Der eingangs erwähnte König Theodor hat in der That recht gehabt. Er liess Missionare in sein Land kommen, aber er gebrauchte sie – die protestantischen wenigstens – zur Fabrikation von Pulver und Kanonen; er empfing Consuln, aber er sperrte sie ein; er gab Veranlassung, dass eine feindliche Armee sein Land überschwemmte, und, besiegt und gedemüthigt, gab er sich den Tod! Es liegt also in der That etwas Wahres im Ausspruch des abessinischen Monarchen. Hat er doch an sich selbst die Erfahrung gemacht und als Held der blutigen Tragödie mit dem Opfer seines Lebens die Richtigkeit seiner Worte besiegelt. Auch sein Nachfolger, der Kaiser Johannes, hat über Missionare und ihre Thätigkeit, soweit es Abessinien betrifft, dieselben Ansichten. Ja, er beruft sich in dieser Angelegenheit ausdrücklich auf die Meinung und die Aussprüche seines Vorgängers.
Und speciell auf Abessinien angewandt, lässt sich ja kaum bestreiten, dass hinsichtlich des Glaubens ein Fernbleiben europäischer Missionare nur geboten erscheint. Die Abessinier sind doch Christen, wie der jetzige Negus Negesti ganz richtig betont. Und ob ihr Glaube, der Monophysitismus, der richtige ist oder nicht, wer würde das mit Bestimmtheit zu behaupten wagen? Ein vernünftiger Mensch sicher nicht. Hat man denn in Europa schon angefangen zu entscheiden, welche Religion die richtige sei? Verfluchen nicht die Katholiken die Protestanten? Fragt man die Träger der Religion, die Geistlichen, dann ist nur Heil in ihrer resp. Kirche. Aber wenn man z.B. sieht, dass die Mehrzahl der aufgeklärtesten Nationen: die Deutschen, Engländer, Schweden, Dänen, Holländer, der protestantischen Religion angehören, dass aber die protestantische Religion vom Haupte derjenigen Kirche verdammt wird, welche bei Völkern herrscht, die auf einer bedeutend tiefern Stufe der Cultur stehen, sollten einem da nicht berechtigte Zweifel erlaubt sein an der Urtheilsfähigkeit solcher Menschen, die sich freilich als von Gott besonders inspirirt hinstellen? Schliesslich dreht sich doch alles nur um Herrschergelüste: Wenn du so glaubst, wie ich, sagt der Katholik, dann wirst du selig. Wenn du so glaubst, wie ich dir die Bibel auslege, dann kommst du in den Himmel, sagt der Protestant, u.s.w. Was ist nun das Richtige? Niemand weiss es, und der vernünftige Mensch hat auch heute weder Zeit noch Bedürfniss, darüber nachzudenken.
Abgesehen von der französischen Regierung, welche im Orient als das weltliche Schwert des Nachfolgers Petri gilt, ist daher auch keine einzige Regierung für die Sache der Missionare beim äthiopischen Herrscher eingekommen. Frankreich gilt, wie gesagt, als Beschützer der Katholiken im Orient. Und wenn auch ab und zu die französische Regierung im Lande selbst Voltaire’sche Freigeisterei treibt, so huldigt sie im Auslande und namentlich im Orient nicht nur dem orthodoxesten Katholicismus, sondern trägt sogar mit Vorliebe den Propagandisten des Glaubens die Schleppe.
Früher, und in vielen Ländern und Gegenden noch heute, hatte England in ähnlicher Weise den Protestantismus im Auslande vertreten. Und was England durch die protestantischen Missionare gewann, braucht kaum hervorgehoben zu werden. In der That verhielt es sich so, wie König Theodor es sagte. Die Missionare, und es waren ebenso viele deutsche, wie englische, erwiesen sich überall als die Pionniere der grossbritannischen Colonien. Sie evangelisirten und bald darauf anglisirten sie die Länder. Die Begriffe Protestantismus und Britisch fingen an sich zu decken. Die deutschen Missionare verleugneten ihre Heimat, sie nannten sich mit Vorliebe Briten.[64]
Sollen wir ihnen einen Vorwurf daraus machen? Nein! In jener schmachvollen kaiserlosen Zeit konnten die deutschen Missionare nicht anders handeln. Fielen die Erfolge ihrer Bestrebungen einer andern Nation in den Schos, so war es nicht ihre Schuld. Wer im Vaterlande wollte sie dafür verantwortlich machen? Sollten sie etwa Länder christianisiren für Reuss Greiz, Schleiz, Lobenstein und für diese Weltmächte in Beschlag nehmen? War selbst Preussen zu der Zeit im aussereuropäischen Auslande geachteter als etwa Oldenburg oder die Hansestädte?[65]
Wir bekannten vorhin offen unsere Meinung, dass die Entsendung von Glaubensmissionaren nach Abessinien nicht schicklich und namentlich auch deshalb unrecht sei, weil die Regierung dieses Landes das Missionswesen unter den Einwohnern verboten habe. Schliesslich müssen doch immer die Gesetze eines Landes und nicht die religiösen Vorschriften die oberste Richtschnur bilden für die, welche darin leben. Es würde absolut unmöglich sein für die menschliche Gesellschaft, heutzutage blos nach religiösen Vorschriften zu leben. Selbst in Abessinien thut man das nicht. Und alle Völker, welche sich eine Zeit lang nur nach religiösen Stimmungen oder Bestimmungen richteten, sind daran bald zu Grunde gegangen. Wenn wir aber in Europa die Befolgung der Gesetze unserer Länder für alle verbindlich machten, so sollte man diese Forderung billigerweise auch für andere Länder berücksichtigen. Das haben denn auch die Schweden begriffen, denn wenn sie sich auch Eingang in Abessinien zu verschaffen suchten, thaten sie es doch immer offen, nie heimlich.
