„Mohammed prophezeite auch seinen Anhängern Strafe, wenn sie sich je unterfangen sollten, die Abessinier anzugreifen; dankbar wollte er sich dadurch erweisen für den Schutz, den sie seiner Familie angedeihen liessen während der Verfolgung seitens der Koreischiten.“ –

Der griechische Consul in Sues, Herr Mitzaki, reich mit Ehren und Geschenken überhäuft, hatte den Negus bald nach Gordon’s Abreise ebenfalls verlassen. Er überbrachte für den König von Griechenland, für den griechischen Kronprinzen und den Ministerpräsidenten die Decoration des vom Negus Johannes wieder erneuerten Salomonis-Ordens. Ursprünglich von Theodor gestiftet, hatte derselbe drei Klassen. Die Form war bei allen dieselbe: zwei ineinanderliegende Dreiecke, genau so, wie das Staatswappen der marokkanischen Kaiser und das der bairischen Bierwirthe. Kaiser Johannes lässt die Decoration aus massivem Gold herstellen und die Goldstäbe abwechselnd mit Diamanten und Türkisen besetzen. Man hat sich in Aegypten viel die Köpfe darüber zerbrochen, woher diese Intimität zwischen dem Negus und dem Basileus stamme; man sagte, der griechische Consul wolle den Negus überreden, einen griechischen Abuna, statt eines koptischen, zu nehmen[56], und ausserdem für Griechenland ausschliesslich Handelsvortheile gewinnen u.s.w. u.s.w. Alles das ist möglich. Und wir gestehen offen, dass, wenn es Herrn Mitzaki gelungen wäre, den Negus zu überzeugen, es sei vortheilhafter, einen griechischen Abuna statt eines koptischen zu nehmen, dies für Abessinien nur hätte von Vortheil sein können. Denn ein koptischer Abuna war doch einst ägyptischer Unterthan, Unterthan eines Mohammedaners und bot daher stets leichter eine Handhabe zum Intriguiren, was man von einem griechischen Abuna nicht zu fürchten brauchte. Griechenland ist ausserdem zu weit entfernt und zu schwach, um irgendwie Einfluss auszuüben oder gar activ in Abessinien einzugreifen. Davon hat allerdings ein Abessinier keinen Begriff; sagt ihm jemand, Griechenland sei mächtiger als alle übrigen Staaten Europas zusammen, so liegt kein Grund für ihn vor, dies für unwahr zu halten.

Als wichtiges Ereigniss muss sodann noch verzeichnet werden die Krönung des Gouverneurs von Godjam, Ras Adal, zum König Teklahaimanot; sie fand Mitte Januar 1881 statt. Ras Adal, welcher früher ebenfalls gegen den Negus Negesti rebellirte, bewies sich in letzter Zeit als treu, nahm lebhaften und wirksamen Antheil an der Schlacht von Gura und bewirkte gleich darauf die Unterwerfung von Kaffa und Enarea, wofür ihn der Negus Negesti nun belohnte. Um die Krönungsfeierlichkeit noch grösser zu machen und mit allem nur möglichen Pomp zu veranstalten, wurde auch der König von Schoa zu dieser Feierlichkeit eingeladen, und zum ersten mal seit undenklichen Zeiten sahen wir im Jahre 1881 das geeinigte alte äthiopische Reich mit seinem Negus Negesti Johannes an der Spitze und unter ihm die Königreiche Schoa, Godjam und den nördlichen Theil Tigre, welches allerdings heute noch keinen König besitzt, voraussichtlich denselben aber demnächst, in der Person des Ras Areya, des einzigen Sohnes des Kaisers selbst, erhalten wird.

Mehr aus Höflichkeit als aus irgendeinem andern Grunde antworteten die verschiedenen Mächte auf die Schreiben des Negus Negesti. Der Verfasser war am ersten zur Reise gerüstet und konnte als erster noch im Jahre 1881 abessinischen Boden betreten.

Nach dieser kurzen Excursion auf das Gebiet der neuesten Begebenheiten in Abessinien wollen wir den Faden der Erzählung wieder aufnehmen, welche im ersten Kapitel die Uebersiedelung nach Hotumlu berichtete.

VIERTES KAPITEL.
AUFENTHALT IN HOTUMLU.

Der Berg Gedem. – An den abessinischen General Ras Alula. – Antwort Ras Alula’s. – Abermals an Ras Alula und dessen Antwort. – Die Furcht vor den Abessiniern. – Fahrlässigkeit der Orientalen. – Die für den Negus Negesti bestimmten Geschenke. – Besteigung des Gedem. – Der Naib. – Der freundliche Besitzer einer Hütte. – Zahlreiche Begräbnissplätze. – Beschaffenheit und Umgebung des Gedem. – Affen. – Je ein geschlachtetes Thier für Mohammedaner besonders und für Christen (Abessinier) besonders. – Die Aussicht vom Gedem. – Messung des Gedem. – Abstieg. – Vegetation. – Fauna. – Der Klippschliefer. – Körperbeschaffenheit, Bekleidung, Nahrung der Bewohner. – Das weibliche Geschlecht.

