Das Gebirge wird immer höher, je weiter man nach Osten vordringt, obgleich man fortwährend in der Ebene bleibt. Unendlich viele leere Flussbetten, die nur im Frühjahr Wasser schwemmen, ziehen sich vom Atlas in den Sus hinein, aber nur ein einziger (auf der Petermann'schen Karte richtig eingetragen) einige Stunden westlich von Tarudant hat das ganze Jahr hindurch Wasser. Dieser Fluss ist wahrscheinlich der von Gatell erwähnte Ued-Eluar. Zu der Zeit, als ich ihn durchwatete, konnte ich seinen Namen nicht erfragen.

Abends machten wir Halt bei einem Hause, das zufälligerweise von Arabern bewohnt (die ganze Sus-Gegend hat durchaus Berberbevölkerung) war, die wenig oder gar nicht Schellah verstanden. Welch ein Unterschied im Empfange! Während uns am Abend vorher, als wir in einem grossen Dorfe übernachteten, Niemand etwas zu essen brachte, sondern wir gezwungen waren, uns selbst zu beköstigen, versorgte hier der Hausherr die ganze Karavane mit Speise auf die freigebigste Art. Und hier hatten wir wieder einen Beweis, dass Araber gastfreundlicher als Berber sind.

Am folgenden Morgen waren wir schon vor Sonnenaufgang wieder unterwegs, wir hatten heute nur einen halben Marsch zu machen, da wir Mittags in Tarudant eintreffen mussten. Rechts auf der linken Flussseite tauchte jetzt auch eine Bergkette auf, die, von Nordosten kommend, sich nach Südwesten hinzieht. Je näher wir der Stadt kamen, desto angebauter fanden wir die Gegend, obgleich vom ganzen Lande, wie überall, kaum der zwölfte Theil des Bodens nutzbar gemacht wird. Kurz vor Mittag fragten mich meine Gefährten, ob ich die Stadt nicht sähe; auf meine Verneinung zeigte man mir einen nahen Palmwald, hinzufügend: das sei die Stadt, aber die Gebäude könne man wegen der hohen Palmen und buschigen Olivenbäume nicht sehen. So war es auch in der That, fortwährend in einem Oelbaumwald fortmarschirend, befanden wir uns plötzlich vor den Thoren, ohne vorher das Geringste von den Gebäuden der Stadt wahrgenommen zu haben. Es war gerade Mittag, als wir das Stadtthor durchzogen; ich trennte mich hier von den freundlichen Leuten der Karavane, um ein Unterkommen zu suchen, und war auch so glücklich in einem Funduk ein Zimmerchen zu finden. Die Thür dieser Zelle war aber so niedrig, dass ein grosser Jagdhund kaum ohne zu schlüpfen, würde Eingang gefunden haben, und wenn ich auch der Länge nach mich ausstrecken konnte, so betrug die Breite doch kaum mehr als halbe Körperlänge. Statt der Möbeln bestand der Fussboden aus gut gestampftem Lehm.

Tarudant, zwei kleine Tagemärsche vom Ocean, fast am Fusse des südlichen Atlasabhanges[139], dessen südliche Vorberge bis fast zur Stadt stossen, liegt auf dem rechten Ufer des Sus, ca. eine Stunde vom Flusse selbst entfernt. Was die Einwohnerzahl anbetrifft, so vergleicht Renou dieselbe mit der von Tanger oder Lxor, Hemsö giebt dieselbe auf ca. 22,000 Seelen an, Lempriere, der selbst längere Zeit in Tarudant lebte, spricht sich nicht darüber ans. Die Stadt könnte indess wohl 30-40,000 Einwohner haben. Nach Renou erlangte die Stadt erst Wichtigkeit im Jahre 1516, zu welcher Zeit Schürfa sie neu aufbauten und beträchtlich vergrösserten. Aber auch hier machte ich wieder die Erfahrung, wie wenig man sich auf die Aussagen der Eingebornen verlassen kann. Man hatte mir Tarudant geschildert als eine Stadt, die man nur mit Fes oder Marokko vergleichen könne, sowohl was Grösse, als auch was die Einwohnerzahl anbeträfe. Ich fand den Umfang der Stadt nun allerdings gross, grösser als den von Fes, reichlich so gross wie den von Marokko, jedoch ist fast Alles, was innerhalb der Stadtmauer sich befindet, Garten. Diese Stadtmauer, in sehr verfallenem Zustande, hat durchschnittlich eine Höhe von 20 Fuss und an der Basis 4 oder 6 Fuss, ihre Breite ist oben da, wo sie noch die ursprüngliche Höhe bewahrt hat, 2 Fuss. Sie bildet eine unregelmässige Linie, ohne Plan und Kunst angelegt. Alle 50 Schritte werden die Zickzacke von Thürmen flankirt, die jedoch nicht höher als die Mauer selbst sind. Was das Material anbetrifft, aus dem sie sowie alle Häuser erbaut sind, so besteht dasselbe aus mit Häckerling gemischtem und zwischen zwei Brettern gegossenem Lehm, kann also europäischen Geschützen, keinen Widerstand leisten; auch Gräben sind nicht einmal vorhanden.

