Etwas Grün sieht man auch auf dem Kirchhofe, wie auch ausserhalb desselben, namentlich fand ich einige blühende Sennesbüsche. Im allgemeinen macht aber die Abwesenheit von Grün, der Mangel an Süsswasser den Aufenthalt in Djedda zu einem entsetzlich trostlosen, was für die Eingeborenen nur durch die grosse Nähe ihres Sanctuariums – Mekka ist 100 km entfernt – ausgeglichen wird. Hiervon profitiren aber die Europäer nicht, wenigstens geistig nicht.
Nach einigen Erfrischungen bei englischen jungen Kaufleuten, welche uns zuvorkommend einluden, ihr „Home“ zu besuchen, gingen wir nach dem Hafen zurück. Und, o Wunder! Die Javaner rüsteten sich in aller Ordnung und Eile zum Aufbruch nach Mekka. Ein jeder hatte seine Siebensachen wiedergefunden. Mochte jenem auch sein ganzer Oelvorrath verloren gegangen, diesem die Hälfte seines Mehls ausgeschüttet, einem dritten seine Essschale zerbrochen, einem vierten der Spiegel in tausend Scherben zerschlagen sein – das liess sich alles leicht verschmerzen. Mekka und die Kaaba winkten ja von fern, und damit war ja schon die Schwelle des Paradieses überschritten. Mochten die Beduinen auch doppelte und dreifache Taxe für die Kamele fordern, denn diese frommen Wüstensöhne wussten ja, dass sie fordern konnten, was sie wollten, da es der letzte Augenblick war, um noch zum Opfer und zum Kaaba-Umgang rechtzeitig einzutreffen – auch das liess sich verschmerzen, denn was bedeutete das Geld im Vergleich zu den in Aussicht stehenden Freuden des Paradieses! Freude glänzte daher auch auf den sonst so ausdruckslosen gelben Gesichtern, und uns, den Frengi, warfen sie verächtliche, mitleidige Blicke zu, als wir unser Boot bestiegen, um zur Messina zurückzufahren.
Wir mussten jetzt nach Suakin hinüber, das auf der andern Seite an der afrikanischen Küste in Süd zu Ost gelegen ist. Die Ueberfahrt war prächtig, die verhältnissmässig kühlen Nächte, durchschnittlich +25°C., wirkten äusserst belebend nach des Tages Glut, welche man auszustehen hatte. Die Stadt liegt nicht unmittelbar an der Küste, sondern man gelangt zu ihr mittels eines ca. 1 km langen natürlichen Kanals, kaum breit genug, dass zwei Dampfer ausweichen können. Diese Seeenge läuft in einen Sack aus, und in diesem Wassertümpel liegt auf einer kleinen fast runden Insel Suakin oder, wie einige auch schreiben oder sprechen, Suakim. Mit dem Festlande durch einen Damm verbunden, befindet sich dort gleich der viel bedeutendere Ort Kef. Wenn man die Gesammtbevölkerung beider Orte auf 5000 Seelen veranschlagen darf, so kommt wol auf die eigentliche Insel Suakin kaum mehr als der dritte Theil der Einwohner. Später mehr hierüber.
Hier sind wir aber auf ägyptischem Grund und Boden, wenn auch noch nicht seit langer Zeit, denn erst 1865 wurde die Stadt nebst den andern am Rothen Meere von der Türkei an Aegypten abgetreten. Aber man merkt die ägyptische Herrschaft auch im Schlafe, möchte ich sagen, an der grössern Toleranz. Namentlich unter der Regierung des vorigen Chedive gab es wol kein Land auf der Erde, welches sich grösserer religiöser Duldung erfreute als Aegypten. Während der eigentliche Handel und die Hauptreichthümer Djeddas sich denn auch in den Händen der Eingeborenen, der Mohammedaner, befinden, obschon auch diese jetzt meist mit christlichem oder, wenn man diesen Ausdruck nicht liebt, mit europäischem Gelde arbeiten, liegt der commercielle Schwerpunkt in Suakin bei den Europäern.
Meerwärts am Ufer des Eilandes leuchtete uns ein „Hôtel du Soudan“ entgegen und, da ich ohnedies zur Stadt musste, um ein mir zum Verkauf angebotenes Zelt zu besichtigen, nahm ich dankend die Einladung des Kapitäns an, mit ihm ans Land zu gehen. Die Stadt macht einen freundlichen Eindruck; ein kleiner Markt oder, besser gesagt, Platz, zeigt einige europäische Restaurants, und im gastlichen Hause des Herrn Braun, eines liebenswürdigen Landsmannes, konnten wir eine angenehme Ruhepause machen. Herr Braun, welcher Anfang dieses Jahres vorzüglich unterweisende Aufsätze über die Häfen und Handelsverhältnisse des Rothen Meers schrieb und im berliner „Export“[15] veröffentlichte, liess mir darüber nichts weiter zu sagen übrig. Und ich bin überzeugt, selbst ein Kaufmann, welcher noch länger als Herr Braun in jenen Gegenden geweilt hätte, würde kein besseres Urtheil als er abgeben können. Nur gegen Eins möchte ich eine Einwendung erheben.
