So war denn unser Dampfer, sobald das Herabhissen der gelben Flagge das Zeichen zur libera pratica gegeben hatte, sofort auch von grossen und kleinen Booten umschwärmt, und bald wimmelte es auf Deck von stämmigen Maschobsträgern schwarzer, brauner, gelber und weisser Hautfarbe. Welch ein Gewirr, welch ein Durcheinander! Zum Glück war ihnen, wie den Javanesen, welche sich mit uns an Bord befanden, das Hinterdeck zu betreten verboten, und von der Brücke des Dampfers konnte man in Ruhe und ohne belästigt zu werden dem Entwirren des menschlichen Knäuels beiwohnen. Wie das vor sich ging, spottet jeder Beschreibung. Das Durchhauen des Gordischen Knotens konnte nicht schneller von statten gehen.
Hatten sie sich verständigt, war irgendeine Uebereinkunft geschlossen zwischen den Pilgern und den Bootsbesitzern? War überhaupt in der kurzen Zeit eine Verständigung möglich gewesen? So meine Frage. Aber beantwortet, praktisch wenigstens, wurde sie erst, als ich ans Land ging und dort wahrnahm, dass die Javanesen noch am selben Abend mit ihren Habseligkeiten der heiligen Kaaba in Mekka zupilgerten. Aber jetzt flogen Koffer und Kisten über Bord, Töpfe aus Steingut zerbrachen vor ihrer Ankunft in der Jolle, Säcke mit Reis barsten und vermischten ihren körnigen Inhalt mit der Ghee (flüssige Butter, wie solche fast ausschliesslich in Indien im Gebrauch ist) am Boden des Bootes. Dazwischen flogen vom Dampfer herab Sonnenschirme, Fächer aus Bambus, Vogelbauer mit lebendigem Inhalt aus der Papagaienwelt, Packete mit Kleidungsstücken, lose Kleider, Turbane, Teppiche, Decken und Matratzen. Die armen Asiaten hatten gut jammern, schreien, fluchen, sich sträuben – es half nichts. Drohen und schlagen richtete erst recht nichts aus. Was wollten die Schwächlinge machen gegen die muskulösen Hafenamphibien Djeddas? Stets wurden sie zurückgetrieben. Und als endlich alles Leblose und verschiedene den Pilgern gehörige Thiere vom Dampfer auf wunderbar schnelle Weise in die Leichterschiffe befördert worden waren, kamen sie selbst an die Reihe. Und fast ebenso schnell spedirte man sie über Bord. Was kümmerte es die rohen Leute, ob die Pilger gerade in die Jolle kamen, welche ihr Privateigenthum barg, wenn jeder der erstern nur eine rechte grosse Zahl der Gläubigen erhaschte: der Bezahlung wegen.
Um die Hunderte von Pilgern nebst allem Gepäck abzuladen, war kaum eine halbe Stunde verflossen. Wir selber mietheten nun auch ein Boot, um zur Stadt zu fahren. Mir lag besonders daran, einen Brief auf die Post zu geben. War aber eine solche in Djedda? Es lagen noch verschiedene grosse Dampfer auf der Rhede, Consulate sind in Djedda vorhanden, und das englische und holländische (dies wegen der indischen Pilger) sogar bezahlte Consulate. Also eine Post muss da sein. Es war mittags, das Amtszimmer geschlossen, ein Briefkasten nicht vorhanden, aber einer der Unterbeamten, welcher in einer Veranda seinen Kef abhielt, belehrte uns, wir sollten nur getrost den Brief und was immer – Briefmarken hatten wir von Aegypten mitgenommen – durch einen Spalt im Fenster schieben, es würde schon besorgt werden. Meine Briefe, wie ich später erfuhr, sind denn auch in der That alle gut übergekommen. Die Post ist nicht türkisch, sondern ägyptisch.
Djedda[9], altes Grossmütterchen, ich hatte gar nicht vermuthet, eine so stattliche Stadt in dir zu finden! Vom Landungsplatz führt gleich eine verhältnissmässig breite Strasse, mit zahlreichen Restaurants, türkischen Kaffeehäusern und Schnapskneipen eingerahmt, in das Innere der Stadt. Die Schnapsverkäufer, welche auch schlechtes und gutes Bier (deutsches von Dreher oder Puntingham) verkaufen, sind alle griechischer Nationalität. Grosse ansehnliche, mehrstockige, blendend weisse Gebäude überragen überall die Strassen, von denen die hauptsächlichsten, namentlich die, welche die Bazare bilden, mit Bretern, auch wol Zweigen, zum Schutz gegen die glühenden Sonnenstrahlen überdeckt sind. Nirgends in der mohammedanischen Welt gibt es so schöne und kunstvoll geschnitzte Muscharabiehn als in Djedda. Die Kunst, schöne durchbrochene Holzgitter herzustellen, hat sich von Syrien und Aegypten nach Arabien geflüchtet. Denn in den Städten der erstern beiden Länder existirt sie nicht mehr. In den Ländern des Islam, welche jetzt mit den Abendländern in so innigem Verkehr stehen, braucht man sie nicht mehr: man baut europäisch, man kleidet sich europäisch, und kaum verschleiern sich die Mislemate noch, jedenfalls nicht mehr, als es bei uns die europäischen Damen thun, um ihre Reizlosigkeit dem forschenden Auge zu entziehen. Aber hier in Djedda[10], wo der fanatische Argwohn gegen alles Fränkische noch lodert, werden die Frauen und Jungfrauen noch unter strenger Clausur gehalten, hier so nahe dem Mittelpunkt religiöser Voreingenommenheit, wo Hass und Wuth gegen Andersgläubige die unsinnigsten Pläne aushecken, ist alles noch echt und unverfälscht.