[Fußnote 139: Leo, Marmol und Lempriere drücken die Entfernung der Stadt vom Atlas in Zahlen aus, ohne bedacht zu haben, dass der Fuss des Gebirges bei Tarudant nicht steil, sondern allmälig sich absenkt, man also auch sagen könnte, Tarudant liege unmittelbar am Fusse des Gebirges.]

Die Stadt ist ein einziger grosser Garten, nur nach dem Centrum drängen sich die Häuser, welche meist nur aus einem Erdgeschoss bestehen, mehr zusammen, und hier befinden sich auch die Buden und Gewölbe, wo man arbeitet und verkauft, hier sind auch die Funduks. Moscheen giebt es eine grosse Anzahl, grössere jedoch, die ein Minaret haben, nur fünf. Die Hauptmoschee, Djemma-el-Kebira schlechtweg genannt, zeichnet sich durch nichts Besonderes aus. Den inneren grossen Hof derselben, in den man Orangen gepflanzt hat, umgeben ungemein plumpe Säulen, die eben so unförmliche Bogen tragen. Die zweite Hauptmoschee, fast eben so gross, ist dachlos, von den übrigen ist keine bedeutend. Ebenso habe ich in der ganzen Stadt kein einziges nur etwas geschmackvolles Gebäude gefunden.

Einen eigentlichen besonderen Handelszweig hat die Stadt nicht, man lobt die Lederarbeiten und Färbereien. Hauptgewerk ist Kupferschlägerei, indess beschränkt sich das bloss auf Kessel, auf kleine Geschirre und Sachen, wie sie von den Eingebornen hergestellt werden können. Aber wie ausgedehnt diese Manufactur ist, geht am besten daraus hervor, wenn ich anführe, dass diese kupfernen Geschirre bis Kuka, Kano und Timbuktu ausgeführt werden. Und wie ergiebig müssen erst die Kupferminen in der Nähe von Tarudant sein, wenn man bedenkt, auf wie primitive Art die Eingebornen dort eine solche Mine ausbeuten. Nach der Aussage der Eingebornen soll nicht nur dies Metall, sondern auch Gold, Silber, Eisen und Magneteisenstein in grosser Menge vorkommen. Alle übrigen Landesproducte sind wie in Agadir und im ganzen Sus-Lande sehr billig. Das Pfund Fleisch wird mit 2 Mosonen bezahlt, für eine Mosona erhält man 6-10 Eier und im Frühjahr noch mehrere.

Bei der Beschreibung von Tarudant kann ich nicht unerwähnt lassen, dass die einst so berühmten Zuckerplantagen heute nicht mehr existiren. Indess findet man in Marmol und Diego de Torres so glaubwürdige Angaben, dass an der einstigen Existenz der Zuckercultur nicht gezweifelt werden kann.

Als im 16. Jahrhundert die Dynastie der Schürfa Marokko neu umgestaltete, suchten sie vor allen Dingen sich in Tarudant festzusetzen. Es wurde Zucker um Tarudant gepflanzt und um einen Ausgangshafen für das Product zu gewinnen, unternahm der Scherif Mohammed die Belagerung von Santa Croce, damals den Portugiesen gehörend. 1536 war dieser Hafen in den Händen der Gläubigen. Ein Slami oder übergetretener Jude hatte unter der Zeit Mühlen in Tarudant errichtet und von dem Augenblick an war der Handel mit Zucker, wie Marmol als Augenzeuge berichtet, der ergiebigste von allen marokkanischen Handelszweigen.

Auch christliche Sklaven wurden nun zur Fabrikation von Zucker verwandt, und nicht nur aus Marokko oder aus den Sudanländern kamen Leute nach Tarudant, um Zucker zu kaufen, auch Europäer stellten sich ein, sobald sie erfuhren, dass man sie gut behandle. Der Ertrag ergab für den Sultan jährlich 7500 Metkal, eine für damalige Zeit grosse Summe.