Gleich die erste Zusammenkunft trug einen unfreundlichen Charakter. Da stand auf der einen Seite der Mann, welcher, von Glücksumständen getragen oder, wie er selbst glaubte, durch göttliche Vorsehung erkoren, sich zum Alleinherrscher eines bis dahin stets zersplitterten Reiches aufschwang, eines Reiches, welches seiner Meinung nach zu den mächtigsten der Erde zählte; der ausserdem von den geographischen Zuständen und namentlich von den Machtverhältnissen der übrigen Länder die kindlichsten Begriffe besass, etwa wie weiland sein berühmter Vorfahr David oder Salomon; der, im Vollgefühl, die Aegypter zweimal aufs Haupt geschlagen zu haben, glaubte, als Sieger sein vae victis! unbedingt durchführen zu können. Und auf der andern Seite Gordon, der, im Bewusstsein seiner grossen Verdienste um Humanität im allgemeinen, sich beim Friedensschluss nach dem Krimkrieg als vorzüglicher Politiker erwies; der an der Spitze der chinesischen Armee die Aufständischen bezwang und dadurch ein wahres Feldherrntalent an den Tag legte; der endlich in Aegypten durch seine administrativen Maassnahmen sowie durch die Mittel, welche er zur Unterdrückung des verabscheuungswürdigen Sklavenhandels in Anwendung brachte, einen neuen Lorberkranz seinem alten Ruhme hinzufügte; der, obwol in ägyptischen Diensten, seine englische Zugehörigkeit nicht aufgab, ja nicht einmal aus dem Verband der britischen Armee schied; der jederzeit das Bewusstsein: „civis romanus sum“, in der Brust trug; der jetzt über ein Gebiet regierte, fünfmal grösser als das des abessinischen Kaisers und fast mit derselben persönlichen, sonst aber mit grösserer Machtfülle als dieser!

Der Negus Negesti musste schon deshalb für Gordon kein wohlwollendes Gefühl in seiner Brust hegen, weil dieser in die Dienste eines mohammedanischen Herrschers getreten war. Die Mohammedaner oder Türken oder Aegypter, alle diese drei Namen decken sich für die Abessinier und sind ihnen das Verabscheuungswürdigste, was auf der Erde existirt. Allerdings ist es ja oft genug vorgekommen und kommt noch immer vor, dass abessinische Häuptlinge sich mit den Mohammedanern verbündeten, dass christliche Abessinier zum Islam übertraten; aber der echte Abessinier sieht sein Heil nur im Christenthum, Abessinier und Christ ist ihm so gleichbedeutend wie Türke und Mohammedaner.

Bei der Audienz erfuhr Gordon nun zum ersten mal, was der Negus, um Frieden zu gewähren, verlangte, nämlich: Bogos, Metemmeh, Schangalla, die Häfen von Sula und Amphila, einen Abuna und eine Kriegsentschädigung. Zum Theil waren diese Forderungen den Aegyptern bekannt. Aber merkwürdigerweise hatte Gordon die Instruction von der chedivialischen Regierung, keine einzige zu bewilligen. Doch eine, nämlich Abessinien dürfe sich einen Abuna „kaufen“ vom koptischen Patriarchen. Auch wolle sich die chedivialische Regierung zu Verhandlungen wegen freien Durchgangs von Waaren über Massaua herbeilassen. Von vornherein konnte man unter diesen Umständen durchaus kein Resultat erwarten.

Die letzte Audienz, am 8. November, spiegelt den Gang der ganzen Unterhandlungen wider, weshalb wir darüber nach Gordon’s eigener Mittheilung im „Anti-Slavery Reporter“[48] die wörtliche Wiedergabe als historisch und culturhistorisch interessant mittheilen:

Am 8. November hatte Gordon seine letzte Zusammenkunft mit Johannes, welcher sehr schlecht gelaunt war und keine Lust sich auseinanderzusetzen zeigte. Der griechische Consul (Herr Mitzaki) von Sues war auch anwesend.

Der König sagte: „Haben Sie noch irgendetwas zu sagen?“

Gordon erwiderte: „Nein.“

Dann sagte der König: „Gehen Sie zu Ihrem Herrn zurück, ich werde Ihnen den Brief senden.“

Gordon fragte: „Wollen Sie mir nicht die gefangen gehaltenen ägyptischen Soldaten zurückgeben?“

Johannes wurde sehr böse und rief aus: „Weshalb fragen Sie danach? Sie haben viele von meinen Soldaten als Gefangene zurückbehalten.“