Im übrigen completirte ich meine Geschenke durch Einkauf von echtem und unechtem Sammt, Schama (grosse, weisse, rothgeränderte Umschlagetücher, von denen ich Dutzende mitnahm), Baumwollenstoffen geringerer und besserer Qualität, Taschentüchern, Sonnenschirmen aus Seide und Kattun, Messern u.s.w. Sodann hatte ich eine ganze Partie billiger in Deutschland fabricirter Schmucksachen, die ich ebenfalls als Geschenke verwerthen konnte. Billige Ferngläser, Spiegel und besonders Goldbrokatstoffe von wundervoller Farbe und schönen Mustern vervollständigten die Geschenke. Man ersieht daraus, dass ich aufs reichste ausgerüstet war, aber wie viele Gouverneure, wie viele Provinzen und Städte mussten auch vorher besucht werden, und überall sollten und mussten passende Geschenke für die Machthaber und für die Bevölkerung dem Träger des kaiserlichen Briefes den nöthigen Glanz verleihen.
Auch die übrige Ausrüstung wurde hinsichtlich der Dienerschaft, der Fortbewegungsmittel und der Nahrung aufs grossartigste hergestellt. Es gelang mir, schon in Massaua einige Diener und Maulthiere zu bekommen, erstere durchaus Christen, d.h. Abessinier, da ich im Lande durch Mitnahme von Mohammedanern keinen Anstoss erregen wollte. Als Proviant hatte ich Mehl, Hülsenfrüchte, Reis, Zwiebeln, Zwieback, Zucker, Thee, einige Dutzend Flaschen Cognac und Absinth (diesen zum Verschenken), Gewürze und diesmal nur wenige Conserven, da ja in Abessinien täglich auf frisches Fleisch zu rechnen war.
Alles dies, selbst feinere Gemüse, europäische Kleidungsstücke u.s.w. konnte man recht gut und verhältnissmässig billig in Massaua bei griechischen Ladenbesitzern erhalten.
In die Zeit meines Aufenthaltes von Hotumlu fiel auch die Besteigung des Gedem, welcher ein nach Norden vorspringendes Gebirge bildet, dessen nördlichste Spitze unter 15° 4′ nördl. Br. sich befindet und in seiner höchsten Spitze vom 39° 4′ östl. L. von Greenwich geschnitten wird. Die Hauptachse des Berges ist von NNO. zu N. nach SSW. zu S. gerichtet. Etwa 24 km lang, beträgt die Durchschnittsbreite ca. 5 km.
Von weitem gesehen, hat der Gedem ein herausforderndes, abschreckendes und doch zugleich äusserst malerisches Aussehen: herausfordernd, weil er so zur Hand liegt, dass man meint, man müsste ihn besteigen, und er ist ja auch oft bestiegen worden; abschreckend, weil er von tiefen Furchen durchsetzt erscheint und keinen Baum und Strauch zeigt; malerisch, weil kaum ein Berg sich durch harmonischere Formen hervorthut. Seine Höhe steht mit der Breite und Länge in schönstem Verhältniss. Aber der Gedem täuscht doch: er ist nicht kahl, sondern durchaus, von unten bis oben mit Bäumen und Unterholz bestanden, nur sind die Bäume nicht gross, sondern scheinen durch häufige Brände in ihrem Wachsthum gehemmt zu sein.
Es war ein wundervoller Morgen, als ich mit einigen Dienern, einem Führer und einem Naib[59], alle beritten und reichlich mit Proviant versehen, aufbrach. Der Weg führt um die Bucht herum, und, fortwährend durch grosse Gebüsche von Calotropis procera und Euphorbia quadrangularis reitend, erreicht man bald das freundliche Städtchen Arkiko, die Residenz des Naib, mit etwa 1500 Einwohnern. Es war nicht zu vermeiden, ihm, dem Hauptnaib, in seiner Wohnung einen Besuch abzustatten. Noch weniger konnten wir der üblichen Tasse Kaffee, der Cigarrette und zum Schluss dem Geschenke eines Hammels aus dem Wege gehen. Ja, der Naib wollte sogar, wir sollten wenigstens einen Tag bei ihm bleiben, was wir indess entschieden, aber mit grosser Höflichkeit ablehnten, denn wir mussten weiter eilen, um noch vom frühen Morgen zu profitiren. Sobald man nun das freundliche Arkiko verlässt, dessen Häuser und Hütten zwischen riesigen Uscherbüschen, Mimosen und Hadjilidj (balanites aegypt.) versteckt liegen, hält man sich dichter dem Meere zu, dessen Anblick sich hier oft selbst dem Reiter durch doppelt mannshohe Meerlorberbüsche, auch Schora (Avicennia tomentosa) genannt, entzieht.
