Was die Bevölkerung anbetrifft, deren Zahl auf 250,000[142] Seelen sich belaufen kann, so nennt man sie Draui. Der Mehrzahl nach sind sie Berber: die Araber, vornehmlich Schürfa, leben nur vereinzelt in Ksors. Zu erwähnen sind noch die in Palmhütten lebenden Beni-Mhammed, reine Araber ihrer Abkunft nach, sie sind durchs ganze Draa-Thal zerstreut in kleinen Gemeinschaften von wenigen Familien anzutreffen. Auch einige Berberstämme haben diese Art des Wohnens in Palmhütten. Während die Araber, welche diese Oase bewohnen, vorzugsweise Schürfa, Marabutin und vom Stamme der Beni- Mhammed sind, gehören die Berber fast alle der grossen Fraction der Ait- Atta an.

[Fußnote 142: In Petermann's Mittheilungen ist die Zahl der Bevölkerung in meinem Berichte zu 25,000 angegeben: ein Schreibfehler meines Manuscriptes.]

Der Neger, der natürlich auch zahlreich vertreten ist, hat auf die grosse Menge der Bevölkerung wenig Einfluss gehabt, aber der Draaberber, wenn er es auch nicht liebt, sich mit dem Schwarzen zu vermischen, hat doch unmerklich Negerblut aufgenommen, dann haben Sonne und Staub das Ihrige dazu beigetragen der Hautfarbe eine dunkle Färbung zu gehen. Die Schwarzen, welche man im Draa antrifft, sind meistens von Haussa und Bambara, auch Sonrhai-Neger sind nicht selten.

Die in einigen Ksors ansässigen Juden leben hier nicht in derselben unterdrückten und ausgestossenen Weise wie im übrigen Marokko, obschon sie auch hier sich manche Vexationen gefallen lassen müssen. Sie sind hier weniger dem Handel zugethan, vertreten hingegen mehr den eigentlichen Handwerkerstand. Büchsenschmiederei, Blechschlägerei, Tischlerarbeit, Schneiderei und Schusterei sind ihre hauptsächlichsten Beschäftigungen. Und eben weil sie durch diese Handwerke den Draa-Bewohnern unentbehrlich geworden sind, werden sie weniger gequält. Nach dem heiligen Ort Tamagrut dürfen sie indess nicht hinkommen, nicht einmal den dort ausserhalb der Stadt abgehaltenen Wochenmarkt besuchen. Aber damit sie die Strenge dieser Maassregel weniger fühlen, hat man doch die Rücksicht gehabt, den Markttag für Tamagrut auf einen Samstag zu verlegen, Tag, wo es den Juden ohne das untersagt ist zu handeln und zu verkaufen.

Ausser der Sprache bemerkt man, was das Aeussere (abgesehen natürlich von den Schwarzen) anbetrifft, zwischen den Draui keinen Unterschied, wäre dieser nicht, würde man glauben, das Land sei von einem Volke bewohnt. Die Lebensweise der Bewohner ist äusserst einfach. Morgens wird eine dünne heisse und stark gepfefferte Mehlsuppe mit Datteln gegessen, Mittags und Nachmittags Datteln, wozu die Reichen ungesalzene Butter nehmen, auch Buttermilch dazu trinken, während der Arme bloss Wasser zum Trunk hat, und Abends ist Kuskussu die allgemein übliche Kost. So lebt der Draui täglich und Jahr aus Jahr ein.

Tanzetta, Ort wo ich zuerst ankam, ist wie alle Ortschaften durch eine hohe Mauer umgeben und befestigt. Nördlich dicht dabei liegt der nur von Schürfa (Abkömmlinge Mohammed's) bewohnte Ort Alt-Tanzetta, und ausserhalb von Alt- Tanzetta ist eine Milha (Judenviertel). Eine halbe Stunde südlich von Tanzetta liegt der grosse Ort Sauya-Sidi-Barca, und dicht dabei erhebt sich der sonderbar geformte und unter den Draa-Bewohnern sehr berühmte Berg Sagora, berühmt, weil er eine Höhle enthält, in welcher in der Vorzeit die Christen einen grossen Schatz verborgen hätten, den bis jetzt noch Niemand gehoben. Der Sagora bildet gerade die Mitte des Draa-Landes oder Draa- Thales (d.h. des von Nord nach Süd laufenden Stromtheiles), und er ist ein wirklicher Berg, nicht nur eine Erhöhung des Ufers.

Nach einem Aufenthalte von acht Tagen brach ich von Tanzetta nach dem Süden auf, um nach dem berühmten Hauptorte, dem heiligen Tamagrut, Oertlichkeit, die nur eine kleine Tagereise südlich von Tanzetta liegt, zu kommen. Ich hatte Begleitung, was mir schon deshalb lieb war, da ich mich mit der berberischen Bevölkerung gar nicht verständlich machen konnte. Da eine ausserordentliche Hitze herrschte, machten wir den Weg in zwei Tagen, und blieben am ersten Tage in einem grossen Ksor, von Berbern bewohnt, Namens Alaudra. Der Weg folgte nicht den Krümmungen des Flusses, sondern lief gerade südwärts, und so befanden wir uns bald in steiniger Wüste, bald in einem lachenden Thale. Mittags erreichten wir am anderen Tage Tamagrut, das sich nur durch seine Grösse, und dadurch, dass ein beständiger Markt darin gehalten wird, von den übrigen Ortschaften unterscheidet. Die Sauya, nach Sidi-Hammed-ben-Nasser genannt, ist eine der grössten, die ich gesehen habe.

Sidi-Hammed-ben-Nasser war ein berühmter Heiliger, aber kein Nachkomme Mohammed's. Dafür hatte Allah ihm die Gabe verliehen, in der eignen Sprache der Thiere mit den Thieren sich unterhalten zu können (nach dem Glauben der Marokkaner konnte das vor ihm nur Sultan Salomon, dann Harun al Raschid und Djaffer sein Minister); aber leider hat diese grosse Gabe auf seine Nachkommen sich nicht vererbt. Wenigstens kann ich constatiren, dass die Urenkel weder mit dem Kameele, noch mit dem Pferde oder anderen Thieren sich unterhalten konnten.

Ich habe an anderer Stelle entwickelt, dass die Mohammedaner einen grossen Vorzug vor uns Christen haben: dass ihre Heiligen schon häufig bei Lebzeiten heilig gesprochen werden, dass ihre Heiligen heirathen dürfen, dass die Kinder und Nachkommen solcher Heiligen auch für heilig erachtet werden, ja, dass das Heiligsein bei den Mohammedanern wachsend ist, d.h. dass die Nachkommen solcher Heiligen für heiliger erachtet werden, als die Vorfahren selbst.

Aber hat man im Christenthum nicht ganz dasselbe. Sind auch die Päpste nicht fleischliche Nachkommen Christi, so folgt doch einer dem anderen als geistiger Erbe, und verfolgt man vom ersten Bischof in Rom, die zunehmende Macht und Heiligkeit bis zum letzten jetzt regierenden, der sich Gott gleich gestellt hat durch seine Unfehlbarkeit, so findet man, dass wir doch nicht so sehr hinter der anderen semitischen Schwesterreligion zurückstehen. Und ist es in den anderen christlichen Bekenntnissen nicht ebenso?