Massaua, das alte Sabaitikon stoma[20], hatte, seitdem ich es 1868 gesehen, bedeutende Veränderungen erlitten und zwar zu seinen Gunsten. Bei meinem Besuch im genannten Jahre war das einzige Gebäude, welches an europäische Verhältnisse erinnerte, das, welches Munzinger, zu der Zeit englischer und französischer Consul, bewohnte. Selbst das ehemalige Haus des Gouverneurs, sowie das des frühern Consuls Plowden konnte nicht als anständig bezeichnet werden. Jetzt aber hat man eine ganze Reihe relativ vorzüglicher Wohnungen gewonnen. Herr Raffray z.B. wohnt ganz gut, und das Gebäude des frühern Gouverneurs war ebenfalls für einen einheimischen Beamten vollkommen ausreichend. Besonders hübsch und elegant nahm sich das Massaua gegenüber aufgebaute Schloss aus, dermalen Chedivialisches Palais genannt, welches aber seinerzeit Arakel Bei für sich als Amtswohnung hatte errichten lassen.
Diesen ersten Eindruck erhielt ich sofort, als ich am folgenden Morgen Ali Risa, dem Generalgouverneur der Provinzen am Rothen Meere, meine Aufwartung machte und sodann Ali ed Din, den Gouverneur von Massaua, besuchte. Ersterer war mit einem eigenen Dampfer der Regierung gekommen und beabsichtigte nach Seila zu fahren. Ein gebildeter Herr, eigentlich seines Faches Architekt, sprach er fliessend Französisch und hatte sich auch sonst durchaus europäische Manieren angeeignet. Ali ed Din, von Haus aus tscherkessischer Sklave, verdankte andern mir nicht bekannten Umständen seinen hohen Posten. Beide Herren waren übrigens sehr freundlich und zuvorkommend. Man schickte gleich eine Ehrenwache, wie es überdies mir als türkischem Bei und dann speciell als Gesandten Sr. Maj. des Deutschen Kaisers zukam.
Darauf wurden die Zollangelegenheiten geordnet, was gerade nicht sehr glatt abging. Freilich hatte ich dreissig Kisten und Koffer, und anfangs bestand der französische Director durchaus auf Durchsicht meines Gepäcks, bis er sich endlich durch den Platzgouverneur überzeugen liess, dass die von Kairo aus meinerseits gegebenen Befehle genau einzuhalten wären.
Nun war noch die Wohnungsfrage zu erledigen. Am besten wäre es gewesen, gleich hinauszuziehen nach Hotumlu und dort die Zelte aufzuschlagen. Ich hatte ein sehr geräumiges englisches Leinwandhaus, welches früher Speedy besass, gekauft, und in diesem mit doppeltem Dache und allen andern Bequemlichkeiten, wie Badezimmer, Küche u.s.w., versehenen Zelte hätte ich aufs beste wohnen können. Aber es fehlte noch manches andere, namentlich waren noch viele Einkäufe an Waaren, Geschenken und Lebensmitteln zu machen, sodass ich es für rathsam hielt, vorerst in Massaua selbst zu bleiben, und mit Dank das gütige Anerbieten des Herrn Tagliabue, in seine Wohnung zu ziehen, annahm. Der damalige italienische Minister der auswärtigen Angelegenheiten, Herr Cairoli, hatte die Güte gehabt, mir ein Empfehlungsschreiben für ihn mitzugeben. Und möge Herr Tagliabue, dem ich auf andere Weise gar nicht genügend meinen Dank abstatten konnte, an dieser Stelle denselben noch einmal entgegennehmen; er kommt von Herzen. Man bedenke nur, welche Last er sich durch meine Aufnahme in seine allerdings hinlänglich geräumige Wohnung aufbürdete! Und nicht blos um meine Wenigkeit allein handelte es sich, auch Dr. Stecker, Karl Hubmer, und gar bald eine Menge abessinischer Diener mussten untergebracht werden. Dazu die vielen Kisten und Kasten, die vielen Säcke mit Vorräthen, selbst Maulthiere und Hunde, die uns gehörten, füllten bald den Hof des Hauses. Wir speisten gemeinschaftlich mit Herrn Tagliabue und dessen jüngerm Bruder, und auch zu den Ausgaben des Tisches erlaubte uns unser Wirth keinen Beitrag.
