An der Quelle angelangt, wo gerade Schäfer eine kleine Ziegen- und Schafheerde tränkten, störten wir eine zahlreiche Affengesellschaft auf, von welcher ein Theil den Hundsaffen, Hamadryas kynokephalos, die kleinern Affen dagegen den Hamadryas gelada anzugehören schienen. Bei der Flucht sprangen die Jungen auf den Rücken der Mutter. Wir zogen noch höher hinauf und campirten dann, von grossen Feuern umgeben, in einer ziemlich engen Schlucht. Nachts wurden wir verschiedentlich aufgestört durch das Geheul von Raubthieren, die wol herbeigelockt sein mochten durch den Geruch der geschlachteten Schafe und die weggeworfenen Gedärme. Letztere waren denn auch am andern Morgen spurlos verschwunden.
Ich musste nämlich zwei Thiere schlachten lassen, da die eine Hälfte der mich begleitenden Leute aus Christen (Abessiniern), die andere aus Mohammedanern bestand. Letztere essen nicht das von jenen geschlachtete Fleisch, und umgekehrt, obschon bei beiden, abgesehen von den dabei ausgesprochenen Formeln, das Abschlachten absolut auf dieselbe Art geschieht. Da ein Thier für alle vollkommen ausreichte, konnten sie, indem sie zwei verzehrten, recht eigentlich im Fleische schwelgen, von welchem auch nicht ein Titelchen übrigblieb.
Am andern Morgen, noch vor Sonnenaufgang, vollendete ich, nur von einigen Leuten, welche Waffen und Instrumente trugen, begleitet, den Aufstieg, während die Mehrzahl aufs obere Avero-Thal zugingen, um mich dort zu erwarten. Trotz der frühen Stunde begegneten uns schon Eingeborene, welche auf Klippschliefer (Hyrax abessin.) ausgegangen waren, von denen sie Dutzende auf der Schulter trugen. Das Fleisch dieses reizenden Thierchens essen die Mohammedaner, während es die Abessinier aus religiösen Gründen verschmähen. Unter unerwartet grossen Anstrengungen bei der Steilheit und ausserordentlichen Schwierigkeit der Wege ging es nun bergauf. Mehreremal wollte ich davon abstehen, den doch gar nicht so hohen Berg zu erklettern, aber wenn ich dann bemerkte, mit welcher Leichtigkeit die von Jugend auf an Bergsteigen gewöhnten Abessinier die schwierigsten Stellen überwanden, mir sogar noch hülfreiche Hand leisteten, dann trieben Ehrgeiz und Scham mich vorwärts. Die grosse Affenheerde, vermuthlich dieselbe, der wir tags zuvor bei Mülhohinna begegneten, und wahrscheinlich die einzige auf dem Gedem, stellte sich uns wieder entgegen, wurde aber durch einige blinde Schüsse vertrieben. Endlich oben! Die Sonne ging gerade auf, und ein wunderbares Bild bot sich unsern überraschten Blicken. Noch einen grossen, von seitwärts wachsenden Boswelien und Avalo (Olea chrysophylla) überschatteten Lavablock, welcher 4 m im Geviert hielt, mussten wir erklettern. Wir standen auf der höchsten Spitze.
Leider waren durch tief hängende Wolken die Ortschaften Massaua, Hotumlu, Arkiko u.s.w. verhüllt, aber nach allen andern Seiten beschränkte nichts unsern Blick. Im Süden die Ansley Bai! Ich dachte an die Gründer von Adulis, an das von Kosmas aufgefundene Denkmal ptolemäischer Herrschaft, welches auf eine vormalige langdauernde Grösse und Wichtigkeit des Ortes zurückschliessen liess. Im Geist sah ich jene Scharen indischer Soldaten, welche dem stolzen britischen Leu folgten; die Eisenbahn, die Lagerbefestigungen, die grossartigen Wasserbecken, um Elefanten und die 40000 andern Lastthiere zu tränken. Jene wunderbare Bucht mit den grossen Transportschiffen, welche damals oft zu Hunderten dort ankerten! Und jetzt – nicht einmal ein einsames Fischerboot durchfurchte die klaren Fluten.
