Gordon antwortete: „Nein, jeder ist freigegeben worden; fragen Sie den Consul.“

Der Consul schwieg[49], und der König hob die Zusammenkunft mit den Worten auf: „Ich habe schon einen Brief dieserhalb geschrieben, und ich werde noch einen andern schreiben. Geh.“

Eine Stunde später erhielt Gordon den Brief und brach auf, um über Galabat nach Chartum zu gehen. Aber in der Voraussetzung, dass der Brief seinem Inhalt nach nicht in Ordnung sei, öffnete er ihn und fand Folgendes[50]:

„Wie geht’s Dir in dieser Woche?[51] Gott sei gedankt, ich und meine Soldaten wir befinden uns wohl. Der von Dir mir geschickte Brief ist mir zugekommen. Wegen eines Friedensschlusses hast Du mir jenen Mann geschickt. Nachdem Du mich beraubt hattest, kämpftest Du gegen mich ohne Wissen der Könige, aber die Könige werden davon in Kenntniss gesetzt werden. Und jetzt möchtest Du heimlicherweise, wie man es zwischen Räubern thut, Frieden schliessen. Wie kannst Du den Frieden schliessen, wenn Du die Kaufleute und die Landbevölkerung im Verkehr hinderst? Die Könige werden über mein Verhalten und Deines in Kenntniss gesetzt werden. Geschrieben in Senna am 29. October[52] 1879.“

Wie Gordon mit Recht hervorhob, bildete dieser Brief einen seltsamen Contrast mit dem so höflich gehaltenen des Chedive. Aber andererseits darf man nicht vergessen, dass, wenn auch der Chedive äusserst höflich schrieb, Gordon doch keine einzige Concession mitbrachte, um auch nur einigermassen den von Aegypten Abessinien verursachten Schaden zu vergüten. Aegypten hatte doch die Provinzen Bogos und Mensa geraubt, und die früher von Abessinien halb abhängigen Galabat, Gedaref und Harar, welche alljährlich bis zur Thronbesteigung Theodor’s Tribut entrichteten, ganz einverleibt. Ausserdem erfahren wir aus diesem Schreiben, dass der Negus Negesti gar keine eigentliche Vorstellung von der Macht des Chedive, von der Grösse Aegyptens besitzt. Wahrscheinlich lebt man in Abessinien immer noch im Glauben, Aegypten sei, wie vor Mehemed Ali’s Regierungsantritt, ein von der Türkei durchaus abhängiges Paschalik. Ferner erhellt aus dem Briefe des Negus, dass er von europäischen Verhältnissen die eigenthümlichsten Vorstellungen haben muss. Denkt er sich „die Könige“ als eine Vereinigung, als einen Areopag? Alles das ist so unklar.

Aber Gordon hat vollkommen recht, wenn er ausruft und einestheils seinen Miserfolg diesem Umstand zuschreibt:

„Ich war überzeugt, dass der König aufgehetzt worden war von Personen an seinem Hof, welche ihn überredeten, nur zu fordern, es würde schon bewilligt werden.“

Nichts wollte er indess unversucht lassen, und so schrieb er denn an Herrn Mitzaki, den griechischen Consul, um zu fragen und zu erforschen, warum der König diesen Brief geschrieben, anstatt, wie er versprochen, einen mit den von ihm erhobenen Ansprüchen zu formuliren. In einer Audienz zuvor hatte nämlich der Negus Gordon versprochen, die oben mitgetheilten mündlichen Forderungen dem Chedive brieflich mitzutheilen. Es wurde Gordon geantwortet[53]: „Man hätte den König wegen des Briefes gesprochen und derselbe habe geantwortet, er habe dem Chedive so geschrieben, wie er es für passend hielte, und dass er andere Briefe schreiben würde, wenn es in den Interessen seines Staates läge.“ Dies war eine offenbar von einem Europäer inspirirte Antwort. „Staatsinteressen“, das sagt kein Negus. Ein Negus Negesti kennt nur l’État c’est moi. Aber sei dem wie ihm wolle, Gordon hatte nichts erreicht und musste auf dem Rückwege noch die unangenehme Erfahrung machen, dass fast auf der Grenze von Galabat sich ihm Truppen des Ras Areya (Oheim des Negus) entgegenstellten mit der Weisung, die Abreise Gordon’s nach dieser Seite hin zu verhindern und ihn auf Massaua zu dirigiren. Auch auf dieser Rückreise begegneten Gordon noch manche Widerwärtigkeiten. Am 7. December 1879 erreichte er Massaua wieder und zerstörte somit durch seine Ankunft alle namentlich über seine Gefangenschaft entstandenen Gerüchte.

Während der Negus Anfang 1879 schon Briefe an die christlichen Grossmächte wahrscheinlich durch Private hatte befördern und in Massaua auf die Post geben lassen, schickte er mit dem nach Sues zurückkehrenden Herrn Mitzaki neue Schreiben an die europäischen Mächte, Klageschriften, worin er die Könige aufforderte, ihm beizustehen im Kampfe gegen die Ungläubigen und Aegypten zu befehlen, an Abessinien die eroberten Länder und namentlich die Küste wieder abzutreten, die es vorher besessen habe. Aus diesem Schreiben geht deutlich hervor, dass der Negus sich sämmtliche christliche Mächte als in ihren Interessen solidarisch verbunden dachte. Wie er das vereinbarte mit dem Gedanken an den Krimkrieg, wo Frankreich, England und Sardinien auf seiten der Mohammedaner die orthodoxen Russen bekämpften, ist schwer zu sagen. Wahrscheinlich dachte er: wenn ein abessinischer Fürst, Uld Michael, sich mit Mohammedanern verbündete, dann konnte es zur Bekriegung Russlands auch Napoleon.

Wie wir in der Folge sehen werden, sind die Versuche des Negus Negesti, die europäischen Regierungen für die abessinischen Angelegenheiten zu interessiren, bislang erfolglos geblieben. Anders wäre es vielleicht gewesen, wenn der Kaiser es verstanden hätte, sich mit Gordon besser auseinanderzusetzen.