Von Suakin führt eine der Hauptstrassen nach dem Innern von Afrika. Graf Krokow, Schweinfurth, Junker und verschiedene andere haben sie durchmessen, ja, nicht lange ist es her, als man ernstlich daran dachte, von hier eine Eisenbahnlinie ins Innere zu legen. Tags vorher war noch einer unserer alten Bekannten von Kassala oder doch aus der dortigen Gegend gekommen: Kapitän Speedy. Derselbe lebte vor Jahren längere Zeit in Abessinien, war eine Zeit lang nächst Plowden und Bell Günstling Theodor’s gewesen und hatte sich infolge seines langen Aufenthalts in Aethiopien die beiden Hauptsprachen des Landes: Amharisch und Tigrisch, vollkommen zu eigen gemacht. In seinem Drange nach Abenteuern besuchte er, nachdem er sich mit dem Negus entzweit, Neuseeland, durchstreifte verschiedene andere britische Colonien und traf während des englischen Feldzugs wieder in Abessinien ein, um dem Oberstcommandirenden, Lord Napier, als Dolmetsch zur Seite zu stehen. Nach Beendigung des kurzen, für England aber so ruhmvollen Kriegszugs, wurde Speedy zum Gouverneur des jungen abessinischen Prinzen Alamayo auserwählt.

Was eigentlich die englische Regierung oder vielmehr Lord Napier bewog, den Prinzen Alamayo[17] nach Indien und England zu bringen, wird wol stets ein Geheimniss bleiben. Kaum ist anzunehmen, dass der britische Befehlshaber es that, um den fremden Prinzen nach altrömischer Sitte an seinen Triumphwagen zu spannen. Wie der Erfolg lehrte, beabsichtigte man auch nicht, durch ihn später Einfluss in Abessinien zu gewinnen oder gar ihn selbst auf sein Herrscheramt vorzubereiten. Zudem waren die Rechte Alamayo’s auf den abessinischen Thron doch eigentlich höchst zweifelhafter Natur. Kapitän Speedy blieb während sechs Jahren mit dem abessinischen Prinzen zusammen, dem ausserdem anfangs ein abessinischer Deftera beigegeben war, um ihm das Amharische schreiben und lesen zu lehren. Man weiss nicht, weshalb man Speedy die Oberleitung des abessinischen Prinzen nahm. Er selbst, dem ich zum grossen Theil diese Mittheilungen verdanke, wusste mir darüber keine Auskunft zu geben. Alamayo wurde 1874 von Indien, woselbst er bis dahin mit Kapitän Speedy geweilt hatte, nach England gebracht, um dort seine weitere Ausbildung zu erhalten. Die britische Regierung liess ihm in der That eine vollkommen prinzliche Erziehung angedeihen, und namentlich die Königin von England interessirte sich aufs lebhafteste für den äthiopischen Prinzen.

Sofort nach der Trennung von Speedy ergriff den Prinzen Alamayo ein unbesiegbares Heimweh (eigenste Worte des Kapitäns Speedy); er war untröstlich über den Verlust seines Freundes, den ihm seine sterbende Mutter, die Königin Durenesch, aufs wärmste empfahl. Ja, er fasste jetzt einen förmlichen Hass gegen die Engländer, und als er von der unglücklichen Niederlage derselben durch die Zulu hörte, rief er: „Ich wollte, alle Engländer wären vernichtet!“[18] Ein anderes mal schrieb er an Speedy, ob er nicht etwas Geld zusammenbringen könne, um mit ihm zu fliehen, und zwar, wie er vorschlug, zum Negus Johann, dieser würde ihm gewiss den Thron abtreten. Auf einen so unsinnigen Vorschlag konnte sich der ehemalige Gouverneur des Prinzen natürlich nicht einlassen. Speedy erstrebte dann, als er von des Prinzen Krankheit hörte, noch einmal die Wiedererlangung seines alten Amtes, erreichte aber nur, dass er den Prinzen auf vier Wochen besuchen durfte. Als die englischen Aerzte endlich eine unheilbare Schwindsucht bei Prinz Alamayo constatirten, wollte man ihn nach Indien schicken, um ihn dort der Armee einzuverleiben. Aber es war zu spät. Prinz Alamayo starb im Jahre 1879, wie Kapitän Speedy sagt, am gebrochenen Herzen. Heimweh nach seinem afrikanischen Alpenlande tödtete ihn. Alamayo bekam eine prinzliche Bestattung. Auf Befehl der Königin Victoria wurde Speedy telegraphisch herbeigeholt; es war zu spät geworden, er konnte ihn nur noch einige Tage pflegen und dann seiner Beerdigung beiwohnen. So hatte er den Trost, dass der abessinische Prinz sich in den letzten Augenblicken in seiner Muttersprache unterhalten konnte, und dass sein erster Erzieher ihm im letzten Kampfe zur Seite stand.

Kapitän Speedy und sein Begleiter Kapitän Brooks kamen also an Bord. Ersterer hatte ausserdem ein Maulthier und einige Kamele mit sich, welche Thiere ebenfalls die Reise nach Massaua mitmachten. Durch die beiden Engländer erhielt unsere Tischgesellschaft eine sehr angenehme Vermehrung, denn Mr. Speedy war ein lebhafter Erzähler, und an Stoff mangelte es ihm nie. Er beabsichtigte, in die angrenzenden Nordländer von Abessinien zu gehen, da das eigentliche Abessinien zu betreten ihm verboten sei. Aus welchem Grunde, konnte ich eigentlich nicht erfahren, denn ich glaube kaum, dass der jetzige Negus Negesti Notiz von ihm nehmen würde.