Djedda hat stark zugenommen: es ist der bedeutendste Hafen am Rothen Meere, und nach Aussage und Meinung der dort lebenden Engländer beträgt die Einwohnerzahl jetzt ca. 15000 und in der Pilgerzeit gegen 20000 Seelen.[11] Und es liegt, wenn man die statistischen Nachrichten über die Handels- und Schiffahrtsbewegungen untersucht, kein Grund vor, an dieser Annahme zu zweifeln. Aber die Stadt schien wie todt, als läge alles im Grabe. Vollkommen ausgestorben. Nur die am Hafen zurückgebliebenen griechischen Kaufleute brachten noch Leben. Auch hier indess wenig Verkehr. Das eigentliche Volkselement fehlte ganz und gar. Jung und alt, reich und arm, Männer, Frauen und Kinder, befanden sich alle schon seit einigen Tagen in Mekka, in jenem „Harem“[12] Gottes, das den Ungläubigen zu betreten bei Todesstrafe verboten ist. Führte sie nun der Gewinn nach irdischen Gütern dahin oder die Aussicht auf die Freuden des himmlischen Paradieses, welche den Rechtgläubigen nach je öftern Pilgerrundreisen in desto erhöhterm Maasse verheissen werden – Mekka hatte magnetisch alle angezogen.
Plan des Friedhofs und Grabmals unserer Mutter Eva.
Nord.
1. Füsse der Eva. 2. Lendengegend der Eva. 3. Kopf der Eva. 4. Grab der Mutter des Sultans Mahmud. 5. Grab eines Schichs. 6. Grabgebäude der Eva. 7. Eingangsgebäude zum Friedhof. 8. Beliebige Gräber. 9. Friedhofsmauer. 10. Mauer, um die Gebeine der Eva zu bezeichnen.
Ein kleiner Bube, den Stecker und ich mietheten, um uns das Grabmal Eva’s zu zeigen – die einfachste Pietät erheischte doch den Besuch der irdischen Grabstätte unserer Stammmutter – gab aber wol die richtigste Erklärung für die Abwesenheit der Djeddenser: „Mein Vater hat sich als Kameltreiber verdungen, mein älterer Bruder ebenfalls, mein Oheim ist als Wächter mit, meine Mutter kocht für einen pilgernden Türken und meine Schwester hat sich Soliman, dem Kahiriner, angeheirathet.“[13] – „Und du selbst, warum bist du nicht nach Mekka gegangen?“ – „Ich bin schon seit langem Hadj“[14], erwiderte der höchstens zwölfjährige Bengel, „und wenn ich um diese Zeit hier bleibe, verdiene ich viel mehr als Führer, da fast alle Frengi das Grabmal unserer gnädigen Frau Haua zu besuchen pflegen und für mich dann immer ein gutes Bakschisch übrig haben.“ Und das mag wol im Durchschnitt für alle Djedda-Bewohner das Treibende sein. Das Grabmal der Eva liegt in einem etwas höher als 1 m ummauerten Friedhof, ausserhalb der Stadt, nach Norden zu. Unsere Ururgrossmutter muss sehr lang gewesen sein, denn der Kopf liegt an der östlichen Mauer und ist durch einige verkrüppelte Palmen angedeutet. Eine niedere und etwas mehr als 1 m breite Steineinfassung bezeichnet die übrige Lage des Körpers, während Bauch und Lendentheile durch ein kleines Gebäude besonders beschützt sind. In diesem Gebäude zeigt ein alter Marabut – gegen ein Bakschisch natürlich – unter bunten Tuchüberwürfen einen hölzernen Sarkophag. Er öffnet auch auf Verlangen – gegen ein Extrabakschisch natürlich – ein kleines Kläppchen in dem hölzernen Sarge. Und auf den Einwurf, dass man nichts bemerke, zündet er eine Kerze an, und – gegen ein abermaliges Extrabakschisch – leuchtet er hinein, um einem das Herz der Eva zu zeigen. Man sieht natürlich nichts. Aber das ist auch selbstverständlich: „ein Ungläubiger ist ja mit Blindheit geschlagen; nur der Moslim vermag das Herz der gnädigen Frau Haua zu erblicken.“ – Ist das nun nicht ein Wunder? Wagt es angesichts einer solchen Thatsache ein Christ noch zu zweifeln an der Wahrhaftigkeit des Islam? Das westliche Ende der Kirchhofsmauer bezeichnet die Lage der Füsse der Eva, mithin hatte der Körper die achtungswerthe Länge von ca. 100 m. Aber schön muss sie nicht gewesen sein, diese unsere Stammmutter. Denn bei einer so grossen Länge nur etwas breiter als 1 m gewesen zu sein? Man stelle sich im Geiste eine solche Pappel vor: eine wahre Vogelscheuche!
Auf dem Friedhofe liegen auch noch einige andere Mohammedaner begraben, im Gebäude selbst wird sogar das Grabmal der Mutter des Sultans Mahmud des Grossen, wie die Türken ihn nennen, und das eines frommen Schich gezeigt, dessen Namen mir leider entfallen ist. Sollte sich jemand indess dafür besonders interessiren, so könnte sicher eins der Consulate in Djedda Auskunft ertheilen. Vielleicht würde man übrigens nicht weit von der Wahrheit ab sein, wenn man aufs gerathewohl sagte, es liegt dort der Schich „Mohammed“ oder „Abdallah“ begraben.