[Fußnote 140: Siehe Petermann's Mitteilungen 1865, Tafel 6.]
Die nächsten Tage gingen vorüber, ohne dass sich etwas Besonderes ereignete, ich hatte jedoch grosse Mühe, diese anstrengenden Märsche mitzumachen, zumal mich eine erschöpfende Diarrhöe, durch die ungewohnte Nahrung hervorgerufen, befallen hatte. Die Leute mischten nämlich Mehl mit gestampften Datteln zu einem Teige, gossen etwas Oel hinzu, und roh wurde dies genossen, oder man ass auch, bloss mit Wasser vermischt, gestampfte Datteln. Dazu kam, dass wir manchmal sehr an Durst zu leiden hatten, denn die Thiere waren alle übermässig beladen, so dass man für Wasser keinen Platz hatte. Die schlimmste Strecke war die letzte. Wir waren noch einen guten Tag vom Draa entfernt und lagerten Abends in einem öden Thale. Um den Ued-Draa am folgenden Tage früh zu erreichen, brachen wir um Mitternacht auf. Unglücklicher Weise waren meine Schuhe gänzlich unbrauchbar geworden, die Sohlen waren abgefallen. Ich behalf mich damit, dass mir die Leute aus den Lederresten Sandalen zusammenflickten, welche mit Riemen an den Füssen befestigt wurden. Ueberhaupt tragen südlich vom Atlas fast alle Leute Sandalen. Für Einen, der nicht daran gewöhnt ist, ist es aber ein qualvolles Schuhzeug, da die Riemen gleich tief einschneiden. In der dunklen Nacht stiess ich nun jeden Augenblick gegen einen Stein, und es schien mir eine Ewigkeit bis die Morgenröthe anbrach. Als endlich der Tag anfing und wir frühstückten, hatten wir kaum das nöthige Wasser, aber die Aussicht, noch wenigstens einen halben Tagemarsch gehen zu müssen, ohne Hoffnung einen Brunnen oder Quelle anzutreffen. Gegen Mittag war mein Gaumen ganz trocken, und als wir endlich von Weitem die Palmen sahen, mit dem lachenden Grün der Orangen, Feigen, Granaten, Pfirsichen und Aprikosen darunter, glaubte ich, sie nicht erreichen zu können; erst um 4 Uhr Nachmittags waren wir im Dorfe Tanzetta, wo mehrere Leute unserer Karavane zu Hause waren. Mein Erstes war, meinen brennenden Durst zu löschen, ich trank wenigstens 3 Liter Wasser auf ein Mal.
15. Die Draa-Oase. Mordversuch auf den Reisenden. Ankunft in Algerien.
Vom ewigen Schnee des Atlas gespeist, hat der Ued-Draa, der längste der marokkanischen Ströme, Veranlassung zu einer der schönsten Oasenbildungen gegeben, wie man sie überhaupt nur in der Sahara findet. Denn nur da, wo überirdisch immer rieselndes Wasser ist, bildet sich so üppige Vegetation und gedeihen die Fruchtbäume, die das glückliche Klima des Mittelmeerbeckens hervorbringt. Und wenn man nach tagelangen Märschen durch die steinigte und vegetationslose brennende Wüste, jenes lachende Grün erblickt, wie es sich frisch unter dem schirmenden Dache hochstämmiger Palmen entwickelt, dann vergisst man fast die Mühen und Beschwerlichkeiten einer Fussreise durch die Wüste, denn man glaubt eine der Inseln der Glückseligen erreicht zu haben.
Der bewohnteste und fruchtbare Theil des Ued-Draa ist das vom Gebirge nach dem Süden zu laufende Flussthal, sobald der Draa nach dem Westen umbiegt, d.h. etwa unter dem 29° N. B. fängt er an unbewohnt und unfruchtbar zu werden. Es hat das seinen Grund darin, weil die vom Atlas kommenden Gewässer ständig nur bis zu dem Punkte fliessen, den atlantischen Ocean aber nur ein Mal im Jahr, nach der grossen Schneeschmelze des Gebirges, erreichen. Ist der Draa-Fluss aus dem sonderbar geformten Gebirgslande, welches südwärts vom Atlasgebirge, unabhängig von diesem, liegt, heraus, dann durchströmt er sein mehr oder weniger breites Thal, welches er sich selbst geschaffen hat. Aber auch hier sind die Ufer und Bänke des ursprünglichen Flussthales manchmal so hoch, so sonderbar geformt, dass man, vom Flussbette aus gesehen, sie für zwei nach Süden streichende paralell laufende Gebirge halten könnte. Einmal und zwar ziemlich in der Mitte des von Norden nach Süden laufenden Flusses erhebt sich aber ein wirklicher Berg, der Sagora, auf dem linken Ufer des Ued-Draa. Dass der grosse Debaya weiter nichts ist als ein Sebcha und nur zeitweise ein See genannt werden darf, wage ich Renou und Delaporte gegenüber aufrecht zu erhalten. Renou sagt p. 180: "ce grand lac d'eau clouce est remplie de poissons et les indigènes naviguent dessus et y font la pêche d'après Mr. Delaporte."—Ich will nicht in Abrede stellen, dass der Debaya sich ein Mal im Jahre mit Wasser füllt, ich will ebenfalls nicht bezweifeln, dass er zu der Zeit ohne Fische sei, dass er mit Schiffchen befahren werde, aber das dauert nur eine kurze Zeit, vielleicht nur einige Wochen; so rasch, so gewaltig die Gewässer vom Atlas herabbrausen, so rasch und schnell eilen sie dem Ocean zu. Und wenn diese ausserordentlichen Schwemmungen den Debaya nicht mehr erreichen, so trocknet er rasch aus, wird Sebcha und zuletzt vielleicht weiter nichts als eine grosse Einsenkung.
