Welch' wonniges Gefühl hatte ich Abends, als ich mich unter Dach und Fach wusste, zwar hart gebettet, denn ich lag auf Stroh und war nur mit Teppichen bedeckt, aber doch in Sicherheit mit der Aussicht wieder hergestellt zu werden und noch leben zu können. Man hatte mir meine Kleidung vom Leibe geschnitten, um das Blut heraus zu waschen, aber während der Zeit befand ich mich in Adam's Kleidern, denn die Leute waren so arm, dass sie mir keine anderen verschaffen konnten. Ueberhaupt schien Hadjui einer der dürftigsten Oerter zu sein, die Leute der Oase waren aber auch die gastfreundlichsten der Welt. Sie waren so arm, dass sie in der ganzen Ortschaft nicht einmal Weizen hatten, aber im Glauben, ich dürfe ihre schwere Kost aus Gerstenmehl nicht geniessen, wurde für mich auf Gemeindekosten Weizen von einer anderen Oase gekauft. Auch Butter wurde für mich auf Gemeindekosten geholt, und die jungen Leute mussten dann und wann hinaus, um Strausseneier zu suchen, oder wo möglich einen Strauss zu erlegen, damit ich animalische Kost bekäme. Es war rührend, wie die jungen Mädchen täglich an mein Lager kamen, um mir frisch aufgesprossene Gerste zu bringen. In dieser an Grün so armen Gegend, wo Gemüse, wie Rüben, Zwiebeln und Kohl zu den feinsten und kostbarsten Gartentrüchten [Gartenfrüchten] gerechnet werden, verschmäht man es nicht, das zarte Gras der Gerste zu geniessen.—Ja, fast erstickten mich im Anfange die Frauen durch ihre Güte: von dem Grundsatze ausgehend, dass der grosse Blutverlust nur durch grosse Quantitäten von Nahrung zu ersetzen sei, waren in den ersten Tagen beständig zwei Frauen an meiner Seite damit beschäftigt, mir grosse Klumpen Kuskussu in den Mund zu schieben, und ich, des Gebrauches meiner beiden Hände zu der Zeit beraubt, musste es ruhig geschehen lassen.

Endlich nach langem Schmerzenslager, um so unangenehmer deshalb, weil ich keine Kleidungsstücke zum Wechseln hatte, konnte ich das Ende meiner Reise antreten. Die Wunden am Körper, an den rechten Hand, der Schuss durchs rechte Bein waren geheilt, der zerschossen gewesene linke Arm hatte zwar durch Callusbildung um den zerschmetterten Oberarmknochen Festigkeit gewonnen, aber die Wunden waren offen und von Zeit zu Zeit eiterten Splitter[147] heraus.

[Fußnote 147: Erst im Jahre 1868 war der Arm vollständig geheilt, nachdem ich stets mit offenen Wunden, die Reise nach dem Tschad-See und die Expedition nach Abessinien damit zurückgelegt hatte.]

Wir nahmen Abschied von einander und Sidi-Laschmy liess es sich nicht nehmen, mich bis zur grossen Ortschaft Knetsa zu begleiten. Auf dem Wege dahin haben die Beni-Sithe Minen mit Blei und Antimon, die sie bearbeiten. Knetsa mit einer Einwohnerschaft von ca. 5000 Seelen ist eine für dortige Gegend berühmte Sauya, indess ebenfalls nicht von Schürfa, sondern nur von Marabutin gegründet. Die Schichs Sidi Mohammed-ben-Abd-Allah und Sidi Ibrahim sind die ansehensten. Da ersterer sich in Fes befand, stieg ich bei letzterem ab, für beide hatte ich Empfehlungsschreiben von Mulei Abd-er- Rhaman-ben-Sïiman von Tafilet. Merkwürdigerweise hatte mir nämlich der Schich Thaleb Mohammed-ben-Abd-Allah von Boanan auf Bitten der Marabutin von Hadjui nicht nur meine Empfehlungsbriefe, sondern auch einen Theil meines Tagebuches zurückerstattet. Aber hartnäckig den Mordanfall läugnend, behauptete er, diese Gegenstände dort gefunden zu haben, leider waren Croquis, sowie Notizen über Einwohner, Einwohnerzahl der Ortschaften und eine ganze Reihe von Berge-, Flüsse- und Orts-Namen unwiederbringlich verloren.

Ich wurde gut in Knetsa aufgenommen, aber auf meine Klage, mich zu unterstützen gegen Thaleb Mo-hammed-ben-Abd-Allah, erwiederte Sidi Ibrahim, Nichts thun zu können, da sie keine obrigkeitliche Regierung hätten. In der That ist in diesen Gegenden von Regierung und Obrigkeit keine Spur vorhanden, das Faustrecht in der ganzen primitiven Bedeutung des Wortes herrscht überall. Knetsa selbst liegt in einem breiten Ued gleichen Namens, der meist oberirdisch ohne Wasser ist, indess stöst [stösst] man in geringer Tiefe auf eine Schicht desselben.