Herr Braun sagt im „Export“ Nr. 9 vom 28. Februar 1882 in Beziehung auf Colonisation: „Keinem vernünftigen Menschen, welcher die hier besprochenen Gegenden kennt, wird es je einfallen, einer deutschen Colonisation von dieser Seite her nach Afrika hinein das Wort zu reden. Dagegen sprechen folgende Erwägungen: 1. Sämmtliche Plätze des Rothen Meers haben als nächste Umgebung und auf viele Meilen ins Land hinein nur ‚Wüste‘ und gänzlich unfruchtbare Gegenden. Aus diesem Grunde würde selbst eine allenfallsige Colonie im Innern wegen der zu grossen Entfernung des nöthigen Schutzes vom Meere her entbehren.“
Wir stimmen im allgemeinen mit Herrn Braun überein, bedauern aber, dass er unsere neuern Literaturerzeugnisse über Cultivation und Colonisation nicht genugsam beachtet hat. Und doch ist gerade in den letzten Jahren ein so reichhaltiges Material[16] in dieser Beziehung veröffentlicht worden, dass man mit entscheidenden Urtheilen sehr zurückhaltend sein sollte. Jedenfalls ist es, so competent Herr Braun in Handels- und kaufmännischen Sachen sein mag, vollkommen irrthümlich, wir bedauern das sagen zu müssen, dass in der Nähe der Städte des Rothen Meers nur „Wüste“ sei. Auch die meisten Reisenden, welche von Massaua aufbrachen, z.B. zuletzt Tagliabue, Matteucci, Vigoni u.s.w., sprechen von „Wüste“ (deserto), welche zu durchwandern sei, ehe man das abessinische Hochland erreiche. Aber diese Herren haben ebenso wenig wie Herr Braun die „Wüste“ gesehen, können also gar kein Urtheil, wenigstens aus Erfahrung nicht, darüber abgeben, was man unter Wüste versteht. Ich frage aber einfach, ob man „Wüste“ die Umgebung von Suakin nennen kann, wo die Botaniker Hunderte verschiedenster Pflanzen einheimsen, welche dort unter den Mimosen wachsen oder im Schatten von Euphorbien gedeihen. Oder wo man, ab und zu wenigstens, Ackerbau treibt und zwar so, dass der Boden durch den Pflug aufgefrischt wird. Oder wo in nächster Nähe beim Tokar- und Ossip-Fluss (Tokar-Gegend, eine Niederung) grosse Baumwollanpflanzungen waren und vorzüglich gediehen? Wenn letztere zu Grunde gingen, ist es sicher nicht in klimatischer Ungunst oder in mangelhaften Bodenverhältnissen zu suchen. Der Grund liegt in ganz andern Dingen. Der Barka schwemmt so viel Wasser jahraus jahrein fort, und die ganzen weiten Ebenen südlich von Suakin sind so mit Feuchtigkeit durchtränkt, dass es selbst mehrere Jahre hintereinander nicht zu regnen braucht, und der Boden bleibt doch feucht. Die Feuchtigkeit des Bodens der weiten Ebene südlich von Suakin ist eben abhängig von dem abessinischen Regen, von den Niederschlägen auf Hamasen, Bogos und Mensa, und dort regnet es alljährlich.
Auch wenn Herr Braun unter 2 und 3 sagt: „Die Völkerstämme seien zur Arbeit und Cultivirung des Landes gänzlich unbrauchbar, und es würde daher ein grosser Aufwand europäischer Arbeitskräfte erforderlich sein“, so ist das nicht ganz zutreffend. Die Hinterlandsbevölkerung am Rothen Meere des afrikanischen Continents treibt Viehzucht und Ackerbau. Und namentlich, wenn es unter Umständen gelänge, abessinische Ackerbauer zu gewinnen, würde man die Cultivirung des Landes unter ganz andern Bedingungen beginnen können. Aber, wie gesagt, in allen übrigen Dingen wird jeder die von Herrn Braun mit Klarheit entwickelten Ansichten im „Export“ unterschreiben können; auch wir möchten nach diesen Gegenden namentlich keine Deutschen locken, welche ihr Vaterland verlassen, um „auszuwandern“. Wer nach den Küsten des Rothen Meers geht und dort von vornherein sein Glück machen will, muss, so scheint es, noch aufgeweckter sein als die, welche es in Amerika, in Australien und Indien versuchen, aber, wie Herr Braun ganz richtig sagt, es ist Platz für jedermann dort und noch viele ungehobene Schätze sind zu gewinnen.
Mein Weg, um das vorhin erwähnte Zelt zu kaufen, führte mich durch das recht belebte Kef nach ausserhalb, wo eine halbe Stunde oder ca. 3 km entfernt ein Grieche eine recht hübsche Farm besass. Als alte Bekannte begrüssten wir die Calotropis procera, verschiedene Mimosen, und die nach allen Seiten (Wüste!) reichlich bestandene Landschaft wurde abgeschlossen durch eine Alpenlandschaft, welche in ihrer Grossartigkeit schon ganz an Abessinien erinnerte. Namentlich mein Begleiter, Dr. Stecker, schwelgte in Entzücken, denn im Handumdrehen konnte er eine schöne Ausbeute an Coleopteren, besonders grossen Buprestiden und reizenden Cetonien, welche hier auf den Akazien und Calotropis vorkamen, sammeln, ebenso einige Spinnen und eine sehr häufige, von den Blättern der Calotropis procera sich nährende buntgescheckte grosse Accidide.
Als wir abends durch die lange Strasse von Kef zurückkehrten, sahen wir dieselbe von stolzen Nubiern bevölkert, welche gravitätisch daherschreitend, in ihrem dicken, wulstigen, schwarzen Lockenhaar mit der langen hölzernen Spindel geschmückt waren. Hadendoa und Beschari erinnern im Aeussern und in ihrem Auftreten schon stark an die Abessinier, mit denen in frühern Zeiten auch wol ein innigerer Zusammenhang bestand, welcher durch die später eintretende Verschiedenartigkeit der Religion immer mehr abnahm.