Man wird aus diesen Zeilen entnehmen, dass ich meinen Brief mit äusserster Höflichkeit abgefasst hatte; das Antwortschreiben des abessinischen Generals zeichnete sich aber keineswegs durch allzu grosse Höflichkeit aus. Es lautete:
„Der Brief des Ras Alula gelange an den kaiserlich deutschen Botschafter Rohlfs. Wie geht es Dir? Ich bin Gott sei Dank wohl. An Seine Majestät werde ich sofort für Dich einen Eilboten mit einem Briefblatt senden, und Du beeile Dich, sobald Seine Majestät Dich vorzulassen befiehlt, dass ich Dich sende. Das Schreiben mit dem geehrten Auftrag, das Du mir geschickt hast, ist an mich gelangt. Im Jahre der Barmherzigkeit 1873 geschrieben im Lager von Tzaazaga am 15. Hadar“ (23. November 1880).
Man ersieht hieraus, dass der abessinische General mich duzte, während ich ihn „Sie“ genannt hatte. Und man glaube keineswegs, dass dies eine gewisse Freundlichkeit ausdrücken sollte. Ich war ihm ein Fremder, und gegen Fremde tragen die Abessinier ein hochfahrendes Wesen zur Schau. Unter sich sind sie derart höflich und ceremoniell, dass kleine Kinder, wenn sie einander fremd sind, sich gegenseitig „Sie“ nennen und erforderlichenfalls die Titel „edler“, „hochwohlgeborener“, „right honourable“, „Hoheit“ u.s.w. u.s.w. mit peinlichster Gewissenhaftigkeit ertheilen. Ganz anders ist das bei den Arabern zwischen hoch und niedrig, Freund und Feind, alt und jung übliche „Du“! Wenn der Abessinier duzt, ist es nicht Vertrautheit, sondern es drückt einfach Geringschätzung aus, die allerdings zuweilen eine gewisse Vertraulichkeit in sich schliesst. Weder der ägyptische Regierungsdolmetsch noch andere hatten mir das gesagt. Erst bei meiner Rückkehr machte Schimper mich darauf aufmerksam, und die schwedischen Missionare bestätigten diese unhöfliche Angewohnheit. Ja, sogar die kleinen abessinischen, von ihnen aus Gnade und Barmherzigkeit aufgenommenen Zöglinge, die ihnen körperliches Wohlergehen, alles und alles verdanken, benennen sich unter sich mit „Sie“ und sonstigen hochtönenden Redensarten, während sie ihre Pfleger, Ernährer und Erzieher duzen. Auf diese Mittheilung der Missionare erlaubte ich mir die Bemerkung, dass solche Unarten am besten durch schlagende Verbesserungen abzustellen seien, aber die weichherzigen Leute ziehen es vor, sich duzen zu lassen. Was mich anbetrifft, so erfuhr ich die unhöfliche Art des Benehmens der Abessinier gegen Fremde, wie gesagt, erst später; aber selbst im Anfang meiner Reise davon unterrichtet, würde ich ebenso wenig wie Gordon und die Missionare einen cas daraus gemacht haben. Ich hätte mich trösten müssen mit dem Gedanken, dass nur die Dummen und Unwissenden unhöflich sind und Dummheit mit Eitelkeit und Unhöflichkeit untrennbar verbunden ist.
Auf ein zweites Schreiben, welches ich an den Gouverneur von Hamasen richtete, erhielt ich auch schnell Antwort. Mein zweiter Brief hatte folgenden Inhalt[58]:
„Der Brief gelange an den geehrten Ras Alula von Gerhard Rohlfs (ich hatte dictirt: der Brief gelange von Gerhard Rohlfs an den geehrten Ras Alula), Diener des Kaiser-Königs von Preussen! Wie ist es Ihnen ergangen? Ich bin wohl, Gott sei Dank! Ihr geehrtes Briefblatt, wofür ich danke, ist mir zugekommen. Ich danke Ihnen vielmals für Ihre Botschaft an Seine Majestät meinethalben. Jetzt habe ich noch 14 Tage hier zu warten, bis Babur (d.h. il vapore, der Dampfer) von Sues kommt. Ich bitte, dass Sie mir in diesen Tagen Leute und Vieh nach Sabarguma entgegenschicken wollen. Funfzig Ochsen zur Belastung bedarf ich. Zwei Tage, ehe ich aufbreche, werde ich nochmals Botschaft schicken, dass Sie mir 20 Soldaten bis Ginda entgegenschicken, die mir Sicherheit geben. Am 19. Hedar 1873“ (27. November 1880).
Hierauf traf rechtzeitig schnell folgende Antwort ein:
„Der Brief des Ras Alula gelange an den geehrten Gerhard Rohlfs, Minister (d.h. Diener) des Königs von Preussen. Wie ist es Dir ergangen? Ich bin, Gott sei Dank, wohl. Wenn Du kommst, mache, dass Du nach Ailet kommst. In Ginda sind muselmanische Räuber, welche plündern. Nach Ginda komme nicht! Wenn Du in Ailet anlangst, sende an mich! Ich werde Dir sofort Leute schicken, die das Geleit geben.“ (Ohne Datum.)
