Gordon, mit seinem persönlichen Einfluss und in seiner Eigenschaft als Engländer, also der Nation angehörend, welche Indiens halber sich aufs lebhafteste für alles interessirt, was am Sueskanal und an der natürlichen Verlängerung desselben, am Rothen Meere, vorgeht, hätte es vielleicht vermocht, England für Abessinien zu interessiren, denn in seiner uneigennützigen, edeln Weise war er trotzdem ein Freund Abessiniens, ja, ein Freund des Negus Negesti geblieben, so schwer ihn derselbe auch beleidigt hatte. Freilich wusste Gordon, dass diese Beleidigung nur aus der Unkenntniss des Negus mit den auswärtigen Zuständen entsprang und ausserdem fremden Einflüsterungen ihre Entstehung verdankte. Aber wie mancher andere würde jetzt erst recht feindlich gegen den Negus aufgetreten sein. Gordon im Gegentheil verliess gleich nach seiner Rückkehr nach Kairo den ägyptischen Dienst für immer. Er wollte von nun an die Möglichkeit des activen Vorgehens gegen Abessinien vermeiden. Wenn er bis dahin in strengem Pflichtgefühl treu zu seinem Souverän stand und unter den schwierigsten Umständen und ohne Aussicht auf Erfolg eine Mission unternahm, welche viel Beschwerde und Mühe, aber keinerlei Lohn und Ruhm einbrachte, so wollte er jetzt nichts mehr mit einer Regierung zu thun haben, welche ihn möglicherweise in die Nothwendigkeit hätte versetzen können, feindselig gegen ein christliches Volk vorzugehen. Gordon ist eine durchaus christlich angehauchte Natur, ein eigenartig religiös angelegter Mensch. Daher musste auch das Christenthum der Abessinier auf ihn, den momentan in mohammedanischem Dienste stehenden Christen, einen bedeutenden Einfluss ausüben. Und wenn er auch aus Pflichtgefühl seinem Herrn nicht untreu ward, so scheint es doch unzweifelhaft, „dass die vom Negus gemachten Versuche, Oberst Gordon von seinen ägyptischen Verpflichtungen gegen den Chedive abzuziehen, und dass die Vorstellungen, ein Christ und ein Engländer müsste doch eher freundschaftliche Gefühle für einen christlichen Monarchen haben, als für den Chedive, der doch Ungläubiger sei“, nicht ganz ohne Einfluss auf ihn blieben.

Wir erfahren das aus einem Briefe, den Oberst Gordon am 1. Januar 1881 an die „Times“ sandte. Derselbe lautet in freier Uebersetzung:

„Mein Herr, ein Telegramm meldet, dass der König von Abessinien Gesandte nach Kairo geschickt habe, um wegen des Friedens zu unterhandeln.[54]

„Abyssinia bildet seit Jahrhunderten eine christliche Nation. Die Abessinier besitzen die Heilige Schrift, worin sie wohlbewandert sind. Sie sind frei von den Lastern der Orientalen und ein schöner männlicher Volksstamm. Sie haben das Recht auf die Sympathie der christlichen Nationen; denn wie trübe auch das Licht ihrer Kirche brennt, es lebt doch noch, und es hat sich erhalten trotz der zahllosen Invasionen, welche ihre mohammedanischen Nachbarn unternahmen, und obschon keine andere christliche Kirche Hülfe brachte.

„Lord Napier kann davon erzählen, zu wie grossem Dank er und seine Armee Prinz Kassai (jetzt König Johann) verpflichtet waren für die Hülfe, welche dieser Prinz ihm leistete im Kriege gegen Theodor. Und so sollte man hoffen, dass bei etwaigen Unterhandlungen zwischen Abessinien und Aegypten – und hierbei muss unsere Regierung notwendigerweise um Rath gefragt werden – keine parteiische Hinneigung zu letzterer Macht stattfände.

„Der Gegenstand des Streites ist das Gebiet von Bogos, das durch Munzinger 1869 oder 1870 den Abessiniern abgenommen wurde. Die ägyptische Regierung erklärt, dass eine Rückgabe dieses Gebietes eine Verletzung des Firmans des Sultans in sich schliesse, welchem zufolge kein Theil des ägyptischen Gebietes abgetreten werden dürfe. Aber das passt hier nicht, denn Bogos war nie ägyptisches Gebiet. Und da Aegypten niemals der Pforte die Einverleibung von Bogos anzeigte, kann diese auch nichts davon wissen.

„Bogos ist ein kleines Land und liegt als Vorsprung auf dem abessinischen Hochlande. Wenn eingesammelt, betragen die Einkünfte jährlich 700 Pfd. St.; in den letzten vier Jahren wurden keine Abgaben eingesammelt. Die fortgesetzte Einverleibung von Bogos kostet den Aegyptern 12000 Pfd. St. jährlich; man sollte es daher zurückgeben im Interesse der Gerechtigkeit und des Staates. Oder die ägyptische Regierung müsste sich mit dem König für die Besitzergreifung abfinden durch einen zu zahlenden Tribut oder durch Kauf. In Wirklichkeit ist das Land werthlos für Aegypten; es hat nur den Nutzen, dass die von Massaua nach Aegypten führenden Telegraphenlinien dasselbe schneiden. Diese könnten aber ebenso gut längs des Ufers von Massaua nach Suakin geführt werden. Der sudanische Handel geht nicht durch Bogos, sondern nach Suakin.

„Die nächste Frage betrifft den Handel eines grossen Landes, es ist das die abessinische Hafenfrage. Der Einwand ward erhoben, man könne den Abessiniern keinen Hafen geben, weil sie ein zu wildes Volk seien. Ist es aber nur möglich, sie weniger wild zu machen, wenn man sie nicht aus ihrer Isolirung befreit? Betrachtet man das Zollamt in Massaua, so sieht man, dass die meisten dort aus- und eingeführten Waaren von Abessinien sind und nach Abessinien gehen. Aegyptischer Handel existirt dort fast gar nicht. Der Hafen von Annesley Bai, den der König mit einem kleinen dazugehörigen Gebiet zu haben wünscht, bringt jährlich 100 Pfd. St. an Abgaben ein. Es ist noch eine Frage, ob es zu Aegypten gehört. Einst besassen wir es, und Frankreich machte in vergangenen Zeiten Anspruch darauf. Es würde nicht mehr als billig sein, dem König einen freien Zugang zur See zu gewähren, wie man einen solchen auch für Montenegro geschaffen hat.

„Die nächste Frage ist die Forderung des Negus, einen Erzbischof oder Abuna zu besitzen. Seit Jahrhunderten erhält die abessinische Kirche diesen Abuna aus der koptischen Kirche. Dies ist von Wichtigkeit, da blos der Abuna die Priester ordiniren kann. Der König hat deshalb wegen der Feindseligkeit der beiden Regierungen seit Jahren ohne Abuna sich behelfen müssen[55], und während der ganzen Zeit konnten keine Priester ordinirt werden.

„Die Aegypter haben deshalb eine so grosse Abneigung gegen die Abtretung eines Hafens, weil sie der Sage glauben, dass vor der Auferstehung oder dem Jüngsten Tag die Kaaba von den Abessiniern würde zerstört werden; aber da diese Zerstörung ein Zeichen vom Herannahen des Jüngsten Tages sein soll, so kann das ja schliesslich für Aegypten ganz einerlei sein.