An Bequemlichkeit, an guter Verpflegung, an Reinlichkeit war auf der Messina auch kein Ueberfluss. Zum Glück hatte ich mir, was überhaupt jedem Reisenden anzurathen ist, meinen eigenen Lehnstuhl mit an Bord genommen. Die stets nach italienischer Art zubereitete Kost war gut für den, der italienische Küche liebt, bei welcher Oel statt Butter zu den Speisen genommen wird, welche Fett erfordern. Glücklicherweise war ich in dieser Beziehung nicht voreingenommen. Auch der Schmuz hatte nichts Befremdliches für mich, woran man sich ja überhaupt gewöhnen muss, sobald man afrikanischen Boden betritt oder afrikanische Gewässer befährt. Nur war es in den Privatkajüten – Dr. Stecker und ich besassen eine gemeinschaftlich – wegen der zu grossen Hitze und der mephitischen Dünste nicht zum Aushalten. Das Ausgusswasser aus der Cabine des Schiffsarztes lief in unsere Kajüte hinein! Niemand dachte an Ausbesserung, auf die sich wahrscheinlich auch niemand verstand. Aber alles das, die grosse Hitze, die scheusslichen Ausdünstungen, das oft genug unappetitlich aussehende Essen waren doch nur Kleinigkeiten, welche man wol bemerkte, über die man sich aber nicht zu ärgern brauchte.
Nachts schlief man auf Deck, wie das überhaupt auf allen Dampfern, welche das Rothe Meer befahren, Sitte ist. Passagiere und Mannschaft, Herren und Damen, Jung und Alt – jeder liess sich seine Matratze herauftragen, und unter leichtester Decke gab man sich allabendlich dem süssen Zustand hin, wo man die kleinen irdischen Unannehmlichkeiten vergisst.
„Auf dem Rothen Meere ist stets gutes Wetter“, wiederholte oft genug unser braver Kapitän, der nach französischer Sitte sich gern „Commandant“ nennen hörte. „Sturm ist auf dem Rothen Meere unbekannt, ich fahre seit einem Jahre auf und ab und habe noch nicht nöthig gehabt, auch nur ein einziges mal das Sonnenzelt einreffen zu lassen.“ – Aber es sollte doch einmal geschehen.
Allabendlich hatten wir übrigens, seitdem wir Sues verlassen, vor uns im Süden starke Wolkenbildung und glänzendes Wetterleuchten gesehen, aber die Wolken hielten sich immer weit entfernt unter dem Horizont, und das Wetterleuchten war der Widerschein meilenweit entfernter Blitze. Aber am 10. Nov. kamen wir in die Zone der Wolkenbildung, und das fürchterliche Wetter, welches über und unter uns tobte – an dem nämlichen Tage fand das Erdbeben von Agram statt, und auch in Massaua verspürte man Erschütterungen – gehörte vielleicht zu den entsetzlichsten, das man auf hoher See erlebte. Da das Wetter nach Sonnenuntergang schon anfing bedenklich zu werden, begaben sich alle Passagiere unter Deck; ich selbst hatte mich gegen 11 Uhr abends aufs Sofa im Salon ausgestreckt und glaubte, dass das Gewitter, in welchem wir uns thatsächlich seit mehreren Stunden befanden, ohne besondere Ausschreitungen vorübergehen würde.
