Den Gedem bewohnen im Norden die Saurta, auf der südlichen Hälfte die Terroa, beide Stämme dem Naib vom Arkiko unterthan. Der Religion nach sind sie Mohammedaner, von Fanatismus ist jedoch bei ihnen keine Rede. Sie haben auch keine Tholba (Geistliche) und keine Moscheen. Nach Aussage des Naib soll jeder Stamm mindestens 1000 Seelen stark sein, was ich indess für sehr übertrieben halte. Die Terroa besitzen auf dem Südgehänge des Gedem eine grössere Ortschaft, sonst aber leben sie zerstreut wie die Saurta in einzelnen, rund und auf einfachste Art erbauten Hütten. Beide Stämme, nahe verwandt mit den um Massaua wohnenden Triben, reden tigrinisch, d.h. einen stark mit arabischen Wörtern verquickten Dialekt des echten Tigrischen. Ihr Aeusseres ist ebenfalls nicht von dem der Küstenstämme zu unterscheiden. Alle Männer, Frauen und Kinder sind von dunkler, ins Schwarze spielender Hautfarbe und sehr mager, und diese Spärlichkeit in der Entwickelung und Befettung der Muskeln, die infolge davon mehr hervortreten, macht ihre stark markirten kaukasischen Gesichtszüge nur noch markanter. Ihr Haar tragen sie nicht, wie die übrigen Küstenbewohner und verschiedene Nubiervölker, in wulstigen Flechten oder geflochtenen Wülsten, sondern kurz geschnitten; aber nie rasiren sie sich den Kopf, wie es Araber und andere im Norden Afrikas wohnende berberische Stämme zu thun pflegen. Möglich, dass ihr Haar, welches ich überall nur 2 cm lang fand, bei der Neigung, sich zu kräuseln, nicht länger wächst. Die Männer gehen ohne jeden Schmuck, ohne jedes Abzeichen. Ihre Bekleidung ist die möglichst einfache: ein um die Lenden geschlagenes Stück Zeug. Für gewöhnlich tragen sie keine Waffen, und bei solchen Naturkindern ist das gewiss ein Beweis grosser Friedfertigkeit, aber alle besitzen Wurfspiesse.
Als Nahrungsquelle kann man ihre Schaf- und Ziegenheerden bezeichnen. Die Terroa besitzen auch Rinderheerden. Jagd betreiben beide Stämme eifrig, und besonders liegen sie dem Fange der Klippschliefer ob. Jenes kleine, murmelthierartige, nach den Zoologen mit unserm grössten Säugethier, dem Elefanten, nahe verwandte Thierchen, fangen sie mit Fallen oder graben es aus seinen Höhlungen heraus. Der Hyrax haust übrigens ebensowol in hohlen Baumstämmen wie in Felsspalten und Löchern. Mit der grössten Gewandtheit läuft das zierliche Thierchen an glatten Felswänden auf und ab, gerade so wie es die Fliegen an Fensterscheiben thun. Bei der verhältnissmässigen Grösse des Thierchens ist dies um so mehr zu verwundern.
Das weibliche Geschlecht der Saurta und Terroa ist, wie wir das bei fast allen auf nicht hoher Cultur stehenden Völkern wahrnehmen, bedeutend kleiner als das männliche. Die jungen Mädchen haben angenehme Züge, aber die grosse Magerkeit im allgemeinen thut der Schönheit ihres Körpers Abbruch. Sie machen auf ihre Haut keine Tätowirungen, durchbohren aber die Nasenflügel, die Nasenscheidewand und, wie wol auch die Damen in Europa, die Ohrlappen, um durch die Löcher Silberringe oder Glasperlen zu schieben. Den Hals, das Hand- und Fussgelenk schmücken sie mit Metallringen. Ihre Hände, aber auch die der Männer, sind ausnehmend klein: eine Eigenthümlichkeit nicht blos der Küstenbewohner, sondern aller Abessinier, deren Hände (eine jede Pariserin würde den gemeinsten Soldaten in Abessinien um seine Hände beneiden) überhaupt zu klein sind, als dass sie könnten schön genannt werden. Der Grund der Kleinheit, der Verkümmerung liegt im Nichtgebrauch, in der Arbeitslosigkeit.
