Sues selbst producirt nicht, dennoch ist Import und Export nicht unbedeutend. Die fürs Rothe Meer bestimmten Waaren kommen in Sues auf der Bahn und dem Kanal, die für Europa bestimmten ausschliesslich zu Wasser an. Ungefähr drei Millionen Francs jährlich werden in Sues in Geld umgesetzt. Die Stadt steht in directer Handelsverbindung mit Djedda, Suakin, Massaua, Hodeida, Marseille, Italien, Syrien, Triest, Bombay, Madras und England. Von Suakin, dem in Beziehung zu Sues meistbegünstigten Platz, wurden 1880 in 11000 Collis 2400 Tonnen importirt, und dahin in ebenso vielen Collis 1200 Tonnen exportirt. Der grösste Export in 30000 Collis zu 3000 Tonnen fand nach Djedda statt, während von Hodeida mit 9400 Collis 840 Tonnen importirt wurden. Triest finden wir mit dem nicht unbedeutenden Posten von 4000 Collis zu 500 Tonnen mit Import und 6000 Collis zu 1200 Tonnen mit Export betheiligt. England weist allerdings nur 500 Collis zu 200 Tonnen Import und 5000 Collis zu 1000 Tonnen Export auf, aber man muss bedenken, dass Sues überhaupt nur Durchgangspunkt ist. Das, was von Europa kommt, geht meistens nach dem Rothen Meere, und umgekehrt. Bombay versorgt das Rothe Meer mit Korn, Madras mit Indigo. Im ganzen belief sich der Import auf 46600 Collis zu 6415 Tonnen, der Export auf 66800 Collis zu 8400 Tonnen. Man bringt nach Sues besonders Häute, Kaffee, Weihrauch, Wachs, Sennesblätter, Elfenbein, Baumwolle, Sesam, Taback, Perlmutter, Tamarinden, Gummi, Colqual, Indigo, Stoffe, Glassachen, Porzellan, Steingut, Glasperlen, Conserven, Kurzwaaren, Weine, Schnaps, Mehl, Metalle, Essenzen, Seife, Zucker, Kerzen, Schwefel, Petroleum, Korn, Cement, Gewürze, Nahrungsmittel, Papier und Farben.
Im Jahre 1881 beobachtete man im Schatten ein Maximum von +40°4, ein Minimum von +4°7 C. Die relative Feuchtigkeit betrug 98° Maximum und 12° Minimum. Regen fiel 0,015. Herrschender Wind: Nord. Die Dichtigkeit des Seewassers bei Sues beträgt 1,039 (die des Mittelmeers 1,026) bei +28° durchschnittlicher Wärme.
Nach Abessinien, wohin die Reise zum zweiten male gehen sollte – der Verfasser begleitete auch die britische Expedition unter Lord Napier – gehen zwei regelmässige Linien: ägyptische Dampfer und italienische der Compagnia Rubattino. Mit dem Worte „regelmässig“ soll aber keineswegs gemeint sein, dass die Schiffe beider Linien am festgesetzten Tage ihre Abfahrtszeit bestimmt innehalten. Das darf man in diesen Gegenden weder von der einen, noch von der andern Gesellschaft erwarten.
Am 6. November 1881 ging ich vormittags an Bord der Messina. Unser freundlicher Consul in Sues, Herr Meyer, hatte uns mit seiner Dampfbarkasse an Bord gebracht, und für lange Zeit zum letzten mal erfreuten wir uns an den prächtigen Farben unserer deutschen Reichsflagge. Obschon in vorgerückter Winterzeit, war es doch ausserordentlich warm und kaum zum Aushalten, zumal bei vollkommener Windstille. Nur die Zelte, welche von vorn nach hinten das ganze Deck beschatteten, gaben etwas Kühlung.
Nichts ist unangenehmer, als plötzlich eintretende Verzögerung in der vorher festgesetzten Abfahrtszeit, fast noch unangenehmer, als wenn man bei der Ankunft in einem Hafen plötzlich erfährt, man sei unter Quarantäne gestellt, auf die man, im Orient wenigstens, immer gefasst sein muss. Nun aber kam auf einmal die Nachricht, wir hätten eine Partie von Java kommender Pilger mit nach Djedda an Bord zu nehmen. Wunderbar genug, wenn man bedenkt, dass der britische Dampfer, welcher diese Gläubigen an Bord hatte, bei Djedda vorbeigefahren war, ohne sie zu landen. Aber wiederum erklärlich durch die Quarantäneverhältnisse. Endlich konnte man den englischen Dampfer am Horizont erspähen. Bald lagen wir Seite an Seite, und die menschliche Waare wurde herüber befördert. Keine angenehme Zugabe! Aber glücklicherweise machte doch keiner unter den Passagieren Anspruch auf die erste Klasse, obschon einige, welche besser, eleganter, aber nicht reinlicher als die Menge gekleidet waren, sich absonderten und auf hübschen Teppichen, von all ihrem Hausgeräth umgeben, eine Sonderstellung einnahmen. Die vollendete Uebersiedelung dieser indischen Kinder hatte denn auch bald die Abfahrt der Messina zur Folge, nachdem man vorher eine italienische colazione eingenommen.