Es liegen ausserordentlich wenig sichere Nachrichten über die Draa-Gegend vor. Freilich als solche wird dieselbe schon im Mittelalter genannt. Aber darauf, dass man die Draa Landschaft nennt, höchstens noch eine Ortschaft derselben notirt, beschränkt sich auch Alles. Leo hebt nur den Ort Beni-Sabih hervor, offenbar die grosse von mir besuchte Ortschaft Beni- Sbih in der südlichen Provinz Ktaua. Marmol führt die Stadt Quiteoa (offenbar Ktaua) an, er nennt auch Tinzeda, welches wohl mein Tanzetta ist. Ferner nennt er die Oerter Taragale, Tinzulin (die Provinz Tunsulin von mir), Tamegrut, Tabernost, Afra und Timesquit (wohl Mesgeta). Delaporte kennt ebenfalls Quiteoa. Mouette nennt einen Berg, den Lafera oder den höhlenreichen Berg, Marmol nennt diesen Berg Taragale oder Taragalt, und es ist dies jedenfalls der Berg, der mir von den Eingebornen als der Dj. Sagora bezeichnet wurde[141]. Es ist das das Hauptsächlichste, was vom Draalande bekannt war, denn Caillié streifte auch nur die südöstlichste Umbugsecke des Thales, beim Orte Mimmssina.
Das Draa-Land zerfällt vom Norden nach dem Süden (ich spreche immer nur von dem bewohnten Theile, der sich nach Süden bis zu dem Punkte erstreckt, wo der Draa nach dem Westen umbiegend seinen Lauf ändert) in fünf Provinzen: die nördlichste Mesgeta, dann Tinsulin oder Tunsulin (Tinjulen), drittens Ternetta, viertens Fesuoata und endlich die südlichste und grösste Provinz Ktaua. Obschon in der Provinz Ternetta ein Kaid des Sultans residirt, also eine Regierung von Marokko aus eingesetzt ist, so existirt dieselbe bloss als nominal. Das Ansehen des Kaid und seiner Maghaseni geht wohl nicht über seinen Wohnort hinaus. Die ganze Gegend im Draa-Gebiete ist derart, dass jede einzelne Ortschaft unabhängig von der anderen ist, und jede Gemeinde durch ihren Schich dem die Djemma, (Versammlung der ältesten und angesehensten Männer) zur Seite steht, regiert wird. Selbst nicht einmal die einzelnen Provinzen haben eine eigene gemeinsame Regierung. Als Hauptort oder Hauptstadt des Draa-Landes kann man Tamagrut bezeichnen, aber auch nur insofern, als hier eine berühmte religiöse Genossenschaft, eine Sauya sich befindet. Aber keineswegs ist Tamagrut eine officielle Hauptstadt, auch nicht einmal was Einwohnerzahl anbetrifft die erste. Die grösste Ortschaft im Draa-Thale ist die in Ktaua gelegene Stadt Beni-Sbih.
Sämmtliche Ortschaften sind mit einer hohen Thonmauer umgeben, einzelne haben auch noch mehr oder weniger breite und tiefe Gräben. Alle haben wenigstens eine Moschee, die grösseren auch mehrere. Die Häuser, von gestampftem Thon erbaut, haben im Innern einen meist geräumigen Hofraum, haben alle ein flaches Dach und meistens ein Erdgeschoss und ein Stockwerk. Im Erdgeschoss verwahrt man das Vieh, und oben halten sich die Menschen auf. Die Strassen in den Ortschaften sind schmal, staubig und voller Unrath, obwohl auch hier wie in Tafilet und Tuat überall öffentliche Latrinen zahlreich vorhanden sind. Die Palmgärten, welche alle wohl eingefriedigt sind durch hohe Thonmauern, erhalten ihre Berieselung durch den ewig strömenden Ued-Draa, und da das Wasser sehr reichlich vorhanden ist, so hat man keine Zeitbestimmung über die Vertheilung des Wassers zu treffen nöthig gehabt. Die Datteln, welche in der Draa-Oase producirt werden, gehören zu den vorzüglichsten der ganzen Sahara, und da sie kein anderes Absatzgebiet dafür haben als nach Marokko, das überdies noch von Tafilet und Tuat und anderen kleinen Oasen seinen Dattelbedarf bezieht, so sind sie äusserst billig, in guten Jahren verkäuft [verkauft] man eine Kameelladung (ca. 3 Centner) für einen halben Thaler. Der Getreidebedarf muss indess von aussen bezogen werden, das was die Eingebornen bauen, reicht nicht hin sie zu ernähren, obschon das ganze Jahr hindurch gepflanzt und geerntet wird. Es kommt das deshalb, weil ein groser [grosser] Theil der Gärten nur zum Gemüsebau, Kohl, Rüben, Carotten, Zwiebeln, Pfeffer, Knoblauch, Tomaten, Melonen etc. verwandt wird, und weil die grösste und schönste Provinz, Ktaua, derart von Süssholz (Glycirrhiza) überwuchert ist dass dies fast den ganzen fruchtbaren Boden unter den Palmen einnimmt.
Das Thierreich bietet nichts Besonderes da, das Schaf ist in den südlichen Provinzen von Ternetta an ohne Wolle, Pferde, Esel, Maulthiere und Ziegen sind gut und von derselben Art wie in Marokko, Rinder sind sehr selten. Von Vögeln hat man wild die Taube, Sperlinge, Schwalben, dann einen reizenden kleinen Vogel, ebenfalls zu den Sperlingen gehörend, aber mit buntem Gefieder und hübscher Stimme. Die Eingebornen nennen ihn Marabut (der Heilige) und man findet ihn frei, aber zahm in jedem Hause, jeder Oase südlich vom grossen Atlas.