Es kam aber der Zeitpunkt immer näher, wo ganz Aethiopien Ein Reich werden sollte, was es seit Jahrhunderten nicht gewesen war. Mitte 1879 zog der Kaiser nach dem Süden, um Schoa zu unterwerfen und Menelek zu zwingen, ihn anzuerkennen. Aber es kam nicht zur Schlacht. Als die beiden Armeen einander gegenüberstanden, zeigte Menelek an, er sei bereit, sich zu unterwerfen. Auch er, der viel Aeltere, was Abkunft anbetrifft, und Vornehmere, wollte sich beugen vor dem neuen Kaiser, vor dem „Auserwählten Gottes“, Und aus Erfahrung an andern Fürsten wusste er, dass der Negus Negesti ihn nicht entthronen würde. Hatte er doch Ras Adal zweimal verziehen! Eine von der Politik Theodor’s ganz verschiedene befolgte Johannes. Während jener, wenn er sich eine Provinz, ein abessinisches Königreich eroberte, stets einen neuen und, wie er annahm, ihm ergebenen Gouverneur oder König einsetzte, lässt der jetzige Negus Negesti, wenn irgend möglich, den Bewohnern ihre angestammten Gouverneure und Regenten. Und hierauf rechnete auch Menelek, der Sohn von vielen Königen!

Menelek schrieb Johannes, er würde sich bei ihm einstellen, mit dem Stein auf dem Nacken: ein noch immer geübter Brauch der erniedrigendsten Art der Unterwerfung in Abessinien, etwa das, was die Römer mit ihrem „durchs Joch gehen“ verstanden. Der Kaiser schrieb ihm, es sei dies nicht nöthig, er möge nur auf dem Evangelium einen Eid schwören, nie wieder revoltiren zu wollen. Sein Königreich dürfe er behalten[44], aber alljährlich müsse er bestimmten Tribut zahlen.

König Menelek erschien aber in der That vor versammeltem Hof mit einem schweren Block auf dem Halse. Als der Negus Negesti den Mann in einer solchen Erniedrigung erblickte, sprang er auf und befahl dem General Ras Alula, den Stein abzunehmen, worauf er Menelek umarmte und unter einem Strom von Thränen seine eigene Krone bringen liess, mit der er ihn krönte. Mit dieser Krönung Menelek’s, mit der Unterwerfung Schoas war Abessinien, abgesehen vom Küstenbesitz, auf welchen es mit Recht Anspruch machen kann, ein einziges Reich geworden. Für den Nachfolger Theodor’s hatte sich dessen Traum erfüllt.

Ein wichtiges Ereigniss, denn die verschiedenen europäischen Gesandtschaften, welche der Negus Negesti inzwischen empfing, können nur als Höflichkeitsbesuche gelten, war im Winter 1879/80 die Gesandtschaft Gordon Pascha’s an den Hof des Kaisers von Abessinien. Der ehemalige englische Oberst, welcher in China so Vorzügliches leistete, stand seit Jahren in ägyptischen Diensten und hat sich als Generalgouverneur der sudanischen Provinzen unvergängliche Verdienste um die Abschaffung der Sklaverei und des Sklavenhandels erworben. Auch seine Bemühungen zur Heranbildung gerechter und unbestechlicher Beamten, welche die ihm anvertrauten Provinzen und Unterthanen mit Güte und Gerechtigkeit regieren, können gar nicht hoch genug angeschlagen werden. Aber wir zweifeln, ob er für eine solche Reise zu einem solchen Herrscher sich eignete. Seine Mission schlug denn auch gänzlich fehl, sodass das Verhältniss zwischen dem Negus Negesti und dem Chedive womöglich sich noch verschlimmerte. Ohne Zweifel beleidigte Gordon den Negus durch zu barsches Auftreten, und dann wieder und jetzt aufs höchste dadurch, dass er den an den Chedive geschriebenen Brief erbrach.[45] Dazu war Gordon Pascha unzweifelhaft vom Chedive ermächtigt.

Erwähnen will ich noch, dass ein gewisser Uadenkal, welcher in Bogos lebte und, obschon Abessinier, sich Aegypten anschloss, angewiesen wurde, sich ruhig zu verhalten, was er jedoch so wenig that, dass er sogar den Sohn Theodor’s, den damals noch lebenden Prinzen Alamayo, als Gegenkaiser aufstellen wollte. Erst als er die Unterwerfung Menelek’s erfuhr, kehrte er nach Abessinien zurück und der Kaiser verzieh ihm auch.

Gordon stand seit 1877 in Unterhandlungen mit dem Kaiser. Im Jahre 1879 schickte er den Herrn Winstanley an den Negus mit Geschenken und Friedensvorschlägen, und obschon der Negus auf Gordon’s Vorschläge sich nicht einliess, welche im Namen des Chedive, aber gegen Gordon’s eigenen Wunsch, auf den Verbleib von Bogos bei Aegypten lauteten, schrieb er doch folgenden recht freundlich gehaltenen Brief[46] an ihn:

„Von Seiner Majestät Johannes, König der Könige von Aethiopien, an Gordon Pascha.

„Mein lieber Freund, Gott sei Dank, ich und mein Volk befinden uns wohl. Die Sachen, welche Sie mir geschenkt haben, habe ich erhalten aus den Händen Winstandling’s: Sammt, einen Silbersattel, zwei goldene Anzüge (d.h. Brokatstoffe), fünf Ellen roth Bannasi, zwei rothe Anzüge, einen Silberteller mit zwölf Silbertassen und einer goldenen, eine schöne Flinte und einen schönen Teppich.

„Mein Freund, ich bin sehr dankbar für die Güte, welche Sie mir erwiesen haben; ich habe alles gesagt, was nöthig ist. Meine Wünsche wird er (der Ueberbringer des Briefes) Ihnen mittheilen. Ich hoffe, Sie bald zu sehen.“

Gordon, mit der Administration seiner ausgedehnten Provinzen beschäftigt, wurde sodann im August 1879, nachdem Tewfik die Regierung angetreten hatte, nach Kairo berufen und erhielt den Auftrag, sich sofort nach Abessinien zu begeben, um mit dem Negus Negesti Frieden zu schliessen. In Massaua am 5. September 1879 angekommen, brach er von dort am 11. September auf, war beim Gouverneur von Hamasen, Ras Alula, am 17. desselben Monats, und erreichte nach fast sechswöchentlicher ununterbrochener Reise Debra Tabor, woselbst er sogleich zum Negus geführt wurde. Der griechische Consul Mitzaki von Sues befand sich ebenfalls dort. Gordon überbrachte ein chedivialisches Schreiben mit der Anfrage, unter welchen Bedingungen der abessinische Herrscher gewillt sei, Frieden zu schliessen. Sodann sollte er die Herausgabe der Gefangenen[47] beantragen.