Massaua, eine Insel, ist 1 km lang und von ONO. nach WSW. gelegen. Die Breite beträgt an der breitesten Stelle nicht mehr als ca. 250 m. Die Hälfte, und zwar die westliche, ist mit Häusern und Hütten bedeckt, während die östliche Seite auf der äussersten Spitze ein schlechtes Befestigungswerk mit einigen alten Kanonen und einer kleinen Kaserne aufweist. Dicht dabei befindet sich die französische Mission und Kirche. Wie in manchen Gegenden, z.B. in Posen, polnisch und katholisch, deutsch und protestantisch sich decken, so ist im Orient, besonders in Abessinien, französisch und katholisch, englisch und protestantisch ein und derselbe Begriff. Ich werde später noch darauf zurückkommen.
Auf der Insel Massaua, welche jetzt aber keine wirkliche Insel mehr ist, leben höchstens 1500 Einwohner. Zum Theil bestehen diese aus Europäern, besonders Griechen, Banianen, d.h. Ostindiern, in deren Händen sich der hauptsächlichste Handel, namentlich der Handel mit Perlen, concentrirt, und Eingeborenen vom Festlande. Wir besitzen von Massaua so vorzügliche Beschreibungen der neuern und neuesten Zeit[21], dass ich darauf verzichte, irgendetwas Neues über die dortigen Verhältnisse zu bringen.
Auf einige Aenderungen will ich indess in aller Kürze aufmerksam machen. So liess Munzinger, als er noch Generalgouverneur war, die Insel mittels eines festen Dammes mit der nahen Insel Tolhut oder Taulhut verbinden. Bei der geringen Tiefe von kaum 1,50 m war damit keine grosse Schwierigkeit verbunden. Grössere Mühe machte schon die Verbindung Tolhuts selbst mit dem Festlande, aber auch das bewerkstelligte Munzinger und vervollständigte diese nützliche Anlage dadurch, dass er ganz im Osten von Hotumlu am obern Flussbett des Mpasi, welcher durch Mkullu und Hotumlu fliesst, eine unterirdische Wasserleitung legte und bis Massaua führte. Da aber bei den Mohammedanern Unterhaltungskosten vollkommen unbekannte Dinge sind, so zerfiel die Wasserleitung nach Munzinger’s Ermordung, und jetzt läuft das Wasser nur noch bis Hotumlu.
Auf der Südspitze von Hotumlu hat die ägyptische Regierung ein ziemlich starkes Erdwerk errichtet, dort, wo etwa vor nunmehr fünfzig Jahren unser wackerer Landsmann Hemprich begraben sein mag. Hier concentrirt sich überhaupt jetzt das officielle Leben. Denn wenn auch der eigentliche „Divan“ in der Stadt selbst, gegenüber dem Zollbureau, dicht am Hafen gelegen ist, so befindet sich doch hier die Wohnung Ali ed Din’s, wo er gleichfalls „Divan“ abhält. Ebenso die Telegraphenanstalt mit dem Staatsschatz. Die eigentliche Garnison von Massaua, ein Bataillon schwarzer, sehr gut uniformirter und vorzüglich (mit Remington) bewaffneter Soldaten, campirte auf Tolhut. Campiren ist eigentlich kaum der richtige und Kaserniren der richtigere Ausdruck, denn die Soldaten sind in geräumigen, mit Strohdächern versehenen Hütten untergebracht, deren Seitenwände aus durcheinandergeflochtenen Zweigen bestehen. Auf diese Weise circulirt die Luft, und die Sonne wird, ebenso wie feuchte Niederschläge, durch das Strohdach abgehalten.