nichts: ich hatte einen schönen, aber langweiligen Weg, da wir nichts als Haiden und Waldungen zu durchwandern hatten. Und doch kann man diese herrlichen Ebenen nur mit der lombardisch-venetianischen des Po vergleichen. Freilich fehlt der mächtige Strom, aber wie entzückend schlängelt sich der stets Wasser führende Sus durch die Oliven und Orangengärten hin. Und im Norden der stolze Atlas, zeigt er auch nicht so hohe schneegipflige Spitzen, wie der Montblanc und andere Riesenberge der Schweiz und Tirols, so hatten die Alten doch keineswegs ganz Unrecht das kolossale Atlasgebirge als Träger des Himmels zu bezeichnen. Das Thal des Flusses ist ein wahrer Garten, ein Dorf, ein Haus neben dem anderen, Oel-, Feigen-, Stachelfeigen-, Granaten-, Pfirsich-, Mandel-, Aprikosen-, Orangenbäume und Weinreben bilden ein liebliches Durcheinander.

Aber so entzückend die Gegend ist, so unheimlich fallt es auf, dass alle Welt nur bis an die Zähne bewaffnet ausgeht. Jeder Mann hat seine lange Flinte auf dem Rücken, sehr häufig sieht man hier auch schon Doppelflinten, welche vom Senegal hierher dringen: ausserdem hat Jeder seinen krummen Dolch mit meist aus Silber gearbeiteter Scheide.

Ich hatte eigentlich die Absicht nach dem Nun-District vorzudringen, aber die fortwährenden Fieberanfälle, dann das Verlangen wieder unter civilisirte Menschen zu kommen, endlich die Schilderung, die man in Agadir von einem gewissen Scherif Sidi-el-Hussein, der in der Sauya Sidi-Hammed- ben-Mussa residiren sollte und über dessen Gebiet ich kommen müsse, liessen mich davon abstehen. Man erzählte in Agadir die scheusslichsten Grausamkeiten von diesem Menschen, der sogar seinen eignen Bruder und Sohn hatte köpfen und vor Kurzem noch zwei spanische Renegaten hinrichten lassen. Das hinderte natürlich nicht, dass er im Rufe der grössten Heiligkeit steht, und gerade um die Zeit, als ich in Agadir mich befand, war die Hauptperiode der Wallfahrt nach seiner Sauya, man nennt diese Wallfahrtszeit "Mogor". Tausende von Leuten aus der ganzen Umgegend zogen nach der Sauya-Sidi-Hammed-ben-Mussa, um dem Abkömmling Mohammed's ihre Ersparnisse zu überbringen, wofür sie sodann den Segen und Ablass für ihre Sünden bekommen.

Ich vermuthe, dass Sidi-Hammed-ben-Mussa der auf der Petermann'schen Karte angegebene Ort Wesan ist oder, wie wir Deutschen ihn schreiben würden, Uesan. Denn häufig pflegten die Pilger zu sagen, sie zögen nach Uesan, und als ich dann meinte, da hätten sie doch einen weiten Weg, denn Uesan läge weiter entfernt und jenseits Fes', erwiederten sie, nicht nach Uesan Mulei Thaib's, sondern nach Uesan Sidi-Mohammed-ben-Mussa's wollten sie pilgern. Gatell, der nach mir bis zum Nun vordrang, erwähnt dieses Ortes nicht.

Wir hätten sicher am zweiten Tage die Stadt Tarudant erreichen können, da wir aber mit Nachforschungen nach dem gestohlenen Kameel viel Zeit verbrachten und erst Mittags aufbrachen, übernachteten wir noch ein Mal. Und an dem Tage wäre ich selbst fast ausgeplündert oder gar ermordet worden. Ich hatte mich etwas von der Karavane entfernt, als auf einmal zwei bewaffnete Männer mich anhielten, und während der eine fragte, was es Neues in Agadir gäbe, spannte der andere den Hahn seines Gewehres; sie hatten unstreitig die Absicht mich auszuplündern, als glücklicherweise zwei Leute der Karavane, auch bewaffnet und die ebenfalls zurückgeblieben waren, zu mir stiessen und mich so der Gefahr meiner Kleidungsstücke beraubt zu werden, überhoben. Zugleich bekam ich einen derben Verweis von ihnen, und sie verboten mir, mich wieder von der Karavane zu entfernen, da der Kaid von Agadir die Karavane verantwortlich gemacht für meine glückliche Ueberkunft nach Tarudant.