Langsam glitten wir dahin, denn auf dem Rothen Meere ist fast immer gutes Wetter. So sagte uns der Kapitän des Schiffes, ein noch junger Herr aus der alten italienischen Seestadt Genua. Schon sein Auftreten erweckte Vertrauen, und sein seemännisches Benehmen wurde aufs glücklichste durch kindliche Gutmüthigkeit – die ja ohnehin den Seemann so gut kleidet – und ausserordentlich liebenswürdiges Benehmen unterstützt. Ueberfüllt war der Dampfer nicht: ein französischer Kapitän mit seiner Gemahlin, der, wie er vorgab, im Auftrage der französischen Regierung nach Abessinien reiste und oft genug betonte, „er sei im Besitze eines passe-port diplomatique“; einige Kaufleute aus Suakin und Massaua, griechischer Nationalität; mein Reisegefährte, Dr. Stecker, und meine Wenigkeit.
Angenehm ist eine Fahrt auf dem Sinus Arabicus[5] oder Mare Erythraeum nicht. Eingeschlossen von zusammenhängenden Gebirgsketten mit einer durchschnittlichen Höhe von ca. 2000 m hindern diese Berge, bei der verhältnissmässig geringen Breite des Rothen Meeres, dass die sich auf der Oberfläche der See ansammelnde Feuchtigkeit aus diesem fast eingeschlossenen Becken herausgetrieben wird. Man darf daher das Vorhandensein einer beständigen Luftschicht oberhalb des Wassers annehmen, vielleicht 100 m hoch oder noch beträchtlich höher, welche fast mit Feuchtigkeit gesättigt ist. Unser zur Beobachtung ausgestelltes Hygrometer zeigte während der ganzen Fahrt nie unter 98° relative Feuchtigkeit. Selbstverständlich sieht man dabei nichts von der Feuchtigkeit, und man beobachtet selten Wolkenformation, noch seltener Nebel auf dem Rothen Meere, aber man ist doch in einer äusserst feuchten Luft. Man kann sich einen Begriff davon machen, wenn man sich in Gedanken in ein Gewächshaus mit tropischen Pflanzen versetzt, wo man ja ebenfalls die feuchte Luft durchaus nicht „sieht“, aber die Anwesenheit derselben desto nachdrücklicher auf der Haut verspürt. Und um so unangenehmer empfindet man diese feuchte Luft, wenn sich mit derselben eine beständige Wärme verbindet, die fast den heissesten Gegenden inmitten der Sahara an Stärke nichts nachgibt. Wie gross übrigens allerorts die Wärme des Rothen Meeres ist, und zwar im Winter, dafür genügt die allerdings nur durch früher gemachte Messungen bestätigte Thatsache, dass man stets Badewannentemperatur, nie unter +28°C. hat.
Verführt durch die bei Herstellung der Karten aussereuropäischer Länder angewandten kleinern Maassstabe, denkt man sich gewöhnlich das Rothe Meer nicht so lang und nicht so breit, wie es in der That ist. Von Sues bis zur Mandeb-Strasse[6] ist dasselbe fast dreimal so lang als das Adriatische Meer, von Triest bis Brindisi gerechnet. Und einmal aus dem Busen von Sues heraus und weiter fahrend auf hoher See, kann man, wenn der Dampfer in der Mitte[7] sich hält, nirgends die doch keineswegs niedrigen Bergketten sehen, welche auf beiden Seiten das Rothe Meer begrenzen.
Dazu kommt, dass die guten englischen, französischen und deutschen Dampfer, welche das Meer von Sues bis Aden, also in seiner ganzen Länge durchmessen, sehr schnell fahren und diese ganze Strecke in etwa vier Tagen und Nächten vollenden, dass aber die ägyptischen und italienischen Dampfschiffe, welche nebenbei die am Rothen Meere gelegenen Häfen besuchen, mindestens die doppelte Zeit gebrauchen, um nur nach Massaua zu kommen. Eine entsetzliche Fahrt, bei der man fortwährend wie in einem türkischen Dampfbad sich befindet.