Unser Lagerplatz befand sich auf einer kleinen luftigen Anhöhe und bot eine entzückende Aussicht. Nach Westen zu hatte man das unvergleichliche Alpenpanorama von Abessinien vor sich. Gegen Abend, zuweilen allerdings auch bei Tage, lagen gewöhnlich schwere Haufenwolken auf den Bergriesen, und an irgendeiner Stelle – das sah man deutlich – witterte und regnete es. Aber des Morgens, wenn die aus dem Meere auftauchende Sonne der Gebirgswand neues Licht spendete, zeichneten sich mit wunderbarer Klarheit die Umrisse der einzelnen Berge ab. Imposant trat namentlich etwas südlicher der mächtige, vom eigentlichen Hochplateau abgelöste Bisenberg mit dem darauf befindlichen Kloster hervor. Letzteres konnte man jedoch der örtlichen Verhältnisse wegen nicht unterscheiden. Im Süden aber, etwas zu Ost, erhob sich nahe vor uns der grossartige Gedem, welcher, wenn auch im Vergleich zu den abessinischen Nachbarn an Höhe nur ein Kind – seine Höhe ist etwa die des Brockens – sich dadurch bemerkbar machte, dass er plötzlich aus einer kaum über dem Niveau des Meeres am Meere gelegenen Ebene hervortrat. Vor dem Gedem lag Massaua, das Inselchen Tolhut, die grüne Insel Sidi Schich und links davon mit seinen phantastischen Formen zeichnete sich das von Arakel Bei erbaute chedivialische Schloss ab. Nach Norden hatten wir den Blick auf das zwischen Tamarisken, Parkinsonien und Calotropis versteckte schmucke und stattliche Gebäude der schwedischen Missionare, während nach Ost zu die Hütten der Bewohner von Hotumlu uns die Ansicht aufs Rothe Meer entzogen. Unsern Hügel trennte nur ein schmaler Arm des Mpasi von der Wohnung Franz Hassen Bei’s, welche als ein Musterhaus aller Gebäude in jener Gegend dienen kann. Allen Reisenden ein treuer Berather, lebt Hassen Bei schon seit Jahren in Massaua oder Senhit als ägyptischer Beamter. Im Jahre 1882 war er sogar von der ägyptischen Regierung mit einer Mission an Johannes betraut und erledigte sich seines Auftrags in Adua, wo der Negus damals residirte. Verheirathet mit einer Enkelin des berühmten Negus Ubieh von Tigre, versteht sich diese würdige Dame vortrefflich auf die Führung des Hausstandes ihres Gatten und hat sich vollkommen die Art und Weise, wie Europäer leben, zu eigen gemacht. Hassen Bei war, als ich mich in Massaua befand, Vicegouverneur oder Adlatus des Gouverneurs und füllte zur Zufriedenheit Aller seinen Posten aus. Neben Herrn Tagliabue, welcher während unsere Aufenthaltes in Massaua uns am meisten mit Rath und That zur Seite stand, sind wir Herrn Hassen Bei zu grösstem Dank verpflichtet. Durch seine Vermittelung wurde mir auch der Regierungsdolmetsch zur Verfügung gestellt, durch den ich folgenden Brief an den General Ras Alula, Gouverneur der Provinz Hamasen, amharisch schreiben und absenden liess:[57]

„Massaua, 18. November 1880. Der Brief gelange an den geehrten Ras Alula vom Kaiserlich Deutschen Gesandten Rohlfs! Wie geht es Ihnen? Ich bin wohl, Gott sei Dank! Ich komme gesendet vom König von Preussen (ich hatte ‚Kaiser‘ dictirt; ‚Preussen‘ oder ‚Borussia‘ ist, wie ich andern Ortes erwähnt habe, bei den orientalischen Völkern synonym für Deutschland) mit einer Antwort auf Seiner Majestät Schreiben. Das zeige ich Ihnen, dem geehrten Ras Alula, hiermit an und bitte Sie nun, das Seiner Majestät eilig schreiben zu wollen. Wenn Sie mir bestimmen, will ich zu Ihnen kommen, um bei ihm (das ist ein Schreibfehler, ich hatte Ihnen geschrieben) zu bleiben, bis von Seiner Majestät Antwort für mich anlangt. Ich bitte, dass auch von Ihnen die Antwort mir bald zukommen möge. 10. Hedar 1873.“ (Alter Stil.)