Der Regen war bis dahin mässig gewesen, die Luft angenehm, der Wind unbedeutend, nur die kolossale Menge der elektrischen Schläge, wenn auch nicht überlaut, doch durch ihre Häufigkeit auffallend. Und dies steigerte sich derart, dass bald der ganze Himmel wie ein Flammenmeer erschien, denn nun folgte nicht ein Blitz dem andern, sondern es war ein Zusammenrinnen unzähliger Zuckungen. Da, gleich nach 11 Uhr, erfolgte ein Schlag von so grosser Heftigkeit, dass man sogleich wusste, man sei im Mittelpunkte des Gewitters. Zugleich schlug der Regen heftiger herunter, und wenn der Wind sich auch nicht zum Sturm steigerte, so bearbeitete er doch mit so unregelmässigen Stössen den Dampfer, dass die Lage des Schiffes um so gefährlicher erschien, als der Capitano noch immer schlief und das Sonnenzelt anfing sich loszureissen. Endlich erschien er. „Alle Mann auf Deck!“ wurde gepfiffen, und trotz der Böen und Wellen, welche anfingen über Bord zu stürzen, wurde das Zelt bald gerefft und damit eine Gefahr beseitigt. Die Wuth der Elemente hatte sich aber so gesteigert, dass auch das Wasser Feuer zu sein schien. Nach dem Sturm, ich muss das besonders betonen, bestand ringsum das Meer aus nichts als Schaum und Gischt, noch weisser gemacht durch die unaufhörlichen elektrischen Entladungen. Wir waren natürlich wieder auf Deck gegangen. Plötzlich rief Hubmer: „Bemerken Sie die blaue Flamme oben auf dem Mastbaum?“ – In der That zeigte sich oben während mehrerer Minuten eine 0,1 m lange blaue Flamme. So plötzlich, wie sie gekommen, verschwand sie. Das alles dauerte bis gegen 4 Uhr morgens. Als ich gegen 7 Uhr auf Deck kam, zeigte sich das Schiff ganz normal, das Meer war vollständig glatt, die Sonne brannte wie zuvor, und auch die allgemeinen Verhältnisse der Atmosphäre hatten keine Veränderung, keine Abkühlung erlitten. Das Thermometer wies um 9 Uhr morgens schon +29° im Schatten.
Ich bin weit davon entfernt, eine Beschreibung des Rothen Meeres geben zu wollen, dieser alten, seit Eröffnung des Kanals zu neuem Leben erwachten Heeres- und Handelsstrasse, deren Frequenz sich fast mit der des „Broadway“, der „Friedrichsstrasse“, des „Strand“ vergleichen lässt, wenn anders ein solcher Vergleich zulässig ist. Auch will ich hier nicht untersuchen, warum das Meer das „Rothe“ genannt wird. Seit Plinius und andern alten Naturforschern und Geographen ist diese Frage noch so oft aufgeworfen, erörtert und beantwortet worden, ohne jedoch zum Abschluss gekommen zu sein, dass ich als einfacher Passagier, denn weiter war ich doch nichts, mir nicht gestatte, zu den vielen Hypothesen eine neue hinzuzufügen. Auch die, welche der Commandant der Messina aufstellte: der Name sei deshalb gegeben, weil man sehr oft grossen Inseln abgestorbenen Seegrases von röthlicher Farbe begegne, Inseln, welche manchmal meilengross, zuweilen länglich, dann wieder hufeisenförmig seien, verdient weiter keine Beachtung. Neu ist sie überdies nicht. Im Kapitän der Messina hatte ich übrigens einen Herrn gefunden, dem ich noch zu Dank verpflichtet war für die liebenswürdigen Gefälligkeiten, welche derselbe meiner Frau erwies, als sie in Gemeinschaft mit der Familie des italienischen Generalconsuls Marquis Goyzuetta Tripolis verliess, um nach Europa zurückzukehren.