Im Uadi Fareg Bei, welches, wie viele andere, westlich vom Gedem verläuft und unterirdisch fliessendes Wasser enthält, machten wir bei einer Oertlichkeit, welche Airuri heisst und aus einigen Hütten besteht, halt, um zu frühstücken. Der Besitzer einer Hütte liess es sich nicht nehmen, uns mit schönen selbstgezogenen Wassermelonen zu bewirthen, auch Kaffee liess er von seinem Töchterchen in einem eigens dazu eingerichteten steinernen Kaffeetopf kochen: ein Beweis, wie selbst bei armen Bewohnern dieses Getränk in Ansehen steht. – Hier konnten wir denn, während das Frühstück bereitet wurde, schönblühende Blumen sammeln, wie denn überhaupt, je näher an den Gedem heran, der Pflanzenwuchs zunimmt. Nach kurzer Rast ging es weiter. Eigentümlich aber: hier sowol wie auch nördlich und westlich von Massaua weisen die zahlreichen Begräbnissplätze auf eine einstmals viel zahlreichere Bevölkerung. Wann lebte diese? Wann wurde sie verdrängt? Getödtet? Darüber konnte ich keinen Aufschluss erhalten. Aber ich vermuthe stark, dass die schwache Bevölkerung erst seit der neuesten Zeit datirt. Die Furcht vor den Abessiniern hat sie vertrieben.
Die Wasserlöcher von Airuri sind 2,5 m tief und hatten, als wir nachmittags um 4 Uhr das Wasser hinsichtlich der Wärme massen, bei 29° Lufttemperatur 27°C. Von hier an beginnt der Aufstieg.
Der Gedem, aus zwei fast senkrechten Granit- und Gneisschichten bestehend, zeigt ausserdem mächtige Lavaergiessungen, welche, so sieht es aus, jene beiden ersten Gesteinsmassen hier durchbrachen, dort überfluteten. So abgerundet der Gedem von der Wasserseite her aussieht, zeigt er doch, wenn man angekommen ist, äusserst durchklüftete Wandungen. Während die Ostseite steil abfällt, zeigt die Westseite Zwischenstufen, die sich zur Ferara-Ebene absenken, welche den Berg von den abessinischen Vorbergen trennt. So hat der Berg denn nach Westen zu auch zwei bedeutende Rinnsale: das nördlichere heisst Mülhohinna, das südliche bedeutendere Avero. Beide, sowie zahlreiche andere Rinnsale, ergiessen sich in den zuweilen auch nach der Ferara-Ebene benannten Sillikit, der sich im Norden mit dem aus Abessinien kommenden Chor Gatra vereint und später noch weiter nach Norden zu den Namen Airuri und schliesslich Fareg Bei annimmt. Das Mülhohinna-Thal hat 1 km von seiner Mündung aufwärts einen Brunnen mit Süsswasser, dessen Temperatur, bei 30° Lufttemperatur und einer Tiefe von 2 m, Stecker am Vormittag zu 30°C. fand. Der Mülhohinna-Brunnen befindet sich schon 160 m über dem Meere. Bemerkenswerth ist, dass man diesen Quell mit vorzüglichem Süsswasser während der englischen Expedition verborgen hielt. Selbst nach zweijähriger Trockenheit zeigte er noch eine ergiebige Fülle Wasser. Der südlichere Avero-Giessbach hat übrigens eine bedeutendere Länge, welche mit allen Krümmungen ca. 5 km betragen dürfte.