Und hätte nicht England ein viel grösseres Recht, sich bei Adulis einen Denkstein zu errichten, als jener Grieche, der die stolze Inschrift setzte: „Der grosse König Ptolemäus, Sohn des Ptolemäus und der Arsinoe u.s.w., hat das vom Vater erhaltene Reich durch Hülfe der von ihm und von seinem Vater aus Aethiopien herbeigeholten Elefanten erweitert und grosse Eroberungen in Kleinasien gemacht u.s.w.“ Hätten nicht auch, fragen wir, die Briten das Recht und die Pflicht, dort bei Adulis ihrer Grösse ein Denkmal zu errichten? Ein Denkmal, um der Nachwelt zu verkünden, wie sie, blos um einige der Ihrigen aus den Händen eines mächtigen afrikanischen Tyrannen zu befreien, hierher kamen mit Tausenden von englischen und indischen Soldaten, mit indischen Elefanten und 40000 Lastthieren, und wie sie hierauf nach Magdala zogen, die Engländer befreiten, das äthiopische Reich zertrümmerten und dann siegreich nach blos drei Monaten Aufenthalt das Land wieder verliessen!
Nach hinlänglicher Erholung wollte ich die Gedalospitze, eine der höchsten des Gedem, messen. Aber leider hatten wir den Alkohol vergessen. Das Aneroid konnte zwar auch eine annähernd richtige Höhe angeben, aber wünschenswerth war es, diese Messung durch eine hypsometrische zu controliren. Und nun – einer der jungen Abessinier, welcher unsere Verlegenheit bemerkte, machte sich sofort auf, um das Gewünschte vom Lagerplatz zu holen. In unglaublich kurzer Zeit war er auch mit der Flasche zurück. Die hypsometrische Messung ergab 1029 m, während das Aneroid nur 825 m[60] anzeigte; ein anderes Aneroid ergab 811 m. Anscheinend war dies die höchste Spitze des Berges. Von Kuppen merken wir an: Arbara, im äussersten Südwesten; Idet, 2 km ostnordöstlich von Gedalo entfernt; Maderali, von Gedalo 2 km in westnordwestl. Richtung entfernt; Koma, nordnordöstlich davon ca. 6 km entfernt, also ungefähr gleich hoch, im Unterschiede von höchstens 50 m. Durch scharfkantige Riffe miteinander verbunden, senden sie nach den Hauptthälern tief eingeschnittene Rinnsale hinab, wodurch der Gedem seinen so wilden Charakter erhält. Namentlich vom Arbara aus senkt sich nach Ansley Bai ein grosses, tiefes Thal hinab.
Wir blieben nur so lange oben, um die mehreremal nacheinander vorgenommenen Messungen zu vollenden, und begannen dann den Abstieg. Die nach zweijähriger Dürre gehemmte Vegetation erfreute doch jetzt durch einen gewissen Reichthum, namentlich auch deshalb, weil man auf gar keinen Pflanzenwuchs gerechnet hatte. Viele Bäume jedoch waren blattlos, und junge Knospen schienen es nicht recht zu wagen, sich hervorzuthun. Hin und wieder ragte aus den Spalten der höchsten Bergpartien grosses Büschelgras hervor; aber überall sah man die Spuren einer jüngst viel reichern Vegetation. Ja, die verschiedenen Flechten, Moose und Pilze an den Bäumen und am Gestein deuteten auf eine gewöhnlich grosse Feuchtigkeit hin.
Ausser verschiedenen Mimosen nannten die abessinischen Diener Saffa, Gerar, Kema, Karmea (Boscia reticulata), Dudena, Unkueï, Ankoa (Boswellia papyrifera) und Tolnua. Am meisten aber auf dem Gedem setzte mich in Erstaunen das Vorkommen wenn auch nicht sehr grosser Exemplare der Adansonia digitata, gewiss ein Beweis von grosser Feuchtigkeit des Erdreichs. Fast alle Bäume sind von Stapelien umschlungen, welche oft in den Kronen wahre Schattendächer bilden.
Ausser vielen Gazellenheerden, die aber nur in kleinern Truppen erschienen, wurden die schon erwähnten Affen und Klippschliefer bemerkt. Hyänen, Leoparden, Luxe, wilde Schweine, Schakale, vielleicht auch Löwen, Ichneumone, Stachelschweine, Ratten und Mäuse bilden den Säugethierbestand. Von Vögeln bemerkte ich Aasgeier, Raben mit weissem Hals (Corv. leuconotus), Falken, Haubenlerchen, Rebhühner, Perlhühner, Webervögel und Nectarine, viele jedoch in ihrem flüchtigen Vorbeihuschen konnte ich nicht erkennen.
Bei der grossen Trockenheit war die niedere Thierwelt weniger sichtbar. Von Ameisen machte sich die Häuser bauende Termite durch ihre 2–3 m hohen plumpen Gebäude noch am meisten bemerkbar. Grössere Schlangen bekamen wir nicht zu sehen, Echsen und kleinere Schlangen wurden eingeheimst, ebenso einige Libellen, Skorpione und Scolopendren gesammelt.