Wir lagen einen ganzen Tag vor Suakin, keineswegs für uns angenehm, weil bei eintretender Ebbe das Wasser schreckliche Dünste aushauchte. Aber der Fischreichthum ist, wie überall im Rothen Meere, so auch hier ganz unglaublich. Oft sieht man eine durch leicht gekräuselte Wellen angedeutete Wolke sich auf der Seeoberfläche langsam fortbewegen. Man forscht nach der Ursache, man schreibt sie anfangs einer partiellen Brise zu. Aber keineswegs. Es sind Milliarden kleiner stint- oder sardinenartiger Fischchen, 5 cm gross, welche, wie wir später Gelegenheit hatten zu erproben, in Oel gebacken ein vorzügliches Gericht abgeben.

In Suakin gibt es kein Consulat, deshalb sind die dort wohnenden Europäer ganz auf sich selbst angewiesen. Wenn ein solches Verhältniss an der gegenüberliegenden arabischen Küste grosse Gefahren in sich schliesst, so ist das an der ägyptischen nicht zu befürchten.[19] Die Einwohnerzahl wechselt, da die Landbevölkerung, die Hadendaui, theilweise nur vorübergehend, namentlich in den Wintermonaten, dort Wohnung nehmen. Die Bevölkerung auf der Insel selbst kann man auf 1500 Seelen veranschlagen, von diesen waren 1882 ca. 60 Europäer, 20 Araber, 50 ägyptische Beamte, 300 Soldaten und 100 Galerensträflinge. Die Vorstadt Kef dürfte im Sommer 3000, im Winter 5000 Einwohner haben, wovon die meisten den Hadendaui angehören. An eigenen Schiffen besitzt Suakin nur einige Sambuk (jene ca. 50 Tonnen haltenden Schiffe mit unverhältnissmässig hohem Hinterdeck und grossem lateinischen Segel). Es kommen durchschnittlich im Monat vier ägyptische und zwei italienische Postdampfer, welche beide Linien Passagiere und Waaren befördern, nach Suakin.

Der Sklavenhandel wird von Suakin aus, namentlich aber von den Küstenpunkten in der Nähe noch immer betrieben. Bestimmte Angaben sind schwer darüber zu erhalten, da die Transporte nachts und so heimlich wie möglich stattfinden. Im Februar 1881 schaffte man von Suakin nach Djedda 65 Sklaven. Ein anderer Transport von 87 Seelen, meistens Kinder beiderlei Geschlechts, wurde im Sommer 1880 durch Militär in den Gebirgen von Singals (zwei Tagereisen von Suakin entfernt) abgefasst und durch die Behörden mit Freiheitsbriefen versehen und an die Bewohner von Suakin, zum Theil aber auch an die von Djedda abgegeben. Natürlich muss der Empfänger solcher Negerkinder eine Bescheinigung ausstellen, keinen Handel mit denselben treiben zu wollen. Halberwachsene oder ausgewachsene Burschen steckt die Regierung unter die Soldaten, während man die halbwüchsigen Mädchen dem ersten besten Soldaten als Frau beigibt.

In Suakin sind fünf Moscheen, zwei davon auf der Insel selbst, drei in Kef. Von Fanatismus weiss die Bevölkerung nichts, wie überhaupt, und wir betonen das noch einmal, unter allen mohammedanischen Ländern die ägyptische Regierung seit Mehemed Ali stets bemüht gewesen ist, religiöse Unterschiede soviel wie möglich durch vollkommenste Unparteilichkeit gegen alle verschiedenen Bekenntnisse zu verwischen.

So dampften wir denn wieder hinaus aufs hohe Meer, um unsere Schlussfahrt zu machen, denn jetzt hielten wir direct auf Massaua. Immer schwüler und unerträglicher wurde die Wärme, bis endlich der hohe Gedem-Berg als Wahrzeichen der Stadt in Sicht kam. Die Dampfer halten gerade auf ihn los und sind dann sicher, nach Massaua zu gelangen, welches erst viel später am Horizont auftaucht.

Es war schon spät abends geworden, nach Sonnenuntergang, als wir dicht bei der Stadt Anker warfen. Trotz der vorgeschrittenen Zeit wurden noch alle Hafenförmlichkeiten erledigt, und an Bord kamen die Honoratioren der Stadt: der französische Viceconsul Monsieur Raffray, bekannter Naturalist und vor Jahren schon in Abessinien; Hassen Bei, ein Oesterreicher in ägyptischen Diensten; Herr Tagliabue, Italiener; Herr Lucardi, ebenfalls; Herr Habib, der Postdirector; Herr Michel, Zolldirector. Wir hatten die erste Etappe glücklich zurückgelegt, von hier aus begann erst die eigentliche Reise. Welche Erinnerungen aber tauchten in mir auf angesichts Massauas und des mächtigen Gedem-Berges! Vor zwölf Jahren hatte ich schon einmal Massaua besucht, nur auf einen Tag von der Adulis-Bucht aus. Auf meinen Wunsch, die Stadt zu besehen, liess damals der Commandant eines vor Sues liegenden französischen Kanonenbootes dieses heizen, und wir fuhren hinüber. Munzinger hatte mich gebeten, ihm seine Frau, eine Abessinierin, mitzubringen, was ich auch that. Später sah ich ihn noch einmal, als ich zur Ausführung der libyschen Expedition in Kairo eintraf. Kaum hatte ich dort mit meiner Begleitung den Perron betreten, als Munzinger den Zug zur Fortreise benutzte, um als Generalgouverneur der Küste des Rothen Meers den Befehl über ganz Sudan zu übernehmen und den Krieg gegen Abessinien zu organisiren, welcher so verhängnissvoll für die ägyptische Armee und für Munzinger selber werden sollte, da er auf diesem Feldzuge sein Leben verlor.