Im Charakter der Saurta und Terroa scheint eine grosse Gleichgültigkeit, eine grosse Theilnahmlosigkeit gegen alle äussern Vorkommnisse zu liegen. Abgeschieden wie sie sind, von den Abessiniern nicht belästigt, weil bei ihnen nichts zu holen ist, von der ägyptischen Regierung nicht übermässig bedrängt – man lässt ihnen mindestens so viel, um nicht zu verhungern – leben sie jahraus jahrein auf dieselbe Art. Von der Heirath, dem einzigen wichtigen Lebensabschnitt, wird kaum Aufhebens gemacht. Ohne Festlichkeit übergibt man das junge Mädchen gegen Erlegung einer Kleinigkeit dem Gatten, und dieser beginnt dann mit ihr eine Murmelthierexistenz in der Weise der Aeltern und Grossältern.
Die Isolirtheit, das Inselartige des Gedem ist Hauptursache davon. Andererseits trägt die immerwährend hohe Temperatur gewiss nicht wenig dazu bei, eine Theilnahmlosigkeit zu erzeugen, welche unter andern Umständen unerklärlich wäre. –
Wir stiegen ins schöne Avero-Thal hinab, das an manchen Stellen prachtvolle Bäume und auch Spuren von Ackerbau zeigt, welchen die Terroa – sie säen Durra und Mais – nach anhaltenden Regengüssen zuweilen betreiben. Unter einer schönen Tamarinde hielten wir Mahlzeit. Schäfer mit kleinen Heerden kamen uns entgegen. Schnell handelseinig, brieten wir zwei für einen Thaler erstandene Zicklein über dem Feuer, und die Hirten, ihre Hunde und viele Aasgeier, Raben u.s.w. hatten auch noch was davon. Alsdann ging es weiter. Aber erst mit Sonnenuntergang erreichten wir Arkiko und unser Zeltlager bei Hotumlu.
Die Erzählung meiner kleinen zweitägigen Reise, abends bei einem guten Glase Dreher’schen Bieres, welches wir leider aber nur bis auf +26° zu kühlen vermochten, animirte Stecker derart, dass er gleich darauf ebenfalls einen Ausflug dahin unternahm und ebenso befriedigt zurückkehrte. Als Vorbereitungsreise kann auch in der That kein besserer Weg von Massaua aus eingeschlagen werden, als nach dem Gedem, diesem Abessinien im Kleinen in pflanzlicher und thierlicher Beziehung.
Inzwischen war der sehnlichst erwartete Dampfer eingetroffen. Mr. Lombard und seine Frau hatten sich bereits fertig gemacht. Der französische Consul nebst zwei französischen Offizieren, die ihn begleiten wollten, rüsteten ebenfalls. Ein spanischer Abgesandter, Herr Sosten d’Abargues, schon seit einem Jahre in Aegypten, sowie Herr Mitzaki, der griechische Consul, dieser in neuer Mission, sollten von Sues eintreffen. Ausserdem wollten noch zwei Jagdgesellschaften ihr Glück in Abessinien versuchen: eine englische unter Mr. James, und eine österreichische, die aus den Herren Pálffy, Esterházy und Prinz Liechtenstein bestand. Von einem Eindringen in das eigentliche Abessinien konnte bei beiden freilich nicht die Rede sein, aber erfolgreiche Jagden im Norden des Landes haben sie allerdings gehabt.
Ehe wir aber jetzt die eigentliche Reise beginnen, sei es uns gestattet, einen Blick auf die Mission der Schweden zu werfen, welche sich seit Jahren so grossartig in Mkullu entfaltete.