Hieraus ersieht man schon, dass ich noch längere Zeit in Hotumlu zu weilen hatte. Indess war der Aufenthalt in meinem grossen schönen Zelte mit Schattendach weit angenehmer als in Massaua. Die Nächte wurden gegen Morgen sogar kühl im Vergleich zur Tageswärme, denn vor Sonnenaufgang fiel das Thermometer häufig auf +20°C. Auch sonst unterhielten wir mit allen Bewohnern der Gegend gute Beziehungen. Mr. et Madame Lombard, welche sich nun auch zum Aufmarsch nach Abessinien rüsteten, hatten Wohnung genommen in der französischen Lazaristenmission, nahe beim schwedischen Missionsgebäude, und öfters machten wir uns Besuche. Sehr häufig kamen auch die ägyptischen Stabsoffiziere und blieben zum Essen bei mir. Der Generalgouverneur liess vor meinem Zelte einen Doppelposten aufstellen, und nachts bezog stets ein ganzer Zug mit einem Lieutenant Wache bei meinem Lager. Trotzdem ich innerhalb der befestigten Linie lagerte, denn das äusserste mit guten Kanonen bewehrte Fort, welches ein ganzes Bataillon regelmässiger Soldaten beherbergte, lag noch ca. 2 km von mir in Saga, wurde nicht selten bis zu meinem Lager, ja, bis zum eigentlichen Massaua alles in Angst und Schrecken gesetzt. Kurschid Bei, der Höchstcommandirende, kam einigemal sogar spät abends angeritten: „Die Abessinier, Ras Alula, sind im Anrücken!“ Es war immer blinder Lärm, aber die Panik so gross, dass alle ausserhalb der Vertheidigungslinie sich befindenden Bewohner eiligst zurückflüchteten. Ich bin fest überzeugt, dass wenn die Abessinier wirklich gekommen wären, kein ägyptischer Offizier, kein Soldat standgehalten hätte. Mit Leichtigkeit würden sich die Abessinier sogar Massauas bemächtigt haben. Darin sich zu behaupten, war allerdings unmöglich. Trotz der guten Waffen, trotz der anscheinend festen Disciplin und der übrigen guten militärischen Einrichtungen möchten ägyptische Truppen jetzt gegen Abessinier nicht zu verwenden sein. Die Angst und Furcht vor ihnen sitzt ihnen noch zu sehr in den Gliedern. Mehreremal, und das war sehr komisch, kamen von Senhit Depeschen: die Abessinier hätten grosse Niederlagen erlitten, hundert Mann seien gefallen, der und der Ras gefangen worden. Hinterher aber kam der hinkende Bote: „irgendein abessinischer Häuptling habe von Bogos oder einem andern ägyptischen Gebiete so und so viel hundert Schafe, Rinder u.s.w. weggetrieben, bei welcher Gelegenheit sich die ägyptischen Soldaten wohlweislich nach ihren Schanzen zurückconcentrirten!“ –
Seit den Munzinger’schen für Massaua wirklich grossartigen Verbesserungen hat man alles wieder ins alte Nichts zurückfallen lassen. Bei gegebenen Gelegenheiten können die Orientalen unternehmen, Bauten ausführen, Verbesserungen anbringen, aber die Anreizung dazu müssen sie immer von aussen empfangen. Einmal ausgeführt, denken sie nie an Unterhaltung. So ist denn die Wasserleitung, welche Munzinger von Mkullu bis in die Stadt Massaua leitete, schon zur Hälfte wieder eingestürzt und nur noch bis Hotumlu wirksam. Der Damm, welcher Massaua mit Hotumlu und dem Festlande bildet, ist dem Einsturze nahe. Kein Mensch denkt an Ausbesserungen. Der Palast, den Arakel Bei mit so grosser Sorgfalt errichtete, droht binnen kurzem zu einer malerischen Ruine zu zerfallen, Unterhaltungskosten dafür gibt es nicht. Am meisten setzte mich aber in Erstaunen, dass ich auf einem aus Hotumlu östlich hinaus unternommenen Spaziergange die Telegraphenleitung von verschiedenen umgewehten und nicht wieder aufgerichteten Stangen am Boden liegen – und doch Dienste verrichten sah. Ich konnte mir das anfangs nicht erklären, bis ich fand, dass der Draht auf basaltischem Boden lag, welcher vielleicht isolirend wirkte.
Mittlerweile wurde die Ausrüstung eifrig betrieben, Instrumente nahmen wir natürlich aus Europa mit. Auch hatte mir die Afrikanische Gesellschaft die Geschenke, welche bei der Katastrophe von Kufra gerettet oder wieder herausgegeben waren, zur Verfügung gestellt. Das neue, glänzende, prachtvolle Schwert von Solingen hatte gar nicht gelitten; die echt goldenen Fransen des grossen Sonnenschirms waren durch neue noch schönere ersetzt worden; der violettblaue Sammtmantel hatte sich ebenfalls gut erhalten. Das waren die Hauptstücke, welche ich dem Negus Negesti als mein Geschenk überreichen wollte. Absichtlich habe ich geschrieben: als mein Geschenk, da irrtümlicherweise das Gerücht sich verbreitete, der Deutsche Kaiser übermittele durch mich Geschenke an den Souverän von Abessinien.