[Ornamentik aus dem Innern abessinischer Kirchen.] 2 Tafeln.
[Probe eines vom Negus an den Verfasser gerichteten amharischen Briefs mit dem Staatssiegel.]
KARTE.
[Gerhard Rohlfs’ Expedition nach Abessinien vom November 1880 bis April 1881.]
ERSTES KAPITEL.
AUF DEM ROTHEN MEERE.
Verhältnisse in Sues. – Der Dampfer Messina. – Sturm. – Die mohammedanischen Pilger. – Djedda. – Das Grabmal der Mutter Eva. – Suakin. – Herr Braun. – Kapitän Speedy. – Alamayo, nicht der einzige Sohn Theodor’s von Abessinien. – Die Gemahlin Theodors. – Sklavenhandel. – Seit Mehemed Ali Toleranz in Aegypten. – Massaua. – Munzinger. – Ali Risa und Ali ed din. – Herr Tagliabue. – Befestigungen und sonstige Verhältnisse von Massaua. – Die französische Mission. – Klima und Bevölkerung von Massaua.
Sues jetzt und Sues vor 15 Jahren, welch ein Unterschied! Zur Zeit der Erbauung des Kanals, als in Aegypten die Baumwollenerträgnisse, die grossen Unternehmungen des vorigen Chedive gewaltige flüssige Geldmittel in Umlauf brachten, machte sich dies am meisten fühlbar in den Städten am Kanal: Port Said, Sues und Ismailia. Namentlich in Sues herrschten amerikanische, ja fast californische Zustände. Und noch grösseres Leben entwickelte sich in dieser Stadt durch die englische Expedition nach Abessinien, wenn auch nur während eines Winters. Im Winter 1867/68 bot Sues in der That das Bild einer Hafenstadt ersten Ranges. Die Gasthöfe, namentlich das wegen seiner vorzüglichen Einrichtung bekannte Sueshotel, waren derart überfüllt, dass nachts die Gäste in den grossen Sälen campiren mussten; Theater, Ballerinen mit Gagen, so hoch, wie sie auf den ersten Hofbühnen Europas nicht gezahlt wurden, sorgten für Augenweide, während rauschende Concerte das Ohr befriedigten. Aber – gerade wie die Hunderte von Spielhöllen – konnte man die Tempel Terpsichore’s und Apollo’s nur besuchen mit dem „Revolver“ in der Hand. Auf der Rhede aber lag eine Flotte von Kriegsschiffen und Transportdampfern.
Und jetzt? Im Jahre 1881/82? Die Einwohner von Sues vermehrten sich nicht; im Gegentheil, 1867 war die Zahl der Seelen viel bedeutender, aber es gewann eine festere Gestaltung: die Strassen sind vorgezeichnet, die Gebäude nehmen mehr das Aeussere europäischer Häuser an, mit einem Worte, die Stadt erhielt einen mehr gesitteten Zuschnitt. Geld und Revolver herrschen nicht mehr. Der obwol nach Sues benannte Kanal übt doch auf die Stadt geringen Einfluss aus: die Schiffe passiren meist, ohne sich um die Stadt zu kümmern, durch den Kanal, welcher östlich bei Sues vorbeigeht und dann weit südlich davon ins Rothe Meer oder, genauer, in den Busen von Sues ausmündet. Bis zur Mündung geht allerdings die Eisenbahn, welche von Kairo kommt. Und hier, wo der Hafenmeister wohnt und Marineetablissements sich befinden, haben sich denn auch schon Private, namentlich Restaurateure, niedergelassen. Ja, an diesem vorgeschobenen Punkte entstand am 31. Januar 1882 eine Schule und eine neue Stadt: „Port Tewfik“. Obschon dieselbe voraussichtlich in nicht langer Zeit eine Stadt mit Sues bilden wird, entfernt sich dadurch das heutige Emporium doch immer mehr von der Lage des einstigen Hafens Arsinoë.
Unserm deutschen Consul verdanke ich folgende neueste statistische Nachrichten über Sues: Was die Einwohnerzahl anbetrifft, so liegt keine officielle Angabe vor. Eine solche lässt sich überhaupt in mohammedanischen Ländern nicht erzielen, selbst nicht in den Ländern des Islam, welche unter europäischer Herrschaft sind. Herr Meyer, der deutsche Consul, schätzt die Gesammtzahl von Sues auf 10000 Seelen. Meiner unmassgeblichen Meinung nach ist diese Annahme viel zu hoch. Die europäische Colonie zählt 600–700 Individuen. Sie besteht hauptsächlich aus Griechen, Engländern, Maltesern, Italienern und Franzosen. Deutschland hat in Sues nur 10 Angehörige.