Als ich am folgenden Morgen zu mir kam, fand ich mich allein, mit 9 Wunden, denn auch noch, als ich schon bewusstlos dalag, mussten diese Unmenschen, um mich ihrer Meinung nach vollkommen zu tödten, auf mich geschossen und eingehauen haben. Meine sämmtlichen Sachen, mit Ausnahme der blutdurchtränkten Kleider, hatten sie weggenommen. Obgleich das Wasser nicht weit von mir entfernt war, konnte ich es nicht erreichen, ich war zu entkräftet, um mich zu erheben, ich versuchte mich hinzurollen, Alles vergebens, ich litt entsetzlich vom brennenden Durste.

In dieser hülflosen Lage blieb ich zwei Tage und zwei Nächte. Halb war mein Zustand wachend, halb ohnmächtig. Ich hatte dann die schrecklichsten Visionen. Manchmal glaubte ich Leute zu sehen, und strengte nun alle Kräfte an, um sie herbeizurufen, aber immer war es Täuschung. Mit dem Leben hatte ich vollkommen abgeschlossen. Hauptsächlich quälte mich die fürchterlichste Angst von Hyänen oder Schakalen angefallen und lebendig verzehrt zu werden. Denn diese Uebergangsgegend der Sahara ist besonders das Gebiet dieser feigen Raubthiere. Ich wäre ihnen eine vollkommen hülflose Beute geworden.

Endlich am dritten Tage kamen zwei Menschen. War es diesmal Wirklichkeit, oder wieder Täuschung? Nein, es waren Menschen, sie antworteten auf mein schwaches Rufen durch Winken, mit der Stimme. Es waren Marabutin der unfernen kleinen Sauya Hadjui. Ihre Freude mich lebend anzutreffen, war fast grösser als die meine. Ich stammelte nur "el ma, el ma!" (Wasser). Aber, dachte ich dann, ist ihre Freude auch aufrichtig? Sie hatten eiserne Hacken auf der Schulter, offenbar in der Absicht mich zu beerdigen, aber hauptsächlich waren sie wohl durch den Umstand hergezogen, der jedenfalls ruchbar geworden war: nämlich dass man mir meine Kleidungsstücke gelassen hatte, für die dortige so sehr arme Gegend immer noch ein sehr kostbarer Gegenstand.

Und nun erklärten sie zwar freundlichst mich retten zu wollen, aber sie müssten nach dem zwei Stunden entfernten Hadjui zurückkehren, um behuf meines Transportes ein Maulthier zu holen. So entfernten sie sich wieder, und jetzt durchlebte ich erst die entsetzlichste Zeit.

Diese vier Stunden, die ich jetzt allein zubrachte, kamen mir vor, wie eine nie enden wollende Ewigkeit. "Sie haben dich nur verlassen, um dich sterben zu lassen, und um, wenn du gestorben bist, sich deiner Kleidungsstücke zu bemächtigen", das war der Gedanke, der fortwährend durchgedacht wurde, nachdem ich soeben durch einen Trunk Wasser zu etwas erneuertem Leben gekommen war. Wie konnte ich überhaupt nach einem solchen Mordversuche noch Glauben zu den dortigen Menschen haben.

Da endlich hörte ich Geräusch, ich versuchte den Kopf zu erheben, ich sah ein starkes Maulthier, getrieben von mehreren Menschen, sich nähern, meine Retter waren wieder da. Mit Vorsicht luden sie mich auf das Thier, was keine Kleinigkeit war, da mein linker Arm nur noch an Haut und Muskeln hing, meine rechte Hand auseinanderklaffte, mein rechter Oberschenkel ebenfalls durchschossen war. Das Bluten hatte schon längst von selbst aufgehört, es mussten sich Pfröpfe gebildet oder die Ohnmachten das bewirkt haben.

Wie lachte mein Herz, als ich die Palmen von Hadjui auftauchen sah, und doch wusste ich nicht, wie ich vor Schmerzen auf dem Maulthiere es würde aushalten können. Und die wenigen Palmen, die wenigen armseligen Häuser[146] schienen mir ein Paradies zu sein.

[Fußnote 146: Die Oase Hadjui ist nur eine ganz kleine von circa 100 Palmen bestandene Insel, mit etwa 50 Wohnungen.]

Ich wurde nach der Wohnung des Schichs der Oase gebracht. Das Haus Sidi- Laschmy's war aber keineswegs gross, es bestand aus einem Vorzimmer, Aufenthaltsort für das Maulthier, für einen Esel und zwei Ziegen, dann kam ein grösseres Gemach, das als Wohnzimmer für die ganze Familie und zugleich als Küche diente. Daran stiess ein kleines Zimmer, Vorrathskammer, endlich waren oben zwei Mensa, d.h. Räumlichkeiten, die auf dem flachen Dache gebaut waren, und worin die beiden Brüder, denn Sidi-Laschmy bewohnte das Haus mit seinem jüngeren Bruder Abd-er-Rhaman, mit ihrer resp. Frau schliefen. Man machte mir dicht neben der Feuerstelle mein Lager. Mein erster Wunsch war, nachdem ich etwas Mehlsuppe genossen hatte, nach einem Messer, und als man ein solches brachte, bat ich Sidi-Laschmy, mit einem herzhaften Schnitt meinen herabhängenden Arm abzuschneiden.

Aber da kam ich schlecht an. "Das kann bei euch Christen Sitte sein," sagte der Marabut, "aber wir schneiden nie ein Glied ab, und da du, der Höchste sei gelobt, jetzt rechtgläubig bist, wirst du deinen Arm behalten." Mittlerweile hatten sie auch schon aus Ziegenfell eine Binde genäht, in welche Stäbe aus Rohr, um dem Ganzen Halt zu geben, eingezogen waren. Diese Binde wurde umgelegt, mit Thon umschmiert, und so eine Art festen Verbandes hergestellt. Der Arm wurde auf weissen Wüstensand gebettet. Hätte man nicht vergessen gehabt, den Verband zu fenstern, so wäre er vollkommen gewesen. Die übrigen Wunden wurden einfach mit Baumwolle verbunden, welche von Butter, in welche man vorher Artemisia getaucht hatte, um sie aromatisch zu machen, durchtränkt war.