Welchen Gefahren übrigens die mohammedanischen Pilger ausgesetzt sind auf ihren langen Wanderfahrten, davon gibt folgende mir vom Kapitän mitgetheilte Thatsache den Beleg. „Denken Sie sich“, hub er an, „da tritt gestern ein Grieche, welcher diese Menschenfracht vermittelt und der ganzen Pilgergesellschaft als Agent dient, an mich heran mit den Worten: ‚Wir könnten ein Geschäft machen, Commandant.‘ – ‚Wie so?‘ – ‚Geben Sie mir die Erklärung, dass Sie nur nach Yanbo[8] führen, und die Sache ist gemacht. Ich theile das dem Schich der Pilger mit, und Sie werden finden, dass er sich auf der Stelle bereit erklärt, für jeden Pilger 10 Thaler mehr zu zahlen, als für die Fahrt nach Djedda ausbedungen ist. Mit diesen mohammedanischen Hunden braucht man es ja so genau nicht zu nehmen. Eine Entdeckung ist nicht zu fürchten; unter diesen verdammten Halbmondsanbetern versteht kein einziger eine europäische Sprache, und schriftlich wird ja nichts abgemacht zwischen uns und ihnen. Für mich würde ich mit einigen hundert Thalern zufrieden sein, der ganze Rest ist für Sie, Commandant.‘ – Ich erwiderte dem griechischen Lump kurz, ich sei von Rubattino angewiesen, direct nach Djedda zu fahren, und drehte ihm den Rücken. – Sie staunen“, setzte er hinzu, „dass ich diesem saubern Agenten keinen Fusstritt gegeben habe, aber man muss Scenen an Bord vermeiden, und bei der Concurrenz, welche zwischen den verschiedenen Linien herrscht, muss man oft genug Bosheiten und Ungerechtigkeiten stillschweigend ertragen, um die Fracht für die Zukunft nicht zu verlieren.“ – Aber man sieht hieraus, welchen Gefahren die Pilger ausgesetzt sind, seitdem Speculanten sich der Beförderung derselben bemächtigt haben. Vom culturellen Standpunkt aus sollte man ja eigentlich nur wünschen, dass die Pilgerreisen nach Mekka, Lourdes, Allahabad, Kevelaer, Kerbelah, Jerusalem, Rom und wie alle andern Städte und Ortschaften heissen mögen, aufhörten. Nutzen und Segen für die Menschheit haben sie nicht gehabt, erweislichermassen sind sie aber oft genug Ursache verheerender Krankheiten gewesen, Krankheiten, welche nicht nur sich auf die Pilgerkreise beschränkten, sondern mittels derselben auch der übrigen Menschheit Verderben brachten. Aber was ist zu machen gegen Gewohnheit und Gewinnsucht? Nur Aufklärung kann hier helfen, und schliesslich muss man sich mit dem Gedanken trösten, dass trotz des erleichterten Verkehrs, trotz des viel billigern Reisens das Pilgern zu obengenannten und andern religiösen Sammelplätzen stets mehr abnimmt. Statistisch lässt sich das nachweisen. Eines Tages werden sich statt der verschiedenen Völker, die den Islam bekennen, in Mekka auch die Anthropologen versammeln, und wir zweifeln gar nicht, dass dies, wennschon erst in unabsehbarer Ferne, geschehen wird. Hätte im Anfang dieses Jahrhunderts ein christlicher Europäer auch nur irgendeine Moschee der Gläubigen betreten können? Seit dreissig Jahren besuchen die Europäer, ohne belästigt zu werden, die Moscheen Kairos, und eine der heiligsten Bethallen der Mohammedaner Nordafrikas, die grosse Moschee von Kairuan, ist jetzt einem jeden geöffnet.
Endlich kamen die hohen Berge Arabiens in Sicht. Ich war enttäuscht, aber angenehm. Ich hatte mir die arabische Bergkette nicht so hoch und malerisch vorgestellt, und nun zeichneten sie sich immer klarer am durchsichtigen Himmel ab. Die zackigen, wunderbar wilden Zerklüftungen wurden schon dem blossen Auge sichtbar und, wenn auch baumlos, konnte doch die Küste hinsichtlich der Bergformen in jeder Beziehung mit der süditalienischen einen Vergleich aushalten. Bald lag Djedda vor uns.
Wer zum ersten mal aus den grossen Culturländern Deutschland, England, Frankreich u.s.w. nach dem Süden kommt, wundert sich über die lärmende Zudringlichkeit der Fachini von Genua, über das Geschrei der Lazzaroni Neapels oder, wer gar nach Nordafrika kommt, über die Handgreiflichkeiten der Araber und Neger, der Fellachen und Berberiner in Alexandria, Port Said u.s.w. Es scheint aber, dass mit der Glut der Sonne sich die Heissblütigkeit der Bewohner steigert. Und Djedda liegt schon südlich vom Krebs!