Nach einigen Tagen Aufenthalt vernahm ich, dass eine Karavane von Tafilet nach Tlemçen den westlich einen Tagemarsch entfernt sich erstreckenden Ued- Gehr passiren würde; mit mehreren Gefährten brachen wir also von Knetsa auf. Unsere Richtung war den ganzen Tag über westlich, und nach einem für mich entsetzlich mühevollen Marsche erreichten wir spät Abends den Gehr. Hätten an dem Tage die Gefährten mich nicht unterstützt, so wäre ich auf halbem Wege liegen geblieben; mein Schuhzeug war ganz zerrissen, meine Kräfte aber so wenig hergestellt, dass ich alle paar hundert Schritt ausruhen musste. Und am Gehr angekommen, erfuhr ich, die Karavane würde gar nicht nach Tlemçen gehen, sondern nach dem Ued-Ssaura. Ich musste also nach Knetsa zurück, aber bald darauf traf ich denn auch Leute, die nach der Oase Figig reisen wollten.

Sobald man Tafilet hinter sich hat, hört die eigentliche Sahara auf. Man hat alle Tage Wasser, Flüsse, Brunnen und Ortschaften. Aber nirgends hat die Gegend einen eigenthümlicheren, wild durch einander gemischten Charakter wie hier. Selbst in Abessinien, obschon dort die Berge mächtiger und bedeutend höher sind, man aber nur Berge hat, giebt es kaum wunderlichere Formen. So sieht man auf dem Wege zwischen Hadjui und Knetsa einen Berg, der vollkommen die Gestalt einer Kirche mit daneben stehendem Thurm hat, senkrecht aus der Ebene hervorragen. Als ich von Weitem diese eigenthümliche Formation erblickte, glaubte ich zuerst, es sei eine alte kolossale Baute ehemaliger Christen. Hier ist denn auch die Heimath der Antilopen, Gazellen und Strausse, grössere reissende Thiere sind sehr selten, Hyänen, Füchse und Schakale häufig.

Man braucht von Knetsa nach Figig drei Tagemärsche, die aber tüchtig gemessen sind. Meine Gefährten gingen indess nur bis zum Orte Bu- Schar[148], einer kleinen Oase am Flusse gl. N., von den Uled Djerir bewohnt. Die Bu-Schar-Oase hat ausserdem noch zwei kleinere Ksors. Ich glaubte schon zu einem längeren Aufenthalte verdammt zu sein, als sich ein Mann erbot, mich nach Figig bringen zu wollen, gegen den geringen Lohn von einem (französischen) Thaler. Er hatte den Empfehlungsbrief des Scherif- Prinzen von Tafilet an Schich Humo-ben-Taher von Figig gelesen und meinte, der würde den Thaler zahlen. Mit diesem guten Manne, der noch dazu einen Schlauch Wasser und einige Lebensmittel trug, brach ich auf. Nach zwei harten Tagemärschen sahen wir die dichten Palmwälder der Oase Figig vor uns. Es ist dies die letzte Oase nach dem Norden zu, deren Datteln noch gesucht werden; alle von hier an nördlich gelegenen Oasen produciren wohl noch Datteln, jedoch von geringerer Güte. Renou t. IX, p. 120 führt nach Carette noch Figig als eine von "Berbern bewohnte Stadt mit 400 bis 500 Häusern oder 2000 bis 2500 Einwohnern" an. Figig ist kein Ort oder keine Stadt, sondern eine ziemlich grosse, 3 bis 4 Stunden im Umfange haltende sehr fruchtbare Oase, mit acht Ksors, die alle befestigt sind, und fast fortwährend in Feindseligkeiten mit den auswärtigen Ortschaften oder unter sich selbst sind. Der Hauptort heisst Snaga, im SO der Oase gelegen, hier residirte auch Schich Humo-ben-Taher. Von den anderen Orten kann ich Maise, dann Hammam-Tachtani und Hammam-Fukkani (oberes und unteres Bad) nennen. Der Name deutet schon an, dass hier Thermalen sind, denn unter Hammam versteht der Araber immer "heisses Bad." Es dürfte wohl nicht übertrieben sein, wenn wenn [wenn] man die Gesammtbevölkerung der Oase Figig auf 10,000 Seelen annimmt. Auch Juden wohnen in Snaga und Maise. Die Oase producirt ausser der Dattel sämmtliche Früchte der Mittelmeerzone. Der Handel ist sehr lebhaft, Araber-Nomaden, besonders aus Algerien bringen Butter, Oel, Felle, Wolle, Schafe, Ziegen und Getreide, und holen dafür Pulver, Kleidungsstücke, Datteln, Waffen und Sklaven.

[Fußnote 148: Ort, von Moula-Ah'med auf seiner Pilgerreise erwähnt. S. Renou.]

Leider konnte ich mein Versprechen, dem Führer einen Thaler zu geben, nicht halten. Schich Humo-ben-Taher nahm mich zwar sehr freundlich auf, aber einen harten Thaler für mich auszugeben, dazu war er nicht zu bewegen. Statt dessen rief er den armen Kerl, und ertheilte ihm seinen Segen, er meinte der Segen würde besser sein, als Geld. Betrübt schlich der arme Mann von dannen, er nahm selbst Abschied von mir ohne Fluch und Verwünschung, meinte nur, wenn ich das Geld gehabt hätte, würde ich ihn wohl belohnt haben. Und darin hatte er nicht Unrecht, denn als ich später auf meiner zweiten Reise in der heiligen Stadt Uesan mit ihm zusammentraf, konnte ich ihm reichlich sein mir erwiesenes Gute zurückerstatten.