FÜNFTES KAPITEL.
DIE SCHWEDISCHE MISSION IN HOTUMLU, DIE FRANZÖSISCHE IN KEREN.
Maltzan über die schwedische und die katholische Mission. – Anders der Verfasser. – Die Kaiser Theodor und Johannes gegen die Missionare. – Die französische Regierung daheim meist freigeistig, draussen orthodox-katholisch. – Die Engländer evangelisiren und anglisiren dann. – Die Wohnung der schwedischen und französischen Missionare. – Negus Johannes’ Unterredung mit schwedischen Missionaren. – Die abessinischen Kinder in der Anstalt. – Schutzlosigkeit der nichtenglischen und nichtdeutschen Protestanten. – Gordon unterstützte die schwedischen Missionare. – Die französische Mission in Keren. – Der Abuna der Abessinier. – Kaiser Theodor und der Abuna. – Die Kirche der französischen Mission in Tigre von den Abessiniern verbrannt.
König Theodor sagte, zuerst kommen die Missionare, dann die Consuln, endlich die Soldaten. So unrecht hatte er eigentlich nicht. Der Verlauf der ganzen Colonisationsgeschichte zeigt fast überall diese, wenn auch öfters umgekehrte Reihenfolge.
Es kann natürlich hier nicht die Absicht sein, eine Geschichte abessinischer Mission von den ersten Anfängen an zu geben. Auch nicht von den Ursprüngen der protestantischen Mission in Abessinien. Wozu auch? Man würde nur ein Bild verkehrter und verfehlter Bestrebungen entrollen, verzerrter noch dadurch, dass durch die Feindseligkeit der Protestanten und Katholiken in einem fremden Lande die Bewohner daselbst keineswegs den vorteilhaftesten Eindruck vom europäischen Christenthum erhalten.
Die schwedische Mission begann ihre Thätigkeit gleich nach Beendigung des britischen Feldzugs. Der ursprüngliche Zweck war auf die Evangelisirung Abessiniens gerichtet; aber ins eigentliche Land der Monophysiten sind sie nie gekommen. Ohne Schutz einer weltlichen Macht, mit Mühe gegen die Plackereien der sonst in religiösen Dingen so duldsamen ägyptischen Regierung sich wehrend, haben sie nicht einmal sich von der Küste loszumachen vermocht. Und doch ist die schwedische Missionsanstalt diejenige, welche am meisten unsere Bewunderung und Achtung verdient!
Das ist freilich nicht die Meinung aller. Selbst Maltzan[61], wol aber nur durch Munzinger beeinflusst, welcher als französischer Consul eine protestantische Mission natürlich mit nicht wohlwollenden Blicken ansah, fällt das wegwerfendste Urtheil:
„Gern hätte ich diesen Gesprächen[62] auch den Nachmittag gewidmet, aber leider wurde mir dieser verdorben, und zwar durch die Ankunft eines schwedischen Missionars, gewiss des unwissendsten und bornirtesten Menschen, der je nach Afrika geschickt wurde, um ‚Heiden zu bekehren‘. Schweden besitzt nämlich eine Mission in Massaua, in deren Gründung und Statuten es alle andern Missionen an Ungeschicklichkeit übertrifft. So besteht hier die Bestimmung, dass ein Missionar nur drei Jahre in Afrika bleibt; hat er es hier so lange ausgehalten, so bekommt er zur Belohnung eine fette Pfarrei in Schweden. Nun sind aber drei Jahre das Minimum, welches ein Missionar an Zeit braucht, um sich in dem hiesigen Sprachenchaos zurechtzufinden. Also kommen diese Missionare gerade dann fort, wenn sie vielleicht anfangen, leistungsfähig zu werden. Die hiesigen Schweden sind übrigens so schwerfällig, dass sie noch viel längere Zeit bedürften, um sich zu wirklichen Leistungen zu befähigen. Mit der Sprache unbekannt, in ihrer nationalen Exclusivität sich streng abschliessend, haben diese Leute auch fast mit niemand Umgang, mit ‚Heiden‘, die es in Massaua nicht gibt, natürlich auch nicht. Sie leben also hier ein gemüthliches Stillleben, halten Betstunden, schreiben erbauliche Briefe nach Schweden, und damit ist wahrscheinlich den dortigen frommen Seelen gedient u.s.w.“
In anderm Sinne äussert sich aber Maltzan über die katholische Mission[63]: „Ganz anders ist dagegen der Eindruck, welchen die katholischen Missionare machen. Diese schlauen Mönche sind zwar überall gehasst und gefürchtet, aber sie fassen trotzdem doch Fuss. Jagt man sie fort, so kommen sie auf Schleichwegen zurück und erobern bald wieder ihr altes Praestigium. So ging es neulich in Tigre, dessen Fürst Dedschatsch Kassa (der jetzige Kaiser Johannes), ein fanatischer Monophysite (bekanntlich die äthiopische Heterodoxie), sämmtliche katholische Priester fortgejagt hatte. Und siehe da! jetzt sind sie wieder im Besitz aller ihrer verlorenen Stationen und sollen bereits elf Dörfer ‚bekehrt‘, d.h. vom Monophysitismus zum römischen Katholicismus gebracht haben. Diese Priester sitzen aber nicht müssig wie die Schweden, welche nichts anderes zu thun zu haben scheinen, als den ganzen Tag Orgel zu spielen, zum grossen Skandal der Moslems, denen dies ‚Bimbaumbimme‘ gar nicht gefallen will.“
Es ist kaum zu begreifen, wie Maltzan ein so vorurtheilsvolles Urtheil über die schwedischen Missionare hat fällen können. Die Schweden sind allerdings keine wissenschaftlich gebildeten und grossen Gelehrten, aber sie „unwissend“ und „bornirt“ zu nennen, ist geradezu eine Unwahrheit. Die schwedischen Missionare bleiben nicht drei Jahre in Massaua, sondern meistens lebenslänglich. Die schwedischen Missionare sind fast alle der amharischen Sprache mächtig, auch ihre Frauen. Von vielem Orgelspiel der Schweden habe ich nichts vernommen, obschon ich nicht einige Tage, wie Maltzan, in Massaua verweilte, sondern mehrere Wochen in der Nähe der protestantischen Mission in Hotumlu lagerte. Und wenn auch, welches Unrecht läge daran? Jedenfalls würden die Moslemin auch kaum etwas dagegen sagen. Viel richtiger ist aber, was von Maltzan über die Katholiken oder Franzosen sagt. Denn beide Namen, wir können das nicht genug betonen, decken sich im Orient, sobald es sich um Missionare handelt. Erst im vergangenen Sommer wurden sie wieder aus Abessinien verjagt; wer zählt zum wievielten male!?