Dieser Mulei Abd-er-Khaman-ben-Sliman lebte jetzt in Tafilet, und ihm, in seiner Eigenschaft als Prinz und seinem unfehlbaren Charakter als Scherif— ihm war es ein Leichtes das tobende Volk zu besänftigen. Es könnte befremdend erscheinen, dass dieser geächtete und vom Throne ausgestossene Prinz so friedlich an der Seite des Kaids des Sultans stand, aber man muss bedenken, dass die Regierung von Marokko südlich vom Atlas nur eine Scheinregierung ist, und namentlich dieselbe in Tafilet gar keine Autorität besitzt.
Der Prinz fasste für mich Freundschaft, und diese wuchs noch, als sich herausstellte, dass ich in der Campagne der Franzosen gegen die Beni- Snassen 1859 schon seinen ältesten Sohn, der ebenfalls Abd-er-Rhaman hiess, kennen gelernt hatte. Derselbe war dahin gekommen, um die Hülfe des französischen Generals Martimprey gegen seinen Verwandten, der den Thron von Fes usurpirt hatte, anzurufen; Martimprey lehnte selbstverständlich jede Einmischung in die inneren Angelegenheiten Marokko's ab. Ich blieb längere Zeit bei dieser gastfreundlichen Familie, die für gewöhnlich in Marka, Provinz Ertib der Oase Tafilet[144], wohnt, und sodann bereitete ich mich vor, meine Reise zu vollenden.
[Fußnote 144: Die Beschreibung von Tafilet ist in "Uebersteigung des Atlas etc.", Bremen Kühtmann, 2te Auflage, und in Petermann's Mittheilungen, Jahrgang 1865.]
Ich hatte im Laufe der Zeit durch Prakticiren wieder einiges Geld zusammengebracht, allerdings durch mühsames Sparen, denn die ärztliche Praxis muss in Marokko und namentlich in den regierungslosen Theilen ganz anders ausgeübt werden, als bei uns. Namentlich muss sich der Arzt, der keine starke Sippe oder Verwandtschaft hinter sich hat, wohl hüten, einem Patienten eine Medicin zum inneren Gebrauche zu verabfolgen, denn hat er das Unglück sodann einen Kranken durch den Tod zu verlieren, so ist entweder die Medicin, oder der Arzt die Ursache davon gewesen; andererseits hat der Arzt aber von wirklich guter Medicin gar nicht einmal den erhofften Erfolg, denn gesundet ein Kranker, dann haben weder die Medicin noch der Arzt geholfen, sondern irgend ein Heiliger, auch wohl Mohammed, in seltneren Fällen Gott[145], dies Wunder bewirkt. Es ist daher am besten die Praxis so auszuüben, wie es landesüblich ist: durch Feuer und Amulette.
[Fußnote 145: In dieser Beziehung haben die Mohammedaner viel Aehnlichkeit mit den Katholiken: bei einem Wunder denken sie zumeist an einen Heiligen, seltener an ihren Propheten, in den seltensten Fällen an Gott.]
Mit einer Karavane machte ich mich sodann auf den Weg und zwei Tage nach unserem Aufbruche von Ertib erreichten wir die nordöstlich davon gelegene Oase Budeneb. Wir blieben hier nur einen Tag, und am folgenden Tage Abends erreichten wir die Oase Boanan, den ganzen Weg hatten wir ebenfalls in nordöstlicher Richtung zurückgelegt. Mit einem Empfehlungsbriefe vom obengenannten marokkanischen Prinzen für den Schich der Oase versehen, kehrte ich bei ihm ein, und wurde auch gastfreundlich empfangen. Der Schich hiess Thaleb Mohammed-ben-Abd-Allah.
Zehn Tage lang war ich sein Gast, und täglich assen wir aus Einer Schüssel. Ich hatte dort einen so langen Aufenthalt, weil Thaleb Mohammed der Meinung war, ich solle nur mit einer grösseren Karavane weiter reisen, da je näher der algerinischen Grenze, desto unsicherer der Weg sei. Zu der Zeit nun lebte ich noch in den Illusionen, wie man dieselben so häufig durch Bücher solcher Reisenden genährt bekommt, die nur einen oberflächlichen Blick in das Leben der Mohammedaner geworfen haben und uns erzählen, wer mit einem Muselman aus Einer Schüssel gegessen habe, für heilig und unverletzlich gehalten werde. Zu der Zeit glaubte ich noch an die Heiligkeit des Gastrechtes. Und hierdurch unvorsichtig gemacht; liess ich eines Tages mein Geld sehen. Im Ganzen mochte ich ca. 60 französische Thaler haben. Aber auch für einige Thaler marokkanisches Kleingeld war darunter, welches ich den Schich bat, gegen französisches umzutauschen, da ich wusste, dass ersteres in Algerien keinen Cours hatte.
Thaleb Mohammed wechselte, aber von dem Augenblick an musste er auch schon den Entschluss gefasst haben, mich zu ermorden. Jetzt war nicht mehr die Rede davon eine Karavane abzuwarten, er meinte nun, mit Hülfe seines Dieners, der ganz gut als Führer würde dienen können, könne ich auch ohne Karavane die nur zwei Tagemärsche entfernte Oase Knetsa erreichen. Er fügte noch hinzu, ich könne mich vollkommen auf seinen Diener verlassen, und der Preis für das Führen, 8 Frcs., wurde von mir im Voraus bezahlt.
Mit Freuden war ich auf den Voschlag [Vorschlag] eingegangen, denn nach mehr als zweijähriger Anwesenheit unter diesen durch ihre Religion verthierten Menschen hatte ich die grösste Sehnsucht wieder unter Civilisation zu kommen. Ich fand es auch gar nicht auffällig, als Thaleb Mohammed vorschlug, Abends abzureisen, da man in der Sahara ja so häufig die Nacht zu Hülfe nimmt, um der Sonne zu entgehen, und um vom Durste minder gequält zu werden.
So machten wir uns Abends auf den Weg, der Führer, ein Diener und ich. Es hatte sich nämlich vom Draa her ein Pilger an mich angeschlossen, der gegen Kost, aber sonst ohne Lohn, in ein Dienstverhältniss zu mir getreten war. Nach einem Marsche von etwa 4 Stunden lagerten wir in der Nähe eines kleinen Flusses und machten von trocknen Tamarisken-Aesten ein hoch und hell loderndes Feuer an, welches der Führer besonders gut im Brennen unterhielt, um damit seinem Herrn den Ort zu zeigen, wo wir gelagert wären. Mein Diener und ich beim Feuer ausgestreckt, waren bald eingeschlafen, ebenso schien der Führer sich der Ruhe hinzugeben. Ausser dass ich eine Pistole trug, hatte der Diener und ich keine Waffen, der Führer hatte einen Karabiner. Wie lange ich geschlafen, erinnere ich nicht. Als ich erwachte, stand der Schich der Oase dicht über mich gebeugt vor mir, die rauchende Mündung seiner langen Flinte war noch auf meine Brust gerichtet. Er hatte aber nicht, wie er wohl beabsichtigt hatte, mein Herz getroffen, sondern nur meinen linken Oberarm zerschmettert; im Begriff mit der Rechten meine Pistole zu ergreifen, hieb nun der Schich mit seinem Säbel meine rechte Hand auseinander. Von dem Augenblick sank ich auch schon durch das aus dem linken Arm in Strömen entquellende Blut, wie todt zusammen. Mein Diener rettete sich durch Flucht.