Die Missionsanstalt der Schweden, deren Existenzmittel durchaus aus privaten schwedischen Zuschüssen beschafft werden, besitzt ein geräumiges, äusserst zweckmässig eingerichtetes Gebäude auf der Grenze zwischen Hotumlu und Mkullu, welche zwei Ortschaften, wie schon erwähnt, am Festlande gegenüber Massaua gelegen sind. Die von Höfen und Gartenanpflanzungen umgebene Wohnung kann für dortige Verhältnisse luxuriös genannt werden, obschon sie nach deutschen Begriffen viel zu wünschen übriglässt. Jedenfalls ist die schwedische Mission in Massaua und Umgegend das besteingerichtete Gebäude, das an Zweckmässigkeit selbst das nicht unschöne Regierungspalais übertrifft. Dicht neben der schwedischen Mission haben die Franzosen ein unansehnliches Häuschen, dessen Vorzug aber darin besteht, dass es in einem wahren Hain von Lawsonien und Parkinsonien liegt, welche ehedem vom englischen Consul Plowden angepflanzt wurden. Mit ihren frischen immergrünen Blättern entzücken sie das in jener Gegend durch Baumüberfluss nicht verwöhnte Auge. Die eigentliche Hauptmission der französischen Lazaristen befindet sich jedoch in Massaua selbst. Der Boden wurde der schwedischen Mission von Gordon Pascha bewilligt. Gegründet 1870, hatten die Schweden anfangs auch landeinwärts Anstalten, zogen sich aber zurück, als sie vom Negus Befehl erhielten, ihre Missionsthätigkeit in Abessinien einzustellen. Selbst die nahe Station auf einem Hügel bei der heissen Quelle von Ailet verliessen sie, um in jeder Beziehung den abessinischen Vorschriften zu genügen. Ein von der Mission 1879 gemachter Versuch, durch Absendung von Geschenken, die ein Missionar nach Debra Tabor überbrachte, den Negus geneigter zu stimmen, scheiterte vollkommen. Vielleicht war der Ueberbringer der noch dazu dürftigen Geschenke nicht die geeignete Persönlichkeit.
Nach der üblichen Begrüssung fragte ihn der abessinische Herrscher: „Weshalb sind Sie eigentlich gekommen?“ – „Um mit höchster Erlaubniss die christliche Religion lehren zu dürfen.“ – „Aber wir sind ja alle Christen.“ – „Wir wollen auch nicht die christlichen Abessinier bekehren, sondern die Falascha (die Juden).“ – „Habt ihr denn in Schweden und Europa keine Juden?“ – „O ja, aber es gibt dort Geistliche genug, um sie zu bekehren.“ – „Aber wie seid ihr denn eigentlich hierhergekommen, welche Länder habt ihr durchzogen?“ – „Wir kamen durch Europa und dann durch Aegypten.“ – „Ei, welcher Religion gehören denn die Aegypter an?“ – „Der mohammedanischen.“ – „Dann bleibt doch lieber dort, um die Aegypter und Türken zu bekehren, statt nach Abessinien zu kommen, wo wir alle Christen sind. Vor allen Dingen lasst es euch angelegen sein, dass das Land und die Stätte, wo unser Heiland lebte und gekreuzigt ward, dass Palästina und Jerusalem christlich werde.“ – Sich mehr und mehr erwärmend fuhr der Negus fort: „Die christlichen Franzosen, Engländer und Deutschen prahlen immer mit ihrer Macht, und dass es eine Kleinigkeit sei, die Türken zu verjagen, aber warum lassen sie denn die Ungläubigen im Besitze der heiligen Stätten? Nur Russland und ich kämpfen fortwährend gegen die Mohammedaner, und hoffentlich werden wir uns einst in Jerusalem die Hand reichen.“[66] – Natürlich konnte der schwedische Bruder hierauf nichts erwidern. Dem Negus die Sache auseinanderzusetzen, dass sich die schwedische Mission gar nicht mit Glaubensangelegenheiten befasse, sondern nur den Kindern Unterricht ertheile in Lesen, Schreiben, Geographie, Geschichte, nützlichen Handwerken und Künsten, daran dachte er wol nicht, oder der Negus hatte nicht weiter Lust, ihn anzuhören, kurz, der Missionar musste unverrichteter